Sterne zählen

Marktplatz
Was haben Batman, Hamster und der durchschnittliche Unibib-Besucher gemeinsam? Genau, sie werden erst richtig aktiv, wenn es dunkel wird. Doch was tun, wenn alle Arbeit erledigt ist und die Gedanken noch immer keine Ruhe finden?

Im Hamsterrad

Klausuren, Deadlines für Hausarbeiten, mündliche Prüfungen. Ergänzt durch den längst fälligen Putzdienst, Bafög-Anträge, einen leeren Kühlschrank und über Vernachlässigung klagende Freunde. Zu viele Aufgaben, um sie nur tagsüber zu erledigen. Da bietet es sich an, die Lernzeit durch literweise Kaffee, Red Bull oder mit Hilfe sonstiger Substanzen künstlich zu verlängern, um ´bis(s) zum Morgengrauen´ weiterzuarbeiten. Selbst wenn Edward Cullen danach neidisch auf die blutleere Gesichtsfarbe ist, je öfter dies passiert, umso schneller läuft die innere Uhr verkehrt herum. Leider wird man als Student zwar Meister im Aufputschen, Wachhalten und Durchmachen, wie man aber wieder runterkommt, hat uns niemand beigebracht.
Wenn wir im Kindesalter nicht schlafen konnten, wurden wir meist so lange umsorgt, bis endlich Ruhe einkehrte. Aber inzwischen sind wir ´erwachsen´, Gutenachtgeschichten und Milch mit Honig Vergangenheit. Jetzt liegt es an uns eine Lösung zu finden, anstatt uns stundenlang schlaflos im Bett herumzuwälzen. Warum nicht einfach mal rausgehen und den flimmernden PC und die Unordnung in Zimmer und Kopf dabei zurücklassen?
ZKM
ZKM, irgendwann gegen eins. Die Skulptur zur „Car Culture“ -Ausstellung sieht ohne Tageslicht viel lebendiger aus. Durch das Strahlen der Scheinwerfer sehen die drei Käfer in jedem Blickwinkel anders aus, als veränderten sie ihre Pose bei jedem Schritt. Ich fühle mich ein bisschen an Transformers erinnert und setze meinen Weg fort. In der Klauprechtstraße ist alles friedlich. Alle Lichter sind ausgeknipst, wie viele der Anwohner schlaflos im Bett liegen, weiß ich aber nicht.
An der Kreuzung zur Hirschstraße stehen verlassen die Tische einer dazugehörigen Bäckerei. Wen das Alleinsein nicht stört, der könnte hier so lange sitzen bleiben, bis der Bäcker im Morgengrauen mit seiner Arbeit beginnt. In diesem Moment bin ich sehr froh, kein Bäcker zu sein.
Die ganze Luft fühlt sich anders an, als ob sie sich tagsüber verändern würde, sobald sie all die Geräusche aufnehmen muss. Doch wirklich still ist es auch um diese Uhrzeit nicht, in der Ferne hört man das summende Geräusch von Automotoren, vereinzelte Stimmen und das Rauschen des Windes.

Über Religion und Erdbeerjoghurt

Als ich an der Brücke auf der Hirschstraße etwas in meinen Block notieren will, hält ein Mann mittleren Alters mit dem Fahrrad. Ob ich um diese Uhrzeit noch Verkehrszählungen betriebe? Wir kommen ins Gespräch. Er gehe jetzt gleich ins Bett, er sei nach der Arbeit noch bei Freunden gewesen. Ob er als Jugendlicher länger auf war? Kaum. Er sei Moslem, die fünf Tagesgebete gäben einen gewissen Rahmen vor. Vermittelt Religion Struktur, die heutzutage vielen fehlt? Man muss nicht zwingend religiös werden, um rechtzeitig zu Bett zu gehen. Aber einen triftigen Grund zum Aufstehen braucht wohl jeder. Ich beschließe, mehr von ihnen zu suchen.
Uns Studenten verstehe er auch, schließlich hätten wir viel zu tun seit der Umstellung auf den Bachelor mit seinen ECTS Punkten. Aber man könne nicht immer die Nacht zum Tag machen, auf ewig hielte das der Körper doch nicht aus.
Nicht alle Studenten scheinen dieser Meinung zu sein, in manchen Kreisen ist der Konsum des ADHS Medikaments Ritalin oder illegalen Aufputschdrogen längst etabliert. Allerdings ist das Phänomen der durchwachten Nächte kein Gegenwartsproblem. Ich erinnere mich an meinen Großvater, der sich während der nächtlichen Überstunden seiner Studienzeit das Pfeifenrauchen angewöhnte.
Bevor er weiterfährt, schenkt er mir einen Becher Joghurt aus seiner Einkaufstasche. Ich bin ein bisschen verdutzt über diese Freundlichkeit, aber es freut mich doch. Tagsüber wären wir wahrscheinlich aneinander vorbeigelaufen, jeder seinem Tagesablauf folgend. Die Nacht aber lässt Raum für nette Gesten wie Erdbeerjoghurt.
Erdbeerjoghurt

Nachtgedanken

Aus einem erhellten Fenster hört man ein Pärchen halblaut streiten. Hier draußen im Dunkeln scheinen die Dinge weniger kompliziert zu sein. Hinter manch halb geschlossenem Rollladen sieht man den Fernseher Bilder an die Wand werfen. Jeder vertreibt sich die Zeit eben anders. Die sonst vielbefahrene Kriegsstraße ist leer, Autos ziehen nur vereinzelt an mir vorbei. Die meisten davon rasen. Im Dunkeln gilt die Straßenverkehrsordnung zwar auch, die Autofahrer fühlen sich vielleicht nur weniger beobachtet.
Sind nachts die Sinne schärfer? Jedes noch so leise Knacken fällt mir auf. Die mintgrün gestrichenen Balkone eines neunziger Jahre Baus empfindet mein Sehnerv jedenfalls immer noch als Beleidigung. Café Karima lockt noch immer mit einem grellen „geöffnet“ Schild, aus dem Eingang strömt Musik von den Black Eyed Peas – Meet me Halfway. Wie lange wird mein eigener Weg wohl noch dauern? Diese kurze philosophische Anwandlung wird jäh durch das schrille Gedudel eines Spielautomaten unterbrochen. Geld schläft eben nicht. Im Radio Oriente sind noch einige Nachtschwärmer anzutreffen. Genau dafür sind Clubs und Bars ja da, Asyl für diejenigen, die heute noch nicht genug erlebt haben. Oder die, welche das Erlebte erst mal mit einem Drink herunter spülen müssen. Direkt daneben wirbt die Medical Beauty Lounge mit tollen Behandlungsmethoden wie Bio-Lifting oder dauerhafter Haarentfernung. Im Glas des Schaufensters spiegeln sich meine Augenringe.
Huch, schon am Europaplatz. Genauso unbevölkert, obwohl der REWE City mit seiner langen Öffnungszeit bis vor zwei Stunden noch Kundschaft anzog. Ziemlich herausfordernd hält neben mir ein Taxi, welches um diese Uhrzeit fest mit meiner Faulheit rechnet. Wenn der wüsste. Hin und wieder rauscht eine S-Bahn vorbei, doch kaum jemand wartet an den spärlich beleuchteten Haltestellen. Die konsumfreudige Menge ist hier erst morgen früh wieder anzutreffen. Das Taxi gibt nicht auf und wird noch für ein paar Meter zum ungewollten Begleiter, bis der Fahrer den Glauben an meine Müdigkeit verliert. Außer mir scheinen sich nur ein paar Radfahrer für die nächtliche Kaiserallee zu interessieren, die nun endlich nicht mehr aus der Fußgängerzone verbannt sind.
Im Schaufenster einer Apotheke strahlt ein Bildschirm Horoskope aus und verkündet Prophezeiungen über Beruf, Finanzen, Gesundheit und Liebe. Bitte nicht jetzt.

„Wer sich nachts zu lange mit den Problemen von morgen beschäftigt, ist am nächsten Tag zu müde, sie zu lösen.“

schrieb Rainer Haak einmal. Die sehenswerteste Stelle der ganzen Innenstadt um diese Uhrzeit ist der Platz der Menschenrechte. Die leuchtenden Pflastersteine wirken wie Sterne, die mitten in Karlsruhe zur Erde gefallen sind. Momentan ergibt er jedoch eher einen traurigen Anblick, da die Hälfte von einem Bauzaun verdeckt wird. Bei den Menschenrechten wird es wahrscheinlich noch länger einige ´Baustellen´ geben.

Endlich, die Pyramide. Inzwischen lässt sich das Gähnen kaum noch zurückhalten. Irgendwo am Fuß der Pyramide zirpt unermüdlich eine Grille, deren Schlafrhythmus genauso aus dem Takt zu sein scheint wie mein eigener. Wer nachts in einer Großstadt unterwegs ist, wird Zeuge, wie sich die Tierwelt ins urbane Umfeld einfügt, von Ratte bis Fuchs scheut sich nichts, die Mülltonnen und Gärten der Stadt zurückzuerobern. Wir sind nicht so allein, wie wir denken. Kurz vor Ankunft der Bahn rauscht noch ein Polizeiauto mit beachtlicher Geschwindigkeit über die Schienen. Ist es um diese Uhrzeit wirklich gefährlicher hier draußen?
Endlich, die S1. Drei Uhr 19 Minuten: Patient todmüde, Mission erfüllt.

Amanda Bruchmann

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