Corpsstudenten- Zwischen Traditionen und Vorurteilen

Ein akkurater Seitenscheitel ganz im Zeichen der 50er Jahre, gebändigt von Pomade an den Seiten, um die perfekte Glätte zu erhalten, ein gebügeltes, hellblaues Hemd in die rote Stoffhose gesteckt, gefolgt von einem dunkelblauen Kaschmirpullover mit Rautenmuster, der lässig über die Schultern gelegt ist, ein dunkelblauer Flechtgürtel und braune Segelschuhe – die klassische Vorstellung eines Verbindungsstudenten.
Doch was verbirgt sich hinter diesem Erscheinungsbild und hinter einer Verbindung? Sind sie wirklich frauenfeindlich, konservativ, eine Karriereseilschaft und eine Saufgesellschaft? Oder handelt es sich gar um einen sektenhaften, antidemokratischen Geheimbund mit Hierarchiegedanken, deren Mitglieder um ihre Ehre kämpfen?


In Karlsruhe existieren 36 Studentenverbindungen, die sich auf verschiedenste Art und Weise voneinander unterscheiden. Dieser Unterschied beruht in der jeweiligen Gestaltung einer Verbindung. So gibt es zum Beispiel Burschenschaften, Turnerschaften, Sängerschaften, Landsmannschaften und Corps. Letztere werden hier mit besonderem Interesse bedacht, um den Versuch zu unternehmen, das sich stets um die Thematik windende Mysterium aufzuklären.

Studentenverbindungen werden oft als Synonym für Burschenschaften verwendet

Der Unterschied ist, dass Burschenschaften eine politische Konsultation ausüben und oftmals eher rechts konservativ ausgerichtet sind. Dadurch entsteht ein Ressentiment gegenüber allen anderen Arten von Studentenverbindungen, auch denjenigen, die sich durch das Toleranzprinzip eindeutig von Rassismus und Diskriminierung distanzieren. Dies bedeutet, dass sie ihren Fokus nicht auf eine religiöse, nationale oder politische Ideologie legen, sondern auf das Individuum selbst. Jeder, der zu der Verbindung passt, sich dort wohlfühlt und von Seiten der Verbindung aus als Bereicherung für die Gemeinschaft angesehen wird, kann ein Teil davon werden.

Häufig sind Studentenverbindungen als Karriereseilschaften verschrien

Viele glauben, dass allein die Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung ausreicht, um sich eine spätere Führungsposition zu sichern. Ist dieser Vorwurf berechtigt?
Fakt ist, dass sich die Mitgliedschaft in einer Verbindung, der feste Zusammenhalt innerhalb dieses Gefüges und das sich über Generationen hinweg erstreckende Geben und Nehmen selbstverständlich positiv auf den Einzelnen auswirkt. Dies nicht nur im Sinne der individuellen Charakterbildung hinsichtlich der Vermittlung gesellschaftlicher Werte und Normen, sondern auch des beruflichen Werdegangs. Die meisten Mitglieder von Studentenverbindungen besuchen während ihrer Studienzeit verschiedene Seminare um ihre Softskills zu erweitern, die für ihre Zukunft auf dem Arbeitsmarkt relevant sind. Darüber hinaus werden durch bestimmte Aufgaben innerhalb der Verbindung sowohl Eigenverantwortung als auch organisatorische Fähigkeiten geschult. Geschenkt wird hier allerdings niemandem etwas. Die alten Herren können den jungen Studierenden Tipps geben, das heißt aber nicht, dass sie ohne weiteres einen Verbindungsstudenten in ihren Arbeitsplatz schleusen können. Dementsprechend würde kein Arbeitgeber einen unqualifizierten Verbindungsstudenten gegenüber einem qualifizierten Studenten bevorzugen, nur weil dieser in einer Verbindung ist.
Natürlich stellen Studentenverbindungen eine Gelegenheit dar, sein persönliches Netzwerk vielfältig zu erweitern und Kontakte in die Wirtschaft zu knüpfen. Networking ist heutzutage obligatorisch und in Zeiten des Internets vor allem durch Portale wie LinkedIn oder Xing stark verbreitet.

Welche Rolle spielen die Frauen innerhalb einer Studentenverbindung?

Studentenverbindungen gelten häufig als frauenfeindlich. Doch entspricht dies auch immer der Realität? Das kann so mit Sicherheit nicht generalisiert werden. Frauen sind bei öffentlichen Veranstaltungen gern gesehene Gäste. Auf den Bällen wird zu Ehren der Frauen eine Damenrede gehalten und fleißig Knotentanz, eine abgewandelte Form von Discofox, praktiziert. Dennoch sollte sich eine Frau darüber im Klaren sein, dass auf ein gepflegtes Erscheinungsbild Wert gelegt wird und dass die Traditionen und Pflichten eines Verbindungsstudenten akzeptiert werden sollten. Seit dem 20. Jahrhundert existieren auch Damenverbindungen, da erst in jener Zeit den Frauen das Studium an einer Universität ermöglicht wurde, wie zum Beispiel die AV Nausikaa zu Heidelberg.

Was ist denn nun eine Studentenverbindung? Handelt es sich wirklich um Sekten oder Geheimbünde?

Ein Besuch beim Corps Saxonia sowie Corps Alemannia soll das Mysterium aufklären. Corps sind eine Art von Verbindung, die sich durch das Toleranzprinzip voneinander unterscheiden. Eine weitere sekundäre Differenz sind ihre Dachverbände. Der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) schließt diejenigen Verbindungen ein, die sich an Geistessozialwissenschaftlichen Universitäten befinden. Der Weinheimer Senioren Convent wiederum trägt die Corps der technischen Universitäten, wie hier das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). In Karlsruhe befinden sich vier dem Weinheimer Senioren Convent (WSC) angehörige Corps. Sie sind farbentragend und pflichtschlagend. Hierzu zählen das Corps Franconia, dessen Haus sich in der Karlstraße 6 befindet, das Corps Saxonia in der Werderstraße 81, das Corps Alemannia in der Nowackanlage 4 gegenüber des Badischen Staatstheaters sowie das Corps Friso-Cheruskia in der Parkstraße 25.
Allen vier Corps ist gemeinsam, dass sie ihren Sitz in wunderschönen rustikalen Häusern haben, die geschichtsträchtig anmuten. Sie zählen zu den ältesten Verbindungen in Karlsruhe und vertreten, wie alle Corps in Deutschland, das Toleranzprinzip, das Lebensbundprinzip, das Mensurprinzip, das Leistungsprinzip, das Demokratieprinzip und das Aufrichtigkeitsprinzip.

Ein Corps ist alles andere als eine Sekte, in der religiöse Rituale vollzogen werden, Mitglieder indoktriniert werden und ein Ausstieg unmöglich ist.
Es handelt sich vielmehr um eine Gemeinschaft von Studierenden, die miteinander ihr Studium und ihren Alltag organisieren. Auch wenn sich Corps als Lebensbund betrachten, wird niemand zur Mitgliedschaft gezwungen. Ein Austritt ist jederzeit möglich, wenn sich die Person nicht mehr mit dem Corps verbunden fühlt. Dies kommt jedoch sehr selten vor.
Selbstverständlich werden interne Angelegenheiten wie beispielsweise die Semesterplanung hinter verschlossenen Türen besprochen, aber in welchem Verbund wird das nicht getan? Im Gegenteil – öffentliche Veranstaltungen wie Bälle oder Semesterpartys finden im Namen der Verbindung statt und von einem Geheimbund, der religiöse oder politische Ziele im Untergrund verfolgt, kann nicht die Rede sein. Einige Mitglieder von Corps bekennen sich je nach Hochschulstandort mehr oder weniger öffentlich zu ihrer Mitgliedschaft. Das eindeutigste Zeichen der Zugehörigkeit, das die Corps voneinander unterscheidet, ist das Band, welches die jeweiligen Traditionsfarben (Couleur) präsentiert. So trägt das Corps Saxonia beispielsweise die Farben Grün- Weiß- Schwarz. Die Füchse tragen ein schwarz-weiß-schwarzes Band. Das Corps Alemannia hat die Farben Weiß- Hellblau-Rosa und ihre Füchse Hellblau- Weiß- Hellblau. Nach der Fuchsenzeit werden die Füchse zu Burschen und ihr Band wird dreifarbig. Die Mitgliedschaft in einem Corps sowie auch in den meisten anderen Verbindungen unterteilt sich in verschiedene Phasen. In den ersten ein bis zwei Semestern werden die Neulinge als Füchse bezeichnet. Das Wort Fuchs stammt aus der Zeit der Zünfte, in der Lehrlinge als solche benannt wurden. Sie lernen als Anwärter in ihrem ersten Verbindungsjahr das Leben adH (auf dem Haus) kennen. Sobald sie ihre Prüfung bestanden haben, sind sie Burschen. Dazu gehören in der Regel ein 30-minütiger Vortrag über ein anspruchsvolles, gewähltes Thema, eine Prüfung über die Chronik der Corps und eine geschlagene Mensur. Als Bursch wählt man auf dem Convent jedes Semester vier verschiedene Chargen. Der Senior (1. Vorsitz) ist in erster Linie für den reibungslosen Ablauf des Semesters zuständig und repräsentiert das Corps nach außen. Der Consenior ist verantwortlich für den Fechtbetrieb und stellt die rechte Hand des Seniors dar. Der Subsenior, auch Schriftwart genannt, kümmert sich um den gesamten Schriftverkehr. Des Weiteren gibt es einen Fuchsmajor, der sich um die Füchse kümmert. Er führt sie in das Verbindungsleben ein, erklärt ihnen die Abläufe und ist ihr primärer Ansprechpartner.

Corps führen die Tradition der disziplinarisch festgelegten Mensur, das heißt des akademischen Fechtens, fort

Der Fachterminus Mensur bezeichnet den definierten Abstand zwischen den Fechtern.
Die Tradition stammt aus dem 16. Jahrhundert. In dieser Zeit hatten nur Adelige, Studenten und das Militär das Recht eine Waffe zu tragen. Ihnen wurde das Fechten zur Verteidigung beigebracht, damit sie sich unterwegs schützen konnten. Heutzutage kennt die Mensur keinen Gewinner oder Verlierer. Viel wichtiger ist es, Disziplin, Ausdauer und Contenance zu bewahren. Die Corps bewerten die Bestimmungsmensur, d.h. das Fechten miteinander nach der Technik, dem Tempo, der Härte und der Moral. Zum Schutz der Paukanten, der teilnehmenden Fechter, werden Teile vom Kopf und vom Gesicht, so wie der komplette Oberkörper und Hals vor Verletzungen geschützt. Die Narben, die trotz alledem entstehen können, werden als Schmisse bezeichnet. Wird einer verletzt, wird die Mensur sofort abgebrochen. Des Weiteren kann eine Mensur nur in Anwesenheit eines approbierten Arztes, Paukarzt, durchgeführt werden. In den sogenannten Paukstunden wird für die Mensur trainiert. Hier lernen die Corpsstudenten eine disziplinierte, saubere Fechttechnik einerseits durch einen Fechtmeister und anderseits durch das tägliche Training mit dem Consenior und den anderen Corpsburschen. Die Mensur dient der Persönlichkeitsentwicklung, der Disziplinierung und dem Auftreten. Die Corpsstudenten sollen hierbei lernen Konflikt- und Stresssituationen besser meistern zu können. Des Weiteren repräsentieren die Paukanten ihre Gemeinschaft.

Durch ihr Traditionsgefühl wirken viele Corpsstudenten auf den ersten Blick konservativ

In gewisser Weise sind sie dies auch, da die Etikette von den Älteren an die Jüngeren weitergereicht wird. So wird beispielsweise beim Essen auf die Manieren geachtet und bei öffentlichen Veranstaltungen auf die Gastgeberqualitäten Wert gelegt.
Die großzügigen Räumlichkeiten in Corpshäusern bieten die Möglichkeit, Events wie Seminare oder auch Vorträge zu organisieren und durchzuführen. Und natürlich dienen sie auch für öffentliche Veranstaltungen wie zum Beispiel für Cocktailabende, Bälle oder Semesterpartys. Darüber hinaus stellt jedes Corpshaus Gemeinschaftsräume zum Lernen sowie eine Bibliothek mit den wichtigsten Lernmaterialien und Standartwerken für viele Studiengänge zur Verfügung.

Jeder, der sich sein eigenes Bild vom Corps Alemannia und vom Corps Saxonia machen möchte, ist dort jederzeit herzlich willkommen!

Mehr Informationen unter: www.alemannen.de und www.saxonia-karlsruhe.de

Ein Besuch bei den beiden Corps zeigte, dass die Vorurteile keineswegs zutreffend sind. Corps sind weder rechtsradikal, eine Karriereseilschaft, frauenfeindlich, noch ein Geheimbund. Die Gastfreundlichkeit und die Offenherzigkeit sprechen für sich. Es ist äußerst traurig, dass mancherlei Vorurteile zu solchen Diskrepanzen führen können. Corpsstudenten sind wie alle anderen Studenten auch. Der einzige Unterschied liegt darin, dass sie ihre Traditionen bewahren.

R. Günther

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5 Reaktionen zu “Corpsstudenten- Zwischen Traditionen und Vorurteilen”

  1. Corpsstudenten – Zwischen Traditionen und Vorurteilen | Corps und Corpsstudenten in der Öffentlichkeit

    [...] KA.mpus – Das Hochschulmagazin für Karlsruhe Related [...]

  2. Corpo

    “Studentenverbindungen werden oft als Synonym für Burschenschaften verwendet”

    => andersrum!

  3. Marcel

    Ich dachte immer, bei ka.mpus und dem dazugehörigen Seminar würden bestimmte journalistische Grundregeln vermittelt bzw. auf die Einhaltung dieser geachtet. Das scheint hier aber nicht funktioniert zu haben.

    Der Verfasser (seit wann bei ka.mpus eigentlich nicht mit vollem Namen?) scheitert schon an der Darstellung der Kritik, die er in seinem Artikel widerlegt sieht. In der Überschrift als “Vorurteile” abqualifiziert, werden weder Urheber der Vorwürfe (“viele glauben”, etc) genannt, noch auf welchen Annahmen diese beruhen. Um sinnvoll argumentieren zu können, sollte man ja aber vielleicht erst einmal klären, was die Gegenseite überhaupt spricht.

    Dementsprechend überzeugend wird die Kritik dann auch widerlegt:

    Frauenfeindlich? Natürlich nicht. Immerhin sind Frauen als Teil der Öffentlichkeit anerkannt (!) und auf ebensolchen Veranstaltungen “gern gesehene Gäste”. Außerdem dürfen sie auf Bällen fleißig Knotentanzen – wobei sie jedoch äußerlich den Vorstellungen der Corpsstudenten zu entsprechen und deren “Pflichten und Traditionen” (was ist damit eigentlich gemeint?) zu akzeptieren haben.

    Zwischenfrage: Dürfen Frauen denn bei den im Artikel genannten Beispielen Mitglieder werden? Uns was ist mit Ausländern? Und, ich bitte um Verzeihung für die vielen Fragen, warum ist von diesen Dingen im Artikel eigentlich nichts zu lesen?

    Weshalb es sinnvoll ist, seine Mitglieder zum Fechten zu zwingen und sich ggf. gegenseitig zu verletzen, wird so schön erklärt, dass ich einfach mal zitiere: “Die Mensur dient der Persönlichkeitsentwicklung, der Disziplinierung und dem Auftreten. Die Corpsstudenten sollen hierbei lernen Konflikt- und Stresssituationen besser meistern zu können.”

    Ich könnte noch ewig weitermachen. Wobei, nicht ganz. Auf einige der zu Beginn genannten und am Ende auf wundersame Weise widerlegten “Vorurteile” wird nämlich überhaupt nicht eingegangen. Alkohol zum Beispiel.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Eine differenzierte Darstellung von Verbindungen in ihrer Vielfalt hätte mich durchaus interessiert. Oder auch eine gut recherchierte und ausgewogene Reportage, die mal schaut, was an den Vorurteilen so dran ist.

    Das hier ist aber einfach nur Propaganda.

  4. Sebastian

    Da gebe ich Marcel recht – ein unglaublicher Artikel, der akademischen Leitlinien, dem ein solches Campus Magazin entsprechen sollte, in keiner Weise gerecht wird!

  5. Michael

    Hallo ka.mpus-Redaktion,

    auch ich finde – wie meine beiden Vorschreiber – den Artikel unsäglich bzw. reines Propagandageschreibsel, welches keinerlei journalistischen Kriterien entspricht. Man ist fast versucht zu denken, der Autor sei selbst Corpsstudent…

    Gibt es von Eurer Seite irgendeine Bestrebung, in der nächsten Ausgabe einen Artikel zu bringen, der Corps bzw. Korporationen im allgemeinen mit den aktuellen Erkenntnissen der Forschung (u.a. Kurth, Männerbünde) konfrontiert?

    Zumal ihr ja in der gleichen (!!!) Ausgabe eine echt putzige Erklärung gegen jede Art von Rechtsradikalismus veröffentlicht habt. Das macht einen echt ratlos…

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