KASHKA: Das Karlsruher Second-Hand Kaufhaus- ein Interview

Das Karlsruher Second-Hand Kaufhaus-kurz KASHKA liegt gut verborgen im Hinterhof der Karlstraße 90, doch zählt es mit rund 100.000- 120.000 Kunden im Jahr nicht unbedingt zu einem Geheimtipp. Wer dem KASHKA bisher noch keinen Besuch abgestattet hat, sollte dies nachholen. Nicht nur, weil ein Besuch die Herzen von Flohmarktfreunden sicherlich höher schlagen lässt, sondern tut man mit seinem ausgegebenen Geld auch noch Gutes, denn: das KASHKA ist ein Betrieb gewerblicher Art, dessen Erlös dem Diakonischen Werk Karlsruhe zu Gute kommt. Über das Projekt und mehr sprach KA.mpus mit dem Verkaufsleiter Herr Michael Wartmann.

KA.mpus: Herr Wartmann, können Sie mir etwas über das Projekt KASHKA und der Idee dahinter erzählen?

Michael Wartmann: Das KASHKA ist die Abkürzung vom Karlsruher Secondhand Kaufhaus. Das ist eine Institution, ein sogenannter Betrieb gewerblicher Art des Diakonischen Werkes Karlsruhe. Das Diakonische Werk Karlsruhe ist eine Unterorganisation der Evangelischen Kirche in Karlsruhe bzw. der Evangelischen Kirche Baden. Das KASHKA hat zwei Grundgedanken. Wir beschäftigen Menschen, die im normalen Wirtschaftskreis keine Chance mehr haben, weil sie lange Zeit arbeitslos waren oder schon zu alt sind, um in der normalen Wirtschaft noch eingestellt zu werden. Diesen Menschen bieten wir erst eine 1-Euro Arbeitsstelle an, aber mit Hinblick auf eine Festeinstellung. Das heißt, wir nehmen lieber weniger Arbeitskräfte an und können ihnen, wenn sie sich bewähren, eine Teilzeit-oder Vollzeitstelle anbieten. Im Moment haben wir 14 feste Mitarbeiter. Dann verkaufen wir Ware, die im ersten Wirtschaftskreislauf keine Chance mehr hat, aber eigentlich noch intakt ist. Es handelt sich hierbei um Tonnen von Ware, die eigentlich für die Vernichtung gedacht war. Somit geben wir auch bedürftigen Menschen die Möglichkeit, für wenig Geld Dinge zu erwerben, die man im normalen Haushalt braucht, angefangen bei Gläsern bis hin zu Möbel. Diese Ware wird gespendet, aber natürlich geprüft. Wir verkaufen beispielsweise keine Kleider, an denen ein Kopf fehlt. Als wir anfangs über die Richtlinien vom KASHKA diskutiert haben, haben wir uns entschieden, das KASHKA offen zu gestalten. Das heißt keine Beschränkung festzulegen, wer bei uns einkaufen darf. Es gibt unter den Bedürftigen circa 20- 30 Prozent, die ämterscheu sind. Um sich eine Berechtigung ausstellen zu lassen müsste man aber ein Amt aufsuchen. Somit hätten wir diese Menschen mit KASHKA mit erreichen können, um die es uns aber im Prinzip geht. Daher haben wir uns dafür entschieden das Geschäft offen für alle Menschen zu machen und damit zu riskieren, dass auch Händler sich bei uns günstig eindecken, um die Ware auf Flohmärkten weiterzuverkaufen. Aber nur so erreichen wir die Menschen, die wir wirklich erreichen wollen und schließen niemanden aus.

KA.mpus: Wie kam es zu der Idee vom KASHKA und wie wurde diese umgesetzt?

Michael Wartmann: Herr Engels hatte damals dem Diakonischen Werk Karlsruhe den Vorschlag unterbreitet, diese Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen und gleichzeitig ein Secondhand Kaufhaus aufzubauen. Das Diakonische Werk war nicht gleich Feuer und Flamme. Hat diesen Gedanken aufgenommen, weil natürlich das Startkapital notwendig ist. Und es wurde von Anfang an erklärt, wenn dieser Betrieb sich selbst tragen kann, wenn es so aufgestellt wird, dass es, nach gewissen Anlaufschwierigkeiten natürlich, ein selbsttragender Betrieb ist, dann ist es kein Problem. Herr Engels hatte dann die Initiative ergriffen, „ich weiß , dass es funktioniert. Ich werde mir die notwendigen Menschen aneignen, anarbeiten, anlernen, dass wir diesen Betrieb hinbekommen“ und so wurden wir dann im Diakonischen Werk mitaufgestellt.

KA.mpus: Haben Sie vielleicht aktuelle Besucherzahlen?

Michael Wartmann: Wir haben so rund 100.000- 120.000 Kunden im Jahr.

KA.mpus: Finanziert sich das KASHKA nur über die Verkäufe oder bekommt es auch staatliche Subventionen?

Michael Wartmann: Das KASHKA ist selbsttragend. Wir bekommen keine staatliche Unterstützung.

KA.mpus: Was wird mit Geld gemacht, das vielleicht übrig bleibt, wenn alle Kosten gedeckt sind?

Michael Wartmann: Wir unterstützen mit unseren Erlösen beispielsweise Tages- Strukturiertes -Arbeiten. Das ist ein Projekte für Menschen mit psychischen Erkrankungen, denen eine Möglichkeit zum Arbeiten gegeben wird. Sie können sich ihre Arbeitszeiten selbst einteilen, beispielsweise nur für zwei Stunden am Tag. Das Ziel ist den Menschen, unter Berücksichtigung ihrer Erkrankung, eine realistische Arbeitssituation ermöglichen zu können.

KA.mpus: Welche Unterorganisationen unterstütz das KASHKA?

Michael Wartmann: Wir haben natürlich auch Warenüberhänge. Das heißt irgendwann mal ist unsere Abteilung voll oder aber es gibt auch Waren, die sind verkaufbar, aber sie würden bei uns doch über längere Zeiten hängen und unseren Laden zu voll machen. Da arbeiten wir mit zwei Hilfsorganisationen in Ungarn zusammen, mit einer Organisation in Bulgarien und einer in Frankreich. Das sind Hilfsorganisationen, die selbst einen eigenen Betrieb aufgebaut haben.

KA.mpus: Warum ist das KASHKA attraktiv für Besucher?

Michael Wartmann: Das sind zwei Sachen, die es attraktiv machen. Sie haben einen Kaffeeautomat aufgestellt, das heißt wir haben da auch einen kommunikativen Bereich. Wir haben einen gewissen Prozentsatz an täglichen Besuchern, die das hier auch als täglichen Treffpunkt benutzen, um ihre täglichen Gespräche zu führen. Was uns auf jeden Fall interessant macht, ist dass wir meiner Meinung nach den gesamten Anspruch an Haushalt abdecken. Das heißt alle Dinge, die man im Haushalt braucht, außer Lebensmittel natürlich, werden Sie neben Kleidern und Büchern bei uns sehr günstig finden. Wenn Sie sich überlegen, Sie können einen Topf bei uns relativ neuwertig für beispielsweise vier Euro kaufen, da würden Sie in einem normalen Geschäft schon mehr als 20 Euro bezahlen müssen.

Impressionen aus der Haushaltsabteilung

KA.mpus: Was für Spenden nimmt das KASHKA an? Oder wie kann man das KASHKA unterstützen?

Michael Wartmann: Man kann das KASHKA durch Warenspenden unterstützen. Wir nehmen alle Waren an, die noch intakt sind. Leider gibt es eine neue europäische Bestimmung die besagt, dass man auf elektronische Ware ein Jahr Garantie geben muss. Das gestaltet sich in unserem Fall natürlich schwierig, daher mussten wir den Verkauf an z.B. Kühlschränken runterfahren.

KA.mpus: Was passiert mit wertvollen Gegenständen? Holt sich das KASHKA auch Rat bei einem Experten oder bekommt man mit der Zeit durch Erfahrung auch ein Auge auf wertvolle Dinge?

Michael Wartmann: Man bekommt über die Jahre schon Erfahrung und kann das ganz gut selbst einschätzen. Wir versuchen es zu vermeiden, uns Rat von außen zu holen, um eben keine undichten Stellen zu schaffen. Die wertvollen Dinge werden auch nicht aussortiert, sondern verkauft. Oftmals verkaufen wir die Waren dann für weniger als den tatsächlichen Marktwert, doch so können wir auch Liebhaber glücklich machen. Was wir oft gefragt werden ist, ob nicht die Mitarbeiter sich die teuren Gegenstände abgreifen. Dazu muss ich sagen, dass die Mitarbeiter oftmals benachteiligt werden. Wir dürfen während der Arbeitszeit nicht einkaufen. Bei uns kommt ständig neue Ware an. Es kann sich stündlich was ändern. Jetzt ist etwas im Verkauf, was ein Mitarbeiter gerne erwerben möchte. Er darf es jedoch nicht zurücklegen und nach Arbeitsschluss ist es dann meistens schon weg.

KA.mpus: Was waren die ungewöhnlichsten Dinge, die abgegeben wurden?

Michael Wartmann: Ein komplettes Auto! Wo jemand gesagt hat, er muss den Wagen jetzt loswerden, er geht ins Ausland und hat jetzt keine Zeit sich darum zu kümmern. Er kam hier rein mit den Papieren und sagte draußen steht das Fahrzeug. Oder noch ein Beispiel aus einem anderen Bereich: ein Dreifuß-Bagger!

KA.mpus: Was waren die kostbarsten Dinge, die abgegeben wurden?

Michael Wartmann: Bei uns wurde mal etwas abgegeben, worin wir dann 74.000 DM gefunden haben. Das Problem dabei ist natürlich, das sind Spenden, die nicht mehr personalisiert werden können. Wir haben das Geld dann zwei Jahre aufbewahrt, doppelt so lange wie vorgeschrieben. Wir sind davon ausgegangen, dass es wohl jemand bemerken wird, dass ihm 74.000 DM fehlen, aber es kam niemand. So haben wir das Geld dann nach diesen zwei Jahren als Spende gewertet.

KA.mpus: Erfährt man auch etwas über persönliche Schicksale, die hinter den Gegenständen stecken?

Michael Wartmann: Ja klar. Wir bieten auch Wohnungsräumungen an und da sieht man natürlich wie der Mensch gewohnt hat, das Umfeld und man findet auch persönliche Dokumente oder Fotos. Die behalten wir nicht und verkaufen sie natürlich nicht, sondern wir sammeln sie zusammen und übergeben sie den Hinterbliebenen. Es kommen auch viele Menschen zu uns, die Gesprächsbedarf haben, da sie vereinsamt sind und niemanden haben, mit dem sie sich einfach Mal über ganz normale Dinge unterhalten können. Da versuchen wir uns auch Zeit zu nehmen und nehmen die Menschen beiseite und plaudern mal mit ihnen. Dadurch bekommt man auch viele persönliche Dinge mit.

KA.mpus: Was findet man in gespendeten Handtaschen?

Michael Wartmann: Man findet in gespendeten Handtaschen oft Schlüssel, Kleingeld und (lacht) was man irgendwie immer in Handtaschen findet, ist 4711 Kölnisch Wasser. Es gibt auch oft abgegebene Handtaschen, die von Kunden mal kurz irgendwo abgestellt wurden und dann bei uns vorne abgegeben werden. Leider fehlt dann im Geldbeutel oft das Geld. Es gab mal einen Fall, der hat mich menschlich berührt. Da kam ein Mann auf mich zu, dem Äußerlichen nach zu urteilen ein Landstreicher. Er hatte in seiner Hand einen Geldbeutel und sagte zu mir besorgt „Ich habe einen Geldbeutel gefunden.“ Ich sagte „Und?“. Er meinte „Ich habe den hier im Geschäft gefunden. Den hat jemand vergessen. Bitte nehmen sie ihn mir weg. Ich habe reingeschaut und da sind an die 100 Euro drin. Nehmen sie ihn, weil vielleicht gehört er jemanden, der auch so bedürftig ist wie ich.“ Das hat mich menschlich echt beeindruckt.

KA.mpus: Vielen Dank Herr Wartmann, für die nette und entgegenkommende Unterstützung und die Zeit, die Sie sich genommen haben!

KASHKA
Karlstraße 90 • 76137 Karlsruhe

Mo – Fr von 10 – 19 Uhr
Sa von 10 – 13 Uhr

Telefon (0721) 831 44 29

Anfahrt

Diakonisches Werk Karlsruhe

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