Zwischen Straßenbahnen und Baggern

Baustellenschild

Die Kaiserstraße spiegelt die derzeitige Situation Karlsruhes wieder: Alles ist im Umbau.

Foto: Amanda Bruchmann

Erst riecht man Fisch, dann Plastik. Danach, ein leichter Duft von frischer Backware in der Nase, gemischt mit aromatischen Ölen. Vielleicht ist es auch bloß ein penetranter Geruch aus Seife. Zu der linken hört man einen älteren Mann über Politik klagen, begleitet von einem verstimmten Akkordeon. Ein Kind jammert über zu wenig Eis, dabei hat es drei Kugeln auf seiner Waffel. Alle drei unterschiedlicher Farben, die eine noch bunter als die andere. Musikalisch wird dieses Szenario von den rhythmischen Arbeiten der Bauarbeiter mit ihren immensen Maschinen unterstreicht.
Diese Vielfalt an Dingen scheint dem Besucher erstmals zu irritieren. Zu viele Eindrücke für die Sinne in einem Moment. Doch nach wenigen Minuten gewöhnt er sich an das turbulente Leben auf der Kaiserstraße und beginnt, ihrem Tempo gemäß, auf ihr zu flanieren.

Die Kaiserstraße ist die größte Einkaufstraße Karlsruhes und zugleich auch ihre größte Baustelle. Überall wo man hinblickt sieht man Maschinen, die gerade tonnenschwere Rohre verlegen oder Bauarbeiter, die sich den Schweiß von der Stirn wischen. Wer von der einen Straßenseite zur anderen gelangen will, muss sich gegenüber dem hektischen Verkehr der Straßenbahnen und Fahrrädern beweisen. Von einem gemütlichen Einkauf am Nachmittag kann hier nicht die Rede sein. Fast vollkommen erschöpft an der anderen Straßenseite angelangt, beschließt der Besucher seinen Einkauf zu resignieren und die Baustelle hinter sich zu lassen.
Doch die auffallenden Banner, auf denen die Worte „Sale“ zu lesen sind, geben dem Besucher wieder neuen Mut. Und zwar den Mut der Kaiserstraße als „die“ Einkaufsmeile Karlsruhes eine neue Chance zu geben. Den ganzen Baustellen zum Trotz, laufen die Geschäfte dort nämlich weiter. Zwischen lauten Bohrern und quietschenden Straßenbahnen, verläuft der Alltag in den Geschäften gleich. Der Konkurrenzkampf ist immer noch der Gleiche. Kleine Einzelhandelläden gegen große Verkaufsketten. Wobei die größeren Ketten durchaus mehr vertreten sind als die kleineren Geschäfte. Von der lauten Musik, die mehr zum tanzen als zum Einkaufen ein lädt, und den glamourösen, fast schon spektakulären Auftritten, geraten die kleineren Läden fast schon in Vergessenheit. Interessanter Weise.

Der Kunde steht an Ellen langen Schlangen an, um dann so schnell wie die Kassiererin nur kann zu bezahlen. Zeit für Fragen ist hier meist nicht vorhanden. Oder wenn, nur mit unterdrückter Ungeduld geduldet.
Es scheint als wären die Zeiten, in denen man noch den Inhaber selbst an der Kasse sah, vorbei. Stattdessen steht einem eine junge Verkäuferin an der Kasse entgegen, die zwar einem freundlich den gerade ausgewählten Einkauf lobt (welchen sie in den meisten Fällen sogar selber zu Hause besitzt). Jedoch nicht so begeistert bei der Arbeit ist wie der Geschäftsführer, der sein Sortiment bestens kennt und mit vollem Elan verkauft. Ob nun eine Nummer größer oder kleiner, im Notfall findet sich doch etwas für den ansonsten eher lärmgeschädigten Kunden. Es ist das gewisse Etwas, das ihren Laden so besonders macht. Doch was ist der Grund ihres Verschwindens? Preisdruck? Wohl nicht in allen Fällen. In den letzten zwei Jahren sind zwei kleinere Buchhandlungen aus der Kaiserstraße verschwunden. Und da die Preise auf dem Büchermarkt festgelegt sind, kann dies wohl eher weniger der Grund sein. An zu wenig Werbung kann es auch kaum liegen.

Die INKA, ein City Guide von Karlsruhe über Karlsruhe, macht durch Werbeanzeigen und viel versprechenden Texten, auf die kleinen Läden aufmerksam. Stolz preisen sie Karlsruhes Einzelhandel als Einzelhelden. Liebevoll, auf die Orte an denen die kleinen Helden zu finden sind. Von der extravaganten Gastronomie bis zum gemütlichen Friseurbesuch ist dort fast alles zu finden.

Allerdings wären wir damit wieder am Anfang unserer endlosen Suche.
Könnte es wohl doch die Präsenz der allgegenwärtigen Baustelle sein? Anfangs hatte sie die Aufgabe die Kaiserstraße zu verschönern. Selbstverständlich kann man hierbei nicht bestreiten, dass man ohne etwas Arbeit nicht verbessern kann. Allerdings ist das, was nach der „Verschönerung“ verblieb, nur noch kalter, grauer Beton. Folglich muss man sich für diese Verbesserung noch etwas gedulden. Gigantische Banner versuchen, diese nicht ganz so attraktive Zeit Karlsruhes, temporär zu lösen.
Unschuldig und mit glücklich, strahlende Menschen, weisen sie auf die kommende Zukunft der Stadt.
Frei von Straßenbahnen und übersät mit großen, saftig grünen Bäumen soll die Shoppingmeile zum Einkaufsparadies für Einwohner und Touristen sein. Die Straßenbahnen werden nämlich in Zukunft unter der Kaiserstraße ihre Dienste tun. Den Einwohnern wird es dann endlich möglich sein, einkaufen zu gehen ohne dabei zu befürchten von rechts oder links überfahren zu werden. Wird dies aber die Situation des Einzelhandels wirklich verbessern? Fest steht, dass die Bauarbeiten erstmals negative Wirkungen auf diesen hatten. Die ganze Menschenmasse, die sich vorher schon über das hektische Treiben der Straßenbahnen beschwert haben, sind nun gezwungen sich in einen noch kleineren Bereich zu bewegen. Der Einzige der davon profitieren könnte wäre der Pantomime, an dem kein Weg mehr vorbei führt. Die Geschäfte können nur noch durch noch besseren Service und noch hinreisendere Angeboten locken. Oder wer kann, eröffnet am Besten eine weitere Filiale im Ettlinger Tor Center. Denn während die Kaiserstraße im Staub der Bauarbeiten verblasst, strahlt das Einkaufscenter in seiner ganzen Pracht. Mit rund 130 Fachgeschäften, darunter auch Cafés und Restaurants, wird dem Kunden eine vielfältige Auswahl an Kleidung, Inneneinrichtung und etwas für die Sinne angeboten.

Von Stress ist hier erst Mal Nichts zu spüren. Natürlich muss man auch dort an langen Schlangen anstehen und auch das Gedrängel der Menschenmasse fällt ebenfalls nicht ganz weg. Aber wenn es draußen um die 34 Grad hat und man weiß dass man sein Auto gemütlich im selben Gebäude abstellen kann, dann fällt die Entscheidung zwischen einer trockenen Straße und einem klimatisierten Einkaufszentrum leicht. Dem Besucher wird dort einfach alles gegeben. Vom Lebensmittelgeschäft bis zum Friseur ist dort alles mittels Rolltreppen und Aufzügen in wenigen Minuten zu finden. Nur die Straßenmusikanten und Pantomimen sind dem Besucher dort verwehrt. Man hört bloß die Gespräche anderer Kunden sowie die Musik, die aus den Boxen der Geschäfte kommt. Ein Lied unterschiedlicher als das andere. Nur scheint die engere Nähe sie in eine verwirrte Komposition zu verwandeln. Das Licht scheint trotz des Fensterdaches künstlich in die riesige Halle, die mittels anderer Lampen noch mehr erhellt wird. Es wirkt sogar etwas steril. Von einem schönen Tag an der Sonne kann hier also nicht die Rede sein. Aber es ist praktischer dort einzukaufen. Im Vergleich zur Kaiserstraße bietet das Ettlinger Tor Center dem Kunden wesentlich mehr Komfort. Daher ist es fraglich ob, selbst wenn die Bauarbeiten an der belebtesten Shoppingmeile Karlsruhes aufhören, sich die Situation des Einzelhandels dort verändern wird. Wenn sich in dem Parkhaus gleich obendrüber alle Geschäfte befinden die man braucht, warum sollte man dann noch einen Schritt nach draußen wagen? Bis zu diesem Moment wird aber noch einiges an Zeit und Umbauten vergehen müssen. Während dessen können sich die Besucher, die sich doch noch auf die Kaiserstraße gewagt haben, mit einem Eis von der glühenden Wärme erfrischen. Oder doch seinen Energiestatus durch einen kleinen Kaffee an der Ecke etwas auffrischen.

Emilia Maria Kühn

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Eine Reaktion zu “Zwischen Straßenbahnen und Baggern”

  1. Timo

    Die Karlsruher Innenstadt droht denselben Tod zu sterben, wie er schon vielen Einkaufspassagen zuteil wurde. Wenn in diesem Zusammenhang in diesem Artikel nach den Gründen für das Fehlen der “Tante-Emma-Laden” nachgegangen wird, so hat das weniger mit der chaotischen – und für eine Innenstadt unwürdigenden – Baustellensituation zu tun, sondern vielmehr, wie der Artikel richtigerweise anklingen lässt, an der Etablierung der Postgalerie und des ECE. Die Gründe sind daher in erster Linie von politischer Natur.

    Daher stellt sich mir die Frage, für WEN und für WAS die S-Bahn unter Tage verlegt wird? Denn WER flaniert denn heute (und in Zukunft) noch über den prächtigen Innenstadtboulevard, wenn nicht zum Eis essen oder um auf dem Marktplatz Blumen zu kaufen. Ist es nicht vielmehr so, dass die ganzen Baumaßnahmen die Kunden nicht eher abschrecken, als jemals wieder anzulocken?

    Insgesamt ist dies eine bundesweite Entwicklung, die der Aufhellung bedarf. Von daher dürfte der Artikel ruhig polemischer und kritischer daherkommen. Aber ein Ansatz ist damit allemal getan!!!

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