Selbst ist der Trendsetter

“Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, mach es selbst!” Anscheinend soll das schon Napoléon gesagt haben. Do- it-yourself Kultur, kurz DIY, befindet sich im Aufwind. Doch seit wann ist Selbstgemachtes eigentlich cool?

Wie jeder große Trend kam es schleichend. Zu welchem Zeitpunkt es sich durchsetzte, weiß keiner so genau. Schob man als Kind die von der Tante liebevoll gestrickten Pullis in die hinterste Ecke des Schranks und wollte lieber Markenshirts von der Stange, so versetzt das Fashion Victim von heute nichts so sehr in Verzückung wie ein handgefertigtes Unikat. Am besten noch im used look, es darf gerne so aussehen, als ob man dafür stundenlang in Flohmarktkisten gewühlt hätte. Wieder so ein Schreckgespenst der Kindheit- der Kleiderbasar. Dieser grauenvolle Ort, wo man unter Protest von sparsamen Eltern mit Skibekleidung aus dem letzten Jahrzehnt eingedeckt wurde.

Selbstgestricktes

Ist es denn nun die Zeit, welche die Trends neu gesetzt und unser Denken verändert hat, oder sind wir einfach nur erwachsen geworden? An sich gab es Do-it-yourself schon, bevor jemand diesen klangvollen Namen erfand. Erfinderisch und selbsttätig war man schon vor der Jahrtausendwende, genau genommen schon seit Jahrtausenden. Nur das Motiv hat sich geändert: Was in Zeiten einer Agrargesellschaft selbst zusammengezimmert wurde, konnte man sich ohne Eigenarbeit kaum leisten. Hungersnöte und Kriege dienten schon seit jeher als Quelle von improvisierten Rezepten – Brot aus Bucheckern und Kartoffeln, Speisen auf Grundlage alter Brotrinden- kreativ war man immer schon, in diesem Fall aber aus bitterer Not.

Trend

Diese Not ist es nicht mehr, die den selbsternannten Handwerker von heute antreibt. Natürlich kann das Eigenengagement viel Geld sparen, falls das Material schon vorhanden ist. In den meisten Fällen jedoch kommt die Materialbeschaffung die Person teurer zu stehen als das fertig gekaufte Fließbandprodukt. In diesen Situationen kann die Begeisterung für DIY kaum aus Geiz heraus entspringen.Immerhin schafft der Heimwerk- Hype einen riesigen Absatzmarkt für Produkte, die uns das Tüfteln erleichtern sollen. Ganz oben dabei sind die Baumärkte, gefolgt von Zeitschriften mit Anleitungen für zum Selbst Basteln und Nähen, DIY Websites mit einer schier unerschöpflichen Sammlung von How-Tos locken uns mit den Vorzügen einer kostenpflichtigen Premium Mitgliedschaft.
Woher entspringt dieser Drang zum Selbermachen dann? Ironischer Weise liefert uns gerade ein Werbe Kurzfilm der Baumarktkette Hornbach viele Interpretationsansätze.

Hornbach- das grenzenlose Haus

Am Anfang des sechsminütigen Films steht der graue Alltag und ein bisschen Verzweiflung über den Status Quo. Wer das erkannt hat,wird uns hier vermittelt, dem stehen alle Möglichkeiten offen. DIY ist der Schlüssel zum lang ersehnten ´richtigen´ Leben, Spaß, Spannungund Selbstverwirklichung. Indem wir etwas Eigenes erschaffen, beweisen wir der Welt unsere Kompetenz. Gleichzeitig dürfen wir wieder Kind sein und basteln, uns ausprobieren und an der Aufgabe wachsen. Unsere Kreativität ist es, die uns besonders macht.

Diese Kreativität zu überschätzen wäre jedoch fatal. Es gibt Situationen, in denen es keine gute Idee ist, alles selbst zu machen. Der Wille etwas zu können ersetzt wahres Können leider nur unzureichend. Deshalb sollte man als Null am Herd sein Umfeld besser mit selbst gezauberten Gerichten verschonen (zumindest falls man möchte, dass Einladungen zum Essen jemals wieder angenommen werden). Das eigene Haus im Alleingang zu renovieren könnte bei fehlendem Fachwissen mit einstürzenden Dachbalken und toten Familienangehörigen enden. In Eigenregie erstellte Geschenke sind nur dann originell, falls sie nicht bei der ersten Berührung auseinanderfallen. Manchmal braucht es Profis und manchmal ist das leider jemand anderes als man selbst.

Die vielen Anleitungen, How-to Videos und Bildbeiträge lassen uns in eine Welt eintauchen, die wir nach eigenen Wünschen gestalten können. Hier wäre eine Statistik interessant, wie viele gelangweilte Büroangestellte ihre Arbeitszeit mit dem Surfen auf DIY Seiten verbringen. Es ist schon das Lesen so einer Anleitung, die in uns das Gefühl wachruft, die Veränderung selbst in der Hand zu haben. Egal, ob wir es dann auch wirklich tun oder nicht.
Lampe aus alten Globen (hyggelig.com)

An sich gesehen ist es eine positive Entwicklung, sich nicht mehr alle Bedürfnisse von der Konsumgüterindustrie vorschreiben zu lassen. Vielleicht lernt derjenige, der lieber selbst bohrt, näht und kocht seine Vorlieben besser kennen. Denn ohne den starken Wunsch nach etwas würde man diesen ganzen Aufwand kaum betreiben. Fände dieser Denkprozess, dieses „möchte ich das wirklich?“ beim Einkaufen statt, fände man auf Ebay weniger Kleinanzeigen für Eismaschinen, Heimtrainer und Shiatsu-Matten.

Seit Anbruch der Konsumgesellschaft, inklusive Fließbandarbeit und eintöniger werdenden Arbeitsbedingungen, ist es nicht mehr das investierte Geld, welches den Wert eines Produktes festlegt. Do it yourself bedeutet, statt Geld etwas viel Wertvolleres und spärlich Vorhandeneres gegeben zu haben : Die eigene Zeit.

Amanda Bruchmann

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