Wenn einer eine Reise tut…

“Molwanîen – Land des schadhaften Lächelns”

Bevor man sich auf die Reise in ein neues, noch unbekanntes Land aufmacht, kauft man sich oft erstmal einen Reiseführer, der einem von Ausflugstipps, über Sprache, bis hin zu Land und Leute einen groben, gut gegliederten Überblick über das Land liefert. So auch hier beim touristisch noch nicht sehr erschlossenen Land “Molwanîen”, doch schon nach den ersten Sätzen merkt man, dass dieses Buch aus der Reihe “jetlag travel guide” kein ganz gewöhnlicher Reiseführer ist.

“Zwar ist die Republik Molwanîen eines der kleinsten Länder Europas, doch hat sie dem anspruchsvollen Touristen viel zu bieten. Großartige Landschaften, prachtvolle neoklassizistische Architektur und Jahrhunderte der Hingabe an Kunst und Kultur sind zugegebenermaßen Mangelware. Der furchtlose Reisende wird in diesem einzigartigen, küstenfreien Nationalstaat jedoch viel zu seiner Erbauung finden.”

So beginnt das Buch und macht gleich Lust auf mehr, Lust auf eine Reise in das sagenumwobene Molwanîen, doch dabei gibt es einen Haken: Molwanîen exisitiert überhaupt nicht. Aber den ersten Reiseführer darüber und der erfindet, mit sehr viel Liebe zum Detail, ein ganzes Land. Wie in einem ´echten´Reiseführer findet man alle wichtigen Informationen zur Geschichte, Sprache oder Kriminalität und erhält, in den nach Regionen eingeteilten Kapiteln, wichtige Hinweise zu Essen, Verkehr oder Unterkunft, bis hin zu ganz besonderen Insidertipps der vermeintlichen Verfasser des Reiseguides. Einer davon ist der immer positiv eingestellte Philippe Miseree, für den es keine größere oder kleinere Stadt gibt, von der er in letzter Zeit nicht enttäuscht wurde. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Die Türkei – Bevor sie versaut wurde oder Sinnlos beschwerliche Reisetipps. Natürlich auch alles reine Erfindung. Hinter den fiktiven Autoren verbergen sich Tom Gleisner, Santo Cilauro und Rob Sitch. Die drei sind Mitglieder der australischen Comedy-Truppe Working Dog, die, laut Pressetext, mit ihrer wöchentlichen Show The Panel und vielen anderen TV- und Radioproduktionen neben AC/DC und Russell Crowe die erfolgreichsten Entertainer des Landes sind. Mit “Molwanîen” haben sie einen Reiseführer geschaffen, der voll ist mit schwarzem, satirischem Humor. Politische Korrektheit darf man dabei zwar nicht erwarten, hat dafür aber auf fast jeder Seite mindestens einmal was zu lachen.


Kein Zweifel,
Molwanîen ist ein Einkaufsparadies.

Bildquelle:
http://www.molwanien.de/fotogalerie.html, ©Bill Bachmann

So lernt man das Land, in dem schon zum Frühstück ein Glas „Zeerstum“, der traditionelle Knoblauchschnaps, serviert wird, der wie eine Mischung aus Wodka und Kerosin schmeckt, nach jedem Kapitel immer mehr lieben. Viele wertvolle Tipps helfen, mit der dortigen Bevölkerung ohne Probleme in Kontakt zu treten, wie hier im Kapitel “Sprache”:
“Tipp: Sprache. – Es gibt vier Geschlechter. Man kann – wie einige Reisende experimentell feststellten, ein ‘j’ oder ein ‘sse’ nach Belieben an irgendein Wort hängen. Aber weit kommt man damit nicht.”

Vieles, wie die sehr vokalarme Sprache Molwaniens, in der auch gerne mal die dreifache Verneinung verwendet wird (“[Molwanisches Original.] Ist es nicht so, dass das Wasser nicht nicht untrinkbar ist?”), macht deutlich, dass sich dieses Land irgendwo in Osteuropa befinden muss. An ein paar Stellen meint man, dass trotz starker Überspitzung die Realität manchmal gar nicht so weit entfernt ist. Erinnerungen an das ein oder andere Urlaubserlebnis zwischen Adria und Baltikum werden dabei wach. Doch bei allem Humor hält der Reiseführer mit seiner immensen Anhäufung und Übersteigerung von Stereotypen und Klischees auch uns den Spiegel vor und zeigt so, wie vorurteilsbehaftet der Blick auf unsere östlichen Nachbarn wirklich ist. Somit hat “Molwanîen – Land des schadhaften Lächelns” in gewisser Weise auch einen pädagogischen Wert, ansonsten ist es einfach nur urkomisch. Noch ein Beispiel gefällig?

“Bei einer Reise in diesen Teil der Welt kommen auch die Gourmets auf ihre Kosten, und Molwanîens cuisine hat zweifellos einen weiten Weg zurückgelegt seit der Zeit, da man nur ein paar schmierige, schummrig beleuchtete und überteuerte Cafés im Zentrum von Luttenblag fand. Heute sind solche Lokale im ganzen Land zahlreich anzutreffen.”

Welch ein Land, in dem vegetarisches Essen nicht mehr als 25% Schweinefleisch enthalten darf und man in Restaurants für einen Kellner mit Schnurrbart einen Zuschlag bezahlen muss!

Die Rinder der Großen Ebene wurden genetisch modifiziert, so dass sie nur noch zwei Beine haben. Das verringert zwar den Fleischertrag, erleichtert aber das Hüten erheblich.

Bildquelle:
http://www.molwanien.de/fotogalerie.html, ©Bill Bachmann

Jedoch empfiehlt es sich, die Lektüre immer nur häppchenweise zu lesen, denn bei all dem Humor und der Ironie sehnt man sich nach einigen Seiten doch mal wieder nach etwas Ernstgemeintem. Aber gerade in Momenten, in denen man etwas Aufmunterung nötig hat, empfiehlt sich ein literarischer Kurztrip nach Molwanîen, denn:

“Was auch immer Sie suchen mögen, in Molwanîen werden Sie es wahrscheinlich finden. Sie brauchen nur diesen Reiseführer und ein paar Impfungen (Gegen Cholera, Typhus, Diphterie, Hepatitis A, Heptatits B, Polio, Tuberkulose, Hepatitis C, Meningitis, Malaria, Tetanus, Bengefieber und die von Zecken ausgehende Frühsommer-Emphezagilitis. Wer das Hinterland bereisen will, sollte auch eine vorsorgliche Dosis Antrhax erwägen) und schon kann´s losgehen!”

Also, worauf warten wir! Auf nach Molwanîen!

Molwanîen -
Land des schadhaften Lächelns

Autoren: Santo Cilauro, Tom Gleisner
& Rob Sitch
Taschenbuch, Heyne Verlag
€9,95 [D], ISBN 978-3-453-81138-6

weitere Infos über “Land und Leute”:
www.molwanien.de

und noch mehr verrückte Reiseführer:
www.jetlag-travel.de

Tobias Siegwart

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