Nicht verzagen, Dr. Google fragen! – oder nicht?

Dr. Google

Das Internet weiß alles. Von Albert Einsteins Biografie bis zum Fressverhalten der Zebras, kann man sich über alles informieren. Aber was passiert, wenn die Informationen missverstanden werden? Viele Internetuser googeln im Falle einer Erkrankung selbst nach Medikamenten oder Heilungsmöglichkeiten und wissen nicht, welch gravierende Schäden sie sich bei einer falschen Behandlung selbst antun. Sind sie schon krank oder werden sie es erst durch das Internet?

Es fängt alles ganz harmlos an. Man wacht auf, frühstückt und richtet sich danach für den bevorstehenden Tag. Gesicht waschen, Haare kämmen und Zähneputzen – alles hat seinen normalen Lauf – bis auf eine Kleinigkeit. Beim Zähneputzen macht sich ein kleiner schwarzer Fleck in der Mundhöhle bemerkbar. War der schon vorher da? Eigentlich nicht. Für einen Arztbesuch ist dieser Fleck zu klein. Die langen Stunden im Wartezimmer, sowie einen Kampf um einen sofortigen Termin, wären zu viel Aufwand für einen so kleinen unscheinbaren Fleck. Unscheinbar, aber doch vorhanden – ganz kann man diesen schwarzen Punkt auch nicht verdrängen. Die nächste und wohl einfachere Methode wäre es Dr. Google zu fragen. Mit der Beschreibung der Symptome und ein paar Klicks, ist man seiner Genesung näher – oder auch seinem bevorstehenden Tod. Das Internet diagnostiziert Hautkrebs.

Tatsächlich wird das Internet von immer mehr Menschen hinsichtlich Gesundheitsfragen konsultiert. Warum auch nicht? Man sollte nicht wegen jedem kleinen Kratzer zum Arzt gehen. Aber was passiert wenn das Suchen nach möglichen Krankheiten zu einer Sucht wird? Die Antwort darauf ist kurz und modern: Sie werden zum Cyberhypochonder. Der Begriff Cyberhypochonder ist ein noch recht junger Begriff, der sich erst im Jahr 2000 in der Gesellschaft verbreitet hat. Gebildet wird er einerseits mit dem Wort Cyber, was übersetzt “eine vom Computer erzeugte Scheinwelt” bedeutet und dem Wort Hypochondrie, welches die übertriebene Neigung der Beobachtung des eigenen Gesundheitszustandes beschreibt, sowie die daraus resultierende Angst, erkrankt zu sein.

Bei Cyberhypochondern handelt es sich um Menschen, die wegen jeder ungewöhnlichen Veränderung ihrer körperlichen Verfassung die Ursache hierfür im Internet suchen. Die Suchergebnisse sind hierbei im eigentlichen Sinne eher harmlos. Es ist die Interpretation des Suchenden, welche verheerende Auswirkungen haben kann. Die Angst, unheilbar erkrankt zu sein, trifft im Internet auf fruchtbaren Boden. Der Mensch neigt schon seit Anbeginn seiner Existenz dazu, vom schlimmsten Fall auszugehen. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit nur bei 10% liegt, dass die festgestellten Symptome dennen einer tödlichen Krankheit entsprechen, fürchtet die betreffende Person um ihr Leben.

Um dieser Massenhysterie entgegenzuwirken, beschloss die Regierung in Australien sogar, eine eigene Gesundheitsseite im Internet einzurichten. Auf dieser kann man sich nicht bloß über Krankheiten informieren, sondern auch erfahren, ob derzeit irgendwelche Epidemien im Umlauf sind. Allerdings begehen viele Suchende den Fehler, diese, sowie andere Gesundheitsseiten, wie einen menschlichen Arzt zu sehen. Denn obwohl es sich um allgemeine Informationen handelt, werden die Beschreibungen der Symptomatik auf den eigenen Fall bezogen und der Sucher sucht weiter nach der besten Heilungsmöglichkeit seiner vermutlichen Krankheit. Allerdings verschlimmert sich die Krankheit mit jedem weiteren Klick durch die unzähligen Gesundheitsseiten.

In einem Fall unterbrach eine junge Australierin ihren Urlaub in Rumänien, da sie sich sicher war, dass sie an Borreliose erkrankt sei. Der Besuch bei ihrem Hausarzt zeigte allerdings, dass sie unnötig viel Geld für die Umbuchung ihres Rückflugs gezahlt hatte.

Von Seiten der Ärzte wird diese Neuerscheinung zwiespältig betrachtet. Einerseits können die Patienten sich bei kleineren Erkältungen selbst behandeln, was mehr Zeit für die wirklich schwererkrankten Patienten schafft. Andererseits müssen die Ärzte nun mühselig den Patienten davon überzeugen, dass dessen ausgedruckten Papiere nicht auf ihn zutreffen.

Nach einem anstrengenden Tag und der furchterregenden Neuigkeit, dass Hautkrebs in der eigenen Mundhöhle entsteht, betrachtet man sich nochmal genauer im Spiegel. Soll dieser kleine Fleck wirklich der Anfang regelmäßiger Arztbesuche sowie von unvorhersehbaren Strapazen sein? Resigniert greift man zur Zahnbürste und hofft diesen Fleck wie den anderen Belag einfach wegzuputzen. Und siehe da, er verschwindet ja doch! Stimmt ja, am Vorabend gab es Salat.

Emilia Maria Kühn

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