Wie überlebt man “Schlammside”?

Impressionen vom Southside Festival 2011

Es trifft immer das vorletzte Juniwochenende, die sogenannte Schafskälte zieht übers Land, bei Temperaturen von kaum mehr als 10 Grad folgt ein Regenguss dem nächsten und man möchte sich am liebsten im Bett verkriechen. Ein Bett, das wäre hier purer Luxus… Denn auf dem Southside Festival zählen ein wasserdichtes Zelt und Gummistiefel bereits zur überlebenswichtigen Grundausstattung.

Wie jedes Jahr lassen sich 50000 Musikfans nicht von den schlechten Wetterbedingungen abhalten und strömen größtenteils schon Donnerstagnachmittag Richtung dem schwäbischen Dörfchen Neuhausen Ob Eck, wo von Freitag Nachmittag bis Sonntag Abend unweit auf einem Plateau gelegenen alten Flugplatz eines der bekanntesten Musikfestivals in Deutschland stattfindet.
Doch vom Begrüßungswolkenbruch lässt sich hier keiner die Vorfreude auf die drei Tage andauernde Sause im Schlamm entgehen. Mit einem Line-up, das sich gerade im Vergleich zu Deutschlands größtem Rockfestival Rock am Ring sehen lassen kann, ist es nicht verwunderlich, dass die Besucher dem Wetter trotzen und sich auch im strömenden Regen vor den Hauptbühnen drängen und dort ihre Bands feiern. Und wem das dann doch zu nass wird, der kann sich schließlich immer noch in eine der beiden Zeltbühnen flüchten ohne auf gute Musik verzichten zu müssen.

Das Southside findet seit 1999 jährlich im baden-württembergischen Neuhausen ob Eck bei Tuttlingen auf dem Gelände des „Take-off Gewerbepark“, einem ehemaligen Militär- und Flugplatzgelände, statt. Bei Besucherzahlen um die 50.000 Personen hat es sich mittlerweile zu einer der bekanntesten Open-Air Veranstaltungen bundesweit etabliert. Schwerpunkt bilden die Musikrichtungen Rock, Alternative, Independent und Electro. Der Name Southside bedeutet so viel wie südliche Gegend und weist auf die Lage des Festivals im Süden Deutschlands hin. Jedes Jahr findet zeitgleich im niedersächsischen Scheeßel das ältere Schwester-Festival Hurricane statt, welches größtenteils dasselbe Line-up aufweist.

Gleich zum Auftakt des Fetsivals am Freitag Abend überzeugt die britische Indierockband Arctic Monkeys besonders mit ihren altbekannten Nummern und gefolgt von den Foo Fighters, die mit ihrem Sänger und dem ehemaligen Nirvana Drummer Dave Grohl eine grandiose zwei Stunden andauernde Show hinlegen, ist dieser Abend perfekt abgerundet. Während dieser Zeit verwandelt sich das gesamte Festival- und Camping Areal in einen Schlammsumpf, in den man knöcheltief einsinkt.

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Ab jetzt herrscht Ausnahmezustand: Aufgewärmt und enthemmt durch ordentliche Schnapsrationen sieht man am nächsten Nachmittag oberkörperfreie Jungs beim Schlammcatchen oder beim Armdrücken auf einem umgekippten Dixie-Klo. Der Regen macht erfinderisch und so werden aus Müllsäcken Capes gebastelt und die Füße werden mit Panzertape wasserfest umwickelt.
Wer am Vorabend noch bis in die frühen Morgenstunden im Partyzelt getanzt hat, steht am Samstag Abend in der ersten reihe bei Arcade Fire oder tanzt zu den Chemical Brothers, die das Samstags-line-up abrunden. Wahre Fans lassen sich ihre Festivalfreude durch nichts verderben.
Zartbesaitetere bleiben lieber in einer gemütlichen Runde unter dem einigermaßen trockenen Pavillon sitzen, sofern dieser nicht über Nacht davon geflogen oder eingeknickt ist, und „kochen“ Ravioli oder den allseits beliebten „Hühner Nudeltopf“ aus der Dose. Frisch gestärkt kann man dem ganzen schließlich wieder etwas gelassener entgegen sehen und sich auf den Sonntag freuen, der mit etwas weniger Regen, hier und da ein paar Sonnenstrahlen aber dafür umso stürmischer aufwartet. Zur Mittagszeit binden ein paar Jungs Skateboards mit Schnüren an Pavillonplanen und im Sturm zieht dieser sie wie ein Segel über die Landebahn. Über die Schlammwüste fegt eine Windböe nach der anderen und reißen Zelte, Pavillons und alles was nicht niet- und nagelfest ist mit sich. Die meisten Besucher resignieren und packen ihre Sachen sicherheitshalber schonmal ins Auto um nach den letzten Konzerten gleich abzufahren und nicht noch eine weitere Nacht in Kälte und Nässe verbringen zu müssen. Mit der baldigen Aussicht auf ein warmes Bett und eine noch wärmeres Dusche endet das Southsidefestival 2011 mit einem tollen, etwas ruhigeren Auftritt der amerikanischen Rockband Incubus, die besonders das weibliche Publikum zum Mitsingen animieren können.

Eine Handvoll hartgesottene Fans feiern diese letzte Nacht noch durch und lassen gegen 6uhr morgens das Festival mit dem traditionellen „Mülltonnen trommeln“ ausklingen, wobei mit Pavillonstäben als Drumsticks auf umgekippte Mülltonnen eingedroschen wird. Gegen 7 Uhr ist dann auch der letzte Hobbytrommler in seinem Zelt verschwunden und keine zwei Stunden später herrscht allgemeine Aufbruchsstimmung auf dem Campingplatz.
Mit einem weiteren Festivalbändchen am Handgelenk, das viele neue Erinnerungen prägt, machen sie sich auf in Richtung Heimat, wo die Gummistiefel geputzt und im Keller verstaut werden, um dort darauf zu warten, pünktlich zum nächsten Juni wieder hervor geholt zu werden.

Lisa Mielke

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