Wer ist Hanna? Oder: Das Mädchen, das aus der Kälte kam

Schweigende Bilder aus der finnischen Wildnis, Polarfüchse, endlose schneebedeckte Weiten – in den ersten Sekunden mag sich der Zuschauer fragen, ob er ausversehen in eine Naturdokumentation geraten ist. Dass diese Einöde noch mehr zu bieten hat ist ab dem Moment glasklar, sobald Hannas (Saoirse Ronan) ruhige, stechend blaue Augen auftauchen. Die Besitzerin dieser Augen wird die nächsten 111 Minuten prägen, das steht außer Frage.
Denn sie spricht nicht nur mehrere Sprachen fließend und kann ohne Probleme ein Rentier ausweiden. Das zerbrechlich scheinende Äußere verbirgt eine perfekt vorbereitete Killerin, die gelernt hat, nur ihren Instinkten zu vertrauen.

Keine Elektrizität, Kleider aus Tierfellen, jeden Tag ein Kampf ums Überleben – Hanna wächst seit früher Kindheit fernab jeglicher Zivilisation auf. Einziger Ansprechpartner ist ihr Vater, der Ex-CIA-Agent Eric Heller (Eric Bana). Die Definition für Musik kennt sie nur aus dem Lexikon, aus dem er ihr jeden Abend vorliest. Von ihm lernt sie in harter Schule den Grundsatz : Anpassen oder Sterben.
Hanna
Denn Hanna und Eric können nicht zurück ins normale Leben – begeben sie sich aus ihrem Versteck, geraten sie sofort ins Visier von Erics Ex- Kollegin Marissa Wiegler (Cate Blanchett), die auch für den Tod von Hannas Mutter verantwortlich ist.
Doch Hanna fühlt sich bereit, das Versteckspiel aufzugeben. Der Plan hierfür steht seit Jahren fest. Eric flieht, Hanna lässt sich gefangen nehmen, um Marissa den Garaus zu machen. Wieder erwacht im CIA Unterschlupf in Marokko erledigt sie deren Doppelgängerin und flieht. Eine Hetzjagd quer durch Europa beginnt, Ziel der Reise ist Berlin.
Auf dem Weg dorthin stellen sich Hanna weitere unerwartete Hürden in den Weg, die Errungenschaften der Zivilisation, mit denen sie in der Holzhütte in Finnland nicht rechnen musste. Zwischen Wasserkochern und Neonröhren empfindet man die Deplaziertheit Hannas in der modernen Welt nach und wird Zeuge ihres Credos „Anpassen oder Sterben“.
Wiegler
Ordnungsfanatikerin Wiegler, angetan mit akkurater Helmfrisur und Zahnpflege-Obsession, sieht sich derweil gezwungen, selbst ins Geschehen einzugreifen. Um Hanna aufzuhalten, heuert die Eisprinzessin vom Schreibtisch den alten Bekannten Isaacs (Tom Hollander) an, der sich für die dreckige Wäsche der CIA nicht zu schade ist. Ganz im Gegenteil. Was aussieht wie der etwas in die Jahre gekommene nette Onkel, der mit seinen Sportanzügen aus Flanell und blondierten Haaren noch immer in den 90ern festhängt, entpuppt sich als kaltblütiger Auftragskiller. Dessen Kreativität kennt selbst bei Verhörtaktik und Folter keine Grenzen, auch ein Kugelschreiber wird in seiner Hand zum todbringenden Werkzeug. Mit zwei jungen Skinheads im Schlepptau verfolgt er Hanna bis zum Showdown in Berlin. Jeder, der mit ihr in Berührung kommt, darf mit seiner Bekanntschaft rechnen.
Isaacs
Einen Großteil der Reise bestreitet Hanna als blinder Passagier im Van einer quirligen Hippiefamilie, die auf dem Weg von Marokko nach Frankreich ist. Die Konfrontation mit deren Alltag zeigt Hanna das erste Mal die ganze Bedeutung dieser familiären Bande. Die Ausgestaltung der Nebenfiguren gelingt so liebevoll, dass man mit ihrer Lebendigkeit einen zweiten Film bevölkern möchte.
Dass Musik eine tragende Rolle in den Film spielt, fällt auch in den sorgfältig platzierten Kampfszenen auf. Egal wie blutig, durch den maßgeschneiderten Soundtrack der Chemical Brothers möchte man bei manchen Szenen einfach nur im Takt mitwippen. Die Melodie, die Bösewicht Isaac gerne vor sich hin pfeift, sitzt noch einige Tage im Gehörgang fest.
Die Reise nach Berlin ist letztendlich auch ein Aufrollen von Hannas Identität. Nach und nach erschließen sich die Gründe für Erics und Hannas jahrzehntelanges Exil und manch übles Geheimnis der Vergangenheit kommt zum Vorschein.
Vielleicht ist es gerade die Nicht-Zugehörigkeit zum Action Genre, die Regisseur Joe Wright (Stolz und Vorurteil, Abbitte) neue, unausgetretene Pfade einschlagen lässt. Erfrischend kommt diese Naivität auch bei seiner Titelheldin zum Tragen – eine starke, junge Frau, keine aufgedonnerte barely legal Lolita im Stil von Sucker Punch. Schulmädchenlook war gestern, Platz frei für Hanna! Egal ob im zu großen Gefängnisoverall oder marrokanischer Tracht, Saoirse Ronan selbst haucht ihren Kostümen Leben ein, nicht anders herum. Gerade ihre ungekünstelte Art und ihr zweckgerichteter, schnörkelloser Kampfstil weisen darauf hin, was sie ist: Ein Soldat, der eine Mission zu erfüllen hat.
Das Element der Orientierungssuche lässt sich im ganzen Film wiederfinden. In den Drehorten, die sich zwischen der Kälte Finnlands und dem sengend heißen Marokko irgendwo im Klima des klamm düsteren Berlin einpendeln. Die Natürlichkeit der Schauplätze überfordern den Zuschauer nicht und nehmen ihn mit auf eine Reise, die trotz Realismus einiges an Magie versprüht. Der Showdown selbst spielt im stillgelegten Berliner Spreepark, verstörend für ein Mädchen, dass von den unbeschwerten Zerstreuungen der Kindheit nichts miterlebt hat.
Die Mischung aus Coming-of-Age-Film und Action hätte durchaus schief gehen können, bei diesem Film gelingt diese Gradwanderung jedoch perfekt. Hauptverantwortlich hierfür ist die gekonnte szenische Einteilung in schnelle Kampfhandlungen und entzerrte Parts, die Hanna und ihr Denken erfahrbar machen. Trotz antrainiertem Überlebensinstinkt möchte man die kleine, tapfere Heldin der Geschichte in den Arm nehmen und hoffen, dass sie einem dafür nicht instinktiv das Genick bricht.

Amanda Bruchmann

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Eine Reaktion zu “Wer ist Hanna? Oder: Das Mädchen, das aus der Kälte kam”

  1. Timo

    Ein toller Artikel, der wirklich Lust aufs Anschauen versprüht (auch, wenn der Filminhalt noch etwas verstörend wirkt). Klasse!

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