Arschgeweih und Anker am Arbeitsplatz


“Man sollte entweder ein Kunstwerk sein, oder eines tragen”, sagte seinerzeit Oscar Wilde, der nicht zu Unrecht als Ästhet und Provokateur galt. Ob eine „Bauchnabelsonne“ oder ein „Hüftknochenschmetterling“ als Kunstwerke angesehen werden können, ist eher fragwürdig. Dennoch beschließen immer mehr junge Menschen, sich Farbe unter die Haut stechen zu lassen, ein Bild, ein Zeichen oder einen Schriftzug für immer und ewig auf dem eigenen Körper zu tragen…

Gerne auch an für jedermann sichtbaren Stellen, wie den Unterarmen oder in Bereichen, die gewollt ungewollt versteckt wirken, wie hinter den Ohren. Doch trotz des seit Ende der 80er Jahre aufkommenden Trends werden Tätowierungen in vielen Branchen nicht gerne gesehen und wer sich tätowieren lassen möchte oder es bereits ist, muss sich fragen, ob der Körperschmuck bei momentanen oder zukünftigen Arbeitgebern vielleicht nicht so gut ankommen könnte.

“‘Opa wird uns alle enterben, wenn er das sieht!’, schrie meine Mutter, als ich ihr meine Tätowierung das erste Mal zeigte. ‘Ganz davon abgesehen, dass du mit dem Ding nie einen Job finden wirst’ – Das war ein Monat nachdem ich mir das Ding stechen ließ, mittlerweile habe ich noch zwei weitere Tattoos, eins am Knöchel, eins am Arm und dann noch ein winzig kleines an der Hand.” Die 21-jährige Sarah lacht, “klar wollte ich meine Mama ein wenig schocken, aber aus dem Testament gestrichen wurde noch keiner bis jetzt. Aber ich achte sicherheitshalber bei jedem Familientreffen darauf, dass meine Tätowierungen verdeckt sind… Spießig finde ich das schon”.
Im Privatleben sieht die Germanistikstudentin allerdings weniger das Problem, viel schwieriger ist es nach wie vor tatsächlich im Beruf, wo viele körperbeschmückte Menschen mit Vorurteilen zu kämpfen haben.
Dabei spielt die jeweilige Branche eine wichtige Rolle. An Personen, die in kreativeren Berufen tätig sind, wirkt ein Tattoo weit weniger unpassend als zum Beispiel an einem Banker oder Politiker. Auch in der gehobenen Gastronomie oder oftmals im Einzelhandel wird man gebeten, seine Tätowierung unsichtbar zu machen und wenn dies nicht möglich ist, muss man damit rechnen, die Stelle möglicherweise nicht zu bekommen.

Der 28-jährige Steffen R. berichtet, dass er in seinem Beruf als Veranstaltungstechniker weniger Probleme hat, dass er aber je nach Art der Veranstaltung doch mal hier und da schiefe Blicke erntet: Seine Waden und Oberarme zieren mehrere farbige und großflächige Tätowierungen, ein verschnörkelter Drache und ein siamesischer Krieger sind zu erkennen. Bei der oftmals körperlich anstrengenden Arbeit ist es für ihn unangenehm bis unmöglich alle Tattoos unter langer Kleidung zu verstecken. Einsehen würde er das auch nicht, denn er findet es “bekloppt” wie vorurteilsbehaftet offensichtlich tätowierte Menschen teilweise behandelt werden. „Das lässt doch null auf die Persönlichkeit oder sonstige Kompetenzen eines Menschen schließen, ob er tätowiert ist oder nicht!“. “Leute, die Tattoos mit asozialem Verhalten, Ungepflegtheit oder gar Kriminalität verbinden, gibt es leider immer noch”, fügt er hinzu. „Als ob alle Tattoos im Knast und mit Tinte und heißer Nadel gestochen werden.“
Ob Tätowierungen im Job nun gerne gesehen sind oder nicht, war für ihn nie ein Kriterium, „Also ich finde, wenn man sich schon im Vorfeld so viele Gedanken darüber macht, ist man nicht für ein Tattoo bereit und sollte es dann besser ganz lassen.“ Für ihn sind seine Tätowierungen sehr bedeutungstragend, alle paar Monate besucht er sein Stammstudio Hell Yeah in Karlsruhe, um sich seinen Körper weiter bemalen zu lassen. Der dort tätige Tätowierer Viktor erzählt, dass er jüngeren Leuten oftmals Bedenkzeit gibt, bevor er diesen ein besonders auffälliges und großes Motiv sticht. „Wenn eine Tattoojungfrau kommt und gleich ein farbiges Motiv mitten auf dem Unterarm will, sich aber noch unsicher wegen der Stelle ist, schlage ich ihr als Alternative oberhalb des Ellenbogens vor. Damit ist man immer auf der sicheren Seite und ich will ja auch, dass meine Kunden lange zufrieden mit meinen Tattoos sind.“

Wer sich unter die Nadel legt, sollte sich also grundsätzlich bewusst sein, welche berufliche Richtung er später einmal einschlagen wird oder zumindest will. Und wer nach reichlicher Überlegung noch immer unschlüssig ist, auf den Körperschmuck aber nicht verzichten mag, sollte sich wohl für ein kleines, abdeckbares Motiv oder noch besser, eine Körperpartie entscheiden, die auch bei 30 Grad verdeckt bleibt.
„Ich jobbe neben dem Studium im Einzelhandel, in einem eher nobleren Kaufhaus. Dort herrscht eine allgemein vorgegebene Kleiderordnung. Tattoos werden bei den Mitarbeitern nicht gerne gesehen und man wird gebeten, diese am Arbeitsplatz zu verdecken. Bereits beim Vorstellungsgespräch habe ich alle sichtbaren Tätowierungen verdeckt, mit Schmuck oder langärmligen Oberteilen. Um Ärger aus dem Weg zu gehen, handhabe ich das auch weiterhin so. Zum Glück gibt es dort eine Klimaanlage!“ Auch in ihrem zukünftigen Berufsleben will Sarah es nicht anders machen. „Aber es ist doch hinterwäldlerisch, dass Tätowierungen bei einigen immer noch so verpönt sind und dass das nicht einfach als Akt der Selbstverwirklichung zählt.“ Für sie sind Tätowierungen eindeutig Privatsache. „Und wenn mich tatsächlich mal jemand wegen den drei kleinen Tätowierungen nicht einstellen, beziehungsweise entlassen wird, weiß ich, dass das definitiv nicht der richtige Job für mich wäre. Schließlich muss ich mich ja auch mit dem Konzept und der Einstellung eines zukünftigen Arbeitgebers identifizieren können. Und Intoleranz oder altbackene Vorurteile teile ich nicht.“ Auch wenn sie nicht unbedingt glaubt, mal in der Position zu sein, sich Jobs aussuchen zu können, blickt sie optimistisch in die Zukunft. „Schließlich sind immer mehr junge Menschen tätowiert, irgendwann wird sich hoffentlich keiner mehr daran stören. Ob nun ein Jurist, ein Lehrer oder der Hausarzt tätowiert ist, was sagt das denn bitte über deren Qualifikationen aus?“
Doch soweit ist es noch lange nicht, dass die Gesellschaft Tätowierungen am Arbeitsplatz einschränkungslos duldet, sagt Jullian H., Student der Wirtschaftswissenschaften. Er würde sich niemals, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, ein Tattoo stechen lassen. Davon abgesehen, dass er sich nicht damit anfreunden könnte für sein gesamtes restliches Leben mit einem Bild oder Schriftzug oder was auch immer gerade ‘in’ ist, rum zu laufen, würde er es ungern riskieren, dadurch seinen beruflichen Werdegang negativ zu beeinflussen. „Auf Tätowierungen lastet noch immer ein schlechter Ruf. Tätowierte Geschäftsmänner sind nicht gerne gesehen, weil es möglicherweise unseriös wirken könnte. So ein Ruf lässt sich nur schwer dementieren und das wird bestimmt noch ein Paar Jahre dauern, ehe Tattoos gesellschaftsfähig sind.“ Der 25-jährige Student, der demnächst ein Praktikum im Bereich der Unternehmensberatung machen wird und schon einige Vorstellungsgespräche auf diesem Gebiet hatte, meint, es würde sich nicht lohnen dort mit einem bunten Unterarm aufzukreuzen um schließlich möglicherweise nirgends eingestellt zu werden und somit vielleicht seinen absoluten Traumjob zu riskieren. Er findet es besonnener, wenn gerade junge Leute sich im Vorfeld Gedanken darüber machen, wie das bei künftigen Arbeitgebern aufgefasst wird, wenn Bewerber tätowiert sind, anstatt sich auf die wachsende Tattoo-Toleranz zu verlassen.
Besonders in Berufen mit Kundenkontakt und in klassischen Sparten wie Handel oder Versicherung werden Tätowierungen nach wie vor nur ungern gesehen. Eigentlich unterliegen Tätowierungen tatsächlich dem Persönlichkeitsrecht, ein Chef darf Körperschmuck nicht offiziell verbieten. Dennoch ist das Tragen eines sichtbaren Tattoos oftmals vertraglich untersagt und kann tatsächlich zur Entscheidung gegen einen tätowierten Bewerber führen.

Entfernung und Alternativen

Wer nicht wie Steffen das Glück hat, einen Beruf zu haben, der das sichtbare Tragen von Körperverzierungen erlaubt oder wie Sarah die Möglichkeit, seine Tattoos unter Kleidung zu verstecken, muss versuchen auf anderem Weg ‘tattoofrei’ zu erscheinen. In letzter Zeit wurde viel über sogenannte „Bio-Tattoos“ gesprochen, angeblich werden diese nicht so tief gestochen und sollen nach ca. 7 Jahren verblassen. „Unsinn“, sagt Viktor, „wenn Farbe in die Haut gestochen wird, dann bleibt sie dort. Temporäre Tattoos gibt es nicht. Die Farben verblassen vielleicht aber man wird immer Rückstände sehen können.“
Kurzfristig lassen sich nicht all zu großflächige Motive mit Camouflage Make-up oder Theaterschminke abdecken, doch das wäre sicher keine alltagstaugliche Lösung. Der letzte Weg wäre vermutlich eine dauerhafte Entfernung eines Tattoos durch Laser, was aber auch gleichzeitig eine kostspielige und nicht ganz schmerzfreie Methode ist, die mehrere Sitzungen und somit viel Geduld erfordert.

Ein Tattoo ist eine Entscheidung für immer! Wer sich ein Motiv gefunden hat und dieses auf seinem Körper verewigen will, sollte sich im Vorfeld über mögliche Konsequenzen bewusst sein. Und dass das Motiv eines Tages nicht mehr gefallen könnte, ist da das kleinere Übel… Wer tätowiert sein will, sollte bedenken, dass es zu Einschränkungen im Job oder gar Problemen bei der Jobsuche kommen kann und dass nicht alle Menschen an Tattoos gewöhnt sind, sich dadurch provoziert fühlen oder den ästhetischen Aspekt nicht nachvollziehen können. Wer darüber steht, sich Gedanken gemacht hat und eine Ahnung hat, wohin es ihn beruflich mal führen wird, kann sich aber getrost unter die Nadel begeben.

Lisa Mielke

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