Karlsruhe kurios

Stadtgeschichte mal anders

Karlsruhe, die durch Markgraf Karl Wilhelm von Baden gegründete Vorzeige-Planstadt, bei der alles auf dem Reißbrett genauestens strukturiert und geplant wurde. Doch in der fast dreihundertjährigen Geschichte lief nicht immer alles nach Plan, was einige interessante bis kuriose Geschichten mit sich bringt.

Karlsruhe – von Anfang an “legendär”

Glaubt man der Legende, so war schon der Weg zur Gründung Karlsruhes etwas Besonderes. Als Karl Wilhelm bei einem Jagdausritt in den Hardtwald auf einer Lichtung so vor sich hinschlummerte kam ihm im Traum die Eingebung genau hier ein neues, prachtvolles Schloss zu bauen, dass sonnengleich im Zentrum seiner neuen Residenz liege. Ein Name für die neue Stadt war daher schnell gefunden: Karlsruhe. Eine andere Variante besagt, dass es auch noch einen Zusatz zu dieser Geschichte, sozusagen die “inoffizielle Legende” gibt, die besagt, dass bei diesem Jagdausflug Karl Wilhelms Pferd neben ihm sein Geschäft verrichtet hat und er beim Schlafen mit der Hand dort reinlangte. Als er dann beim Aufwachen im Pferdeapfel den Abdruck seiner Hand gesehen hat brachte ihn das auf die Idee, die neue Stadt genau so anzuordnen, wie die Finger die von seiner Hand abgingen, also strahlenförmig. Wenn dies wirklich stimmen würde verdankt Karlsruhe seinen Ruf als “Fächerstadt” also einem Pferdeapfel.
Andere sind der Überzeugung, dass ein Grund für den Bau Karlsruhes auf Streitigkeiten zwischen Karl und seiner Frau und Familie zurückzuführen ist. Durch den Bau des Schlosses wollte er diesem Problem entfliehen. Nun zählt dies sicherlich nicht zu den Hauptgründen, diese sind eher der mangelnde Platz, um im engen Durlach ein großes Residenzschloss nach Versailler Vorbild zu bauen sowie die Auseinandersetzungen mit den Durlacher Bürgern, aber im Gegensatz zu den eben genannten Legenden scheint bei den familiären Problemen Karls wirklich etwas Wahres dran zu sein.

Doch die ungewöhnlichen Geschichten enden nicht mit der Stadtgründung – im Gegenteil – Sie fangen gerade erst an!

Karlsruhe ist neben Fächerstadt und Rechtsmetropole auch eine Stadt der Gärten und Brunnen. Das durch den Bau von Brunnen auch kleinere bis größere Skandale entstehen können zeigen die folgenden beiden Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Der „Skandalbrunnen“ auf dem Stephansplatz

Auf dem Stephansplatz, direkt hinter der heutigen Postgalerie, verbirgt sich etwas Skandalöses-ein unsittlicher Brunnen der besonderen Art. Ausgangspunkt zum Bau dieses Brunnens war die mehrfache Kritik an der Stadt Karlsruhe, dass sie junge, regionale Nachwuchskünstler viel zu wenig unterstützt. Als Konsequenz veranlasste Oberbürgermeister Karl Schnetzler eine Neuorientierung der städtischen Kunstpolitik. Daraufhin wurden mehrere Aufträge zum Ankauf von Kunstwerken und zur Ausschmückung der Stadt vergeben. Als erstes profitierte der junge Architekt Hermann Billing, der den Auftrag bekam einen Brunnen für den Stephansplatz zu entwerfen. Er galt zu dieser Zeit als radikaler Vertreter des modernen Bauens und der Oberbürgermeister samt Stadtrat bekannten sich zur künstlerischen Freiheit des Architekten. Die Bildhauerarbeiten übergab er seinem Künstlerkollegen Hermann Binz. Das Zentrum seines ersten Entwurfs bildet eine weibliche Aktfigur, die eine Vase vor ihrer Brust hält. Erste Diskussionen über die nackte Brunnenfrau kamen Anfang 1904 im Bürgerausschuss auf, wobei der Oberbürgermeister die Bedenken zurückwies. In letzter Minute änderte Billing seine Pläne, die Verantwortlichen ließen ihm dabei weiter freie Hand. Als der Brunnen im Oktober 1905 fertiggestellt war ähnelt die nackte weibliche Figur zwar dem Grundentwurf, verdeckt nun aber nichts mehr und hält nur an den Händen zwei Krüge, aus denen Wasser in das Becken plätschert und statt 14 gleiche Gesichter, die sich um die Figur reihen, finden sich nun Karikaturen stadtbekannter Persönlichkeiten, wie Oberbürgermeister Karl Schnetzler oder Kunsthallendirektor Hans Thoma. So wird nun eine junge nackte Frau von stadtbekannten Männern schamlos beäugt, während aus deren Mündern das Wasser läuft.

Die Künstler Billing und Binz wollten damit auffallen und auch ein wenig provozieren, doch dass die Proteste so ausarteten haben die beiden, wie auch der Stadtrat, nie erwartet. Vor allem die Presse empörte sich, so heißt es in einem Leserbrief im Badischen Beobachter vom 30.08.1905 man sollte sich zumindest etwas zum Verhüllen für diese „Missgeburt der modernen Kunst“ suchen. Jedoch gab es bei der Presse keine einheitliche Front der Ablehnung. So belustigt sich etwa der Volksfreund über den Leserbrief und schreibt, dass doch Gleichgesinnte den Stadtrat auffordern sollen „dem unzüchtigen Fräulein eine entsprechende Kleidung in den verschiedenen Jahreszeiten“ anzulegen. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung bildete im Oktober und November 1905 eine von 3468 Frauen unterzeichnete Protestschrift an den Stadtrat. Der Brunnen verletze das weibliche Anstandsgefühl. „Besonders uns Mütter verletzt es, dass unsere Kinder auf dem Schulweg oft solche anstößige Dinge sehen und hören müssen. Wir erblicken darin eine Verderbnis für das Anstands- und Schamgefühl der heranwachsenden Jugend“, so die Protestschrift. Zufällig Mitten im Wahlkampf für die Landtagswahlen in Baden erhoffte sich das Zentrum durch solche Aktionen mehr Stimmen zu erhalten, übrigens ohne Erfolg. Der Stadtrat kam der Petition nicht entgegen, doch die kurze und scharfe Erwiderung hat daraufhin die Gegner noch weiter verärgert. Als Konsequenz folgten weitere Diskussionen in der Presse, sodass das Thema sogar überregional bekannt wurde. So beschäftigte sich die Münchner Zeitschrift „Jugend“ mit dem Brunnenskandal. In einer Karikatur empfahl die Zeitschrift einen möglichen Umbau des Brunnens. Dieser soll weitestgehend zugemauert werden und nur gegen ein Eintrittsgeld dürfen „moralisch Gefestigte“ in das skandalöse Innere des Brunnens blicken. Der Erlös aus den Eintrittsgebühren könne badischen Männerklöstern zugute kommen oder -ganz praktisch- zum Ankauf baumwollener Höschen für antike und moderne Skulpturen verwendet werden. Zu den Veränderungen kam es nie. Nach und nach beruhigte sich die Situation, doch blieb die „schöne Stephanie“, wie sie im Volksmund genannt wird, noch lange ein Thema und eine Paradevorlage für Fastnachter und Mundartdichter, um damit den Karlsruhern ihre eigene Spießigkeit vor Augen zu halten. In manchen Nächten machten sich auch Unbekannte einen Spaß und zogen der nackten Frau, damit sie nicht so sehr friert, Kleidungsstücke an oder malten ihr mit Farbe einen Badeanzug auf.
So blieb die Brunnendiskussion in den Köpfen der Karlsruher, ehe ein weiterer Brunnenbau Zündstoff für neue Diskussionen lieferte.

Der Wilde Westen ist in Karlsruhe der Süden oder: Die Geschichte des Indianerbrunnens in der Karlsruher Südstadt

Der Leiter des Städtischen Hochbauamtes, Friedrich Beichel, hatte es sich in den zwanziger Jahren zum Ziel gesetzt an den wichtigen Stellen der Stadt die alten Toilettenhäuschen durch modernere, hygienischere Bedürfnisanstalten zu ersetzen. 1924 war der Werderplatz, als Zentrum und Marktplatz der Südstadt, an der Reihe. Hier sollte ein komplett unterirdisches Klohäuschen entstehen, doch die Rohre der Kanalisation waren nicht tief genug, sodass die Toilettenanlage etwas aus dem Boden rausschauen musste. Daher überlegte man sich auf dessen „Dach“ einen Marktbrunnen zu setzen. Nach einem klassischen Brunnenkonzept kam Beichel die wohl spontane Idee eine Brunnenfigur zu entwerfen, die einen Indianer mit Federschmuck, Kriegsbeil und Schild darstellen soll.
Dies war als eine Anspielung auf die Südstadt gedacht, die im Volksmund Indianerviertel genannt wird. Der Ursprung dieser Bezeichnung liegt darin, dass vom 23. bis 26. April 1891 die “Wild-West-Show“ von William Frederic Cody, besser bekannt als “Buffalo Bill“, nach Karlsruhe kam. Die Show, die unweit der Südstadt mehrere Vorstellungen gab, löste eine solche Indianer- und Cowboybegeisterung bei den Südstadtbewohnern aus, dass hier der entsprechende Neckname schnell gefunden war. Beichels Gleichsetzung der „Südstädtler“ mit den nicht so sehr angesehenen amerikanischen Ureinwohnern fanden einige gar nicht lustig und so gab es starke Proteste gegen den Brunnen. Als Konsequenz nahm die Stadt daraufhin Abstand von dem provokanten Entwurf und sprach sich für die ursprüngliche Überlegung einer konventionellen Brunnenfigur aus. Während den Bauarbeiten hat sich Architekt Beichel dann aber wohl doch wieder für die Version des Indianerbrunnens entschieden. Um aber weitere Proteststürme zu vermeiden gab es am Tag der Brunnenenthüllung, dem 14. Juli 1925, nur einen provisorischen Brunnen zu sehen. Die Enttäuschung über den unfertigen Brunnen war groß. Die Schuld gab man in der Presse den „witz- und humorarmen Spießer[n] der Südstadt“(Der Volksfreund, 15. 07.1925), die sich zuvor so sehr dagegen gewehrt haben. Als sich die Wogen einigermaßen geglättet hatten fand am 11. Oktober 1927 endlich die Enthüllung des fertigen Brunnenstocks statt. An dessen Spitze war nun ein riesiger, doppelgesichtiger Indianerkopf zu sehen. Das nach Süden gerichtete Gesicht zeigt einen recht ernst blickenden Indianer, für den ein Sioux-Indianer des Zirkus Krone, der zu dieser Zeit in Karlsruhe war, Modell gestanden hat.

Das nach Norden blickende Gegenstück zeigt indes einen lächelnden Mann mit Schnurrbart und Zeichendreieck. Hierfür stand kein Indianer Modell, sondern der Entwerfer der Toiletten- und Brunnenanalage selbst, Friedrich Beichel, der seither auf dem Werderplatz, als stille Antwort auf alle Proteste zufrieden vor sich hin grinst.

Nach diesen beiden Brunnenskandalen widmen wir uns zum Schluss noch einem sportlichen Aufreger. Der Traum “Deutsche Meisterschaft”, der für KSC-Fans zur Zeit leider in weiter Ferne ist, wäre 1903 für einen Karlsruher Fußballclub fast wahr geworden, wenn da nicht etwas dazwischengekommen wäre…

Augen auf bei Spielabsagen! – Wie Karlsruhe fast als erster Deutscher Fußballmeister in die Geschichte eingegangen wäre

Der Karlsruher Fußballverein KFV gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den besten Fußballmannschaften Deutschlands, doch die Deutsche Meisterschaft blieb den Karlsruhern vorerst verwehrt. Als 1903 zum ersten Mal im Fußball um die Deutsche Meisterschaft gespielt wurde kam ein Telegramm vom DFB in Karlsruhe an. Darin stand, dass das entscheidende Halbfinalspiel gegen Prag abgesagt wurde. Die Verantwortlichen des KFV glaubten dem Telegramm, fuhren daraufhin nicht zum Spiel und fielen so auf eine Lüge rein. Aufgrund des Nichterscheinens der Karlsruher wurde das Spiel für Prag gewertet und nach Meinung vieler damaliger Fußballexperten verpasste die „Mannschaft der Stunde“ den ersten deutschen Meistertitel. Nachdem in den darauffolgenden Jahren mehrfach knapp der Titel verpasst wurde, gewann der KFV 1910 endlich die lang ersehnte Deutsche Meisterschaft.

Und was lernen wir daraus? Augen auf bei Spielabsagen und Augen zu bei osbzönen Brunnenfiguren oder besser: Augen auf bei der Karlsruher Stadtgeschichte, denn es gibt mehr interessante und kuriose Dinge zu entdecken, als man denkt!

weitere Informationen/Quellen:

Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): Klar und lichtvoll wie eine Regel: Planstädte der Neuzeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Eine Ausstellung des Landes Baden-Württemberg veranstaltet vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Karlsruhe 1990. ISBN: 3-7650-9026-3.

Gerlinde Brandenburger u.a.: Denkmäler – Brunnen und Freiheitsplastiken in Karlsruhe 1715-1945. Badenia Verlag Karlsruhe 1987. ISBN: 3-7617-0264-7.

Katja Förster, Markus Gruber & Matthias Maier: Märkte und ihre Brunnen. Info Verlag Karlsruhe 2011. ISBN: 978-3-88190-623-4.

Ernst Otto Bräuchle: Fußballhochburg Karlsruhe. In: Sport in Karlsruhe. Von den Anfängen bis heute. Info Verlag Karlsruhe 2006. ISBN: 3-88190-440-9.

Vielen Dank an das Karlsruher Stadtarchiv für die tatkräftige Unterstützung bei der Literaturfindung!

Tobias Siegwart

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Eine Reaktion zu “Karlsruhe kurios”

  1. Timo

    Ach herrlich, der legendäre KFV!!! Der Sportplatz hinten am Engländerplatz mit seiner “naturbelassenen” Tribüne wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Und ich war einer der letzten, der dort in der A-Jugend-Landesliga nochmal “einnetzen” durfte, bevor der Verein für einige Zeit seine Tore entgültig schloss. So weit war es mit dem Traditionsverein gekommen, der schon bei mir einen Mythos ausstrahlte. Umso mehr war es mir eine Genugtuung, diese Großmaulstädter nach “unten” zu schießen. Herzlichsten Dank für diesen Artikel, der interessante Blickwinkel behandelt, die leider im alltäglichen Leben untergehen. Eine tolle Idee!

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