Esperanto – eine gescheiterte Sprache?

Es gibt eine Sprache, die die Welt vereinen sollte. Mit den besten Voraussetzungen ausgestattet, hat sie es sich zum Ziel gemacht, die internationale Kommunikation zu fördern: Sie ist neutral, da sie keinem Land angehört. Sie ist gerecht, da sie als ‚Fremdsprache’ für alle Menschen die gleichen Bedingungen schafft. Und vor allem ist sie eines: leicht zu lernen.
Ja, es soll sogar die einfachste Sprache der Welt sein – und doch haben unzählige Menschen noch nie etwas von ihr gehört.


Die Kunstsprache, die das Wort „Hoffnung“ mit sich trägt, wird im nächsten Jahr 125 Jahre alt. Nicht schlecht für eine Sprache, die in der Vergangenheit verfolgt, unterdrückt und verboten wurde. Während Esperanto vor allem auch in der Arbeiterbewegung Anfang der 30er Jahre einen enormen Aufschwung erlebt, scheint es im Dritten Reich durch die Verbote verschwunden zu sein.
„Nach dem 2. Weltkrieg hatte Esperanto Probleme wieder auf die Beine zu kommen.“, erklärt Frank Huber, Software-Entwickler und Vorstandsmitglied bei BAVELO sowie Leiter der Esperanto-Ortsgruppe Karlsruhe. „Danach war es halt Englisch.“ Doch die Kunstsprache ist noch am Leben und sie ist „munterer denn je“, betont Frank Huber. Die Anzahl der Esperanto-Sprecher und –Sprecherinnen lässt sich kaum ermitteln, da sich nicht jeder, der Esperanto lernt, ‚anmelden’ muss. Die Schätzungen bewegen sich zwischen Hunderttausend und einigen Millionen.

Plansprache: künstliche Sprache, die für die internationale Kommunikation entwickelt wurde
BAVELO: (Baden-Virtemberga Esperanto-Ligo) der baden-württembergische Landesverband im Deutschen Esperanto-Bund
dej: Deutsche Esperanto-Jugend

Doktoro Esperanto

Erfinder der heute am weitesten verbreiteten internationalen Plansprache ist der jüdische Augenarzt Dr. Ludwik Lejzer Zamenhof, der 1887 unter dem Pseudonym Doktoro Esperanto (=„ Doktor Hoffender“) sein erstes Lehrbuch mit den Grundlagen der Sprache veröffentlichte. Er selbst lebte in der russischen, heute polnischen Stadt Białystok, die zu dieser Zeit von Jiddisch sprechenden Juden, Polen, Deutschen und Russen bewohnt war, wobei das Zusammenleben keineswegs friedlich ablief. Zamenhof sah den Grund der Konflikte in der fehlenden Kommunikationsmöglichkeit; eine gemeinsame Sprache musste her. „Das ist das Grundproblem“, stellt auch Frank Huber fest, „Wie krieg ich die Menschen dazu, miteinander zu kommunizieren?“
Es entsteht die Idee einer neutralen, leicht erlernbaren Sprache zur Ermöglichung internationaler Verständigung, dabei greift er auf viele Wortwurzeln aus den romanischen Sprachen zurück, wie z.B. dem Spanischen und dem Französischen, aber die Struktur ist zum Teil dem Chinesischen sehr ähnlich.
Esperanto ist eine Sprache mit einer Grammatik, die keine Ausnahmen kennt. Alles wird so gesprochen, wie es geschrieben wird. Der Wortschatz besteht aus Vokabeln, die international verbreitet und bekannt sind. Die von Zamenhof ursprünglich benannte Lingvo Internacia – die internationale Sprache – ist leichter zu erlernen als die Nationalsprachen, doch das alles scheint nicht auszureichen.

Eine Parallelwelt

„Esperanto – c’est la langue de l’amour“ singt 1999 das Trio der Hip-Hop-Band Freundeskreis und benennt die Plansprache als „Antwort auf den kulturellen Bankrott“. Das Lied ist nicht unbekannt geblieben, es begeisterte massenhaft die junge Generation. So erinnert sich auch eine Studentin aus Karlsruhe: „Der Begriff Esperanto ist mir zum ersten Mal während der Schulzeit begegnet, vor allem durch das Lied ‚Esperanto’ von Freundeskreis“, erzählt Christina Fortwängler, „Ich habe mich jedoch nie näher damit beschäftigt und mein Wissensstand begrenzt sich auf einige oberflächliche Fakten.“

Esperanto - Freundeskreis - Cover

Ein schöner Song mit einem eindrucksvollen Text; man hört ihn, man singt mit und findet die Sache an sich gut. Das reicht doch vollkommen, oder? Die Sprache sofort lernen zu wollen, das wäre doch total übertrieben.
Es ist tatsächlich so: Wer keinen direkten Bezug zu Esperanto hat, z.B. durch Freunde, Bekannte, Familie oder einfach einen geschickten Zufall, für den ist es nicht unbedingt leicht, an Esperanto zu ‚geraten’. „Esperanto lebt schon so in einer Schattenwelt, einer Parallelwelt“, gibt Frank Huber zu, „Man glaubt gar nicht, was da abgeht. Man muss es nur zur Kenntnis nehmen, sich auch mal umschauen.“
Leichter gesagt, als getan. Sieht man sich mal genauer um, ob in der Uni oder in den Straßen der Stadt, nichts weist auf die Existenz der doch so lebendigen Lingvo Internacia hin, man muss schon gezielt danach suchen und das Interesse besitzen. „Wir sind ein wahnsinnig offenes Völkchen“, erzählt der Leiter der Esperanto-Ortsgruppe Karlsruhe, „aber wir machen nicht groß Werbung, schließlich ist das Problem bei Esperanto: Es läuft auf der Ebene von Privatpersonen, uns stehen nur begrenzte Mittel zur Verfügung. Letztendlich ist es ein Hobby, man kommt durch reine Neugier und Faszination zu Esperanto.“

Man lernt Esperanto nicht, weil man muss, sondern weil man es will, ein bisschen Ehrgeiz gehört wohl auch dazu. „Man muss anfangen, sich wirklich damit auseinanderzusetzen, sonst macht das Lernen auch keinen Sinn“, erklärt Frank Huber weiter, „Das ist generell ein Anfängerproblem; wenn man nicht den Sprung macht, schließlich Gleichgesinnte zu treffen, wird’s schwierig.“ Esperanto ist eine Möglichkeit, mit Menschen weltweit in Kontakt zu treten und mit ihnen barrierefrei kommunizieren zu können, Bekanntschaften zu machen, Freundschaften zu schließen. Dazu kommt das große Angebot an internationalen Esperanto-Treffen und Veranstaltungen: „Es gibt bestimmt kein Tag im Jahr an dem nicht irgendwo auf der Welt ein Esperanto-Treffen stattfindet“, meint Frank Huber. Klingt nach einer großartigen Gelegenheit, oder nach etwas anderem?

„Viele denken Esperanto sei wie eine Sekte, aber müssen tut man gar nichts. Man muss auch nicht Mitglied sein, um an irgendwelchen Esperanto-Veranstaltungen und –treffen teilnehmen zu können. Man muss sich nur trauen.“

Zuerst Esperanto..

Bei Leo Sakaguchi ist das alles ganz anders. Der Mechanikstudent aus Darmstadt ist Vorstandsmitglied der Deutschen Esperanto-Jugend (dej) und mit Esperanto als Muttersprache aufgewachsen: Seine Mutter ist Polin, sein Vater kommt aus Japan. Sie haben sich für die Familiensprache Esperanto entschieden: „Meine Eltern sprechen nur Esperanto miteinander“, erzählt Leo Sakaguchi. Selbst seine Großmutter aus Polen hat die Kunstsprache gelernt. Neben seinem Studium beschäftigt er sich mit seiner Leidenschaft: der Musik. Als DJ ist er auch in der Welt des Esperanto aktiv: „Die Esperantisten sind deutlich anspruchsvoller als der normale Cluballtag“, meint der 24-jährige Student, „denn wenn du im Club gebucht wirst, spielst du ein Genre und das war‘s. Die Esperantisten hören alles und dann kommen auch noch Leute aus allen möglichen Ländern und wollen dann vielleicht sogar Musik in der Landessprache hören. Das ist schon eine große Herausforderung.“

Die Plansprache mit Kultur

„Esperanto ist eine eigene Welt mit eigener Kultur.“, betont Frank Huber. Aber ist das bei einer künstlich geschaffenen Sprache wirklich möglich? Ja, denn die Sprache hat sich über 100 Jahre lang entwickelt, sie ist gewachsen und mit ihr hat sich natürlich auch eine Kultur manifestiert. Die Esperanto-Übersetzungen in der Literatur stellen insgesamt derzeit eine Anzahl von ungefähr 40.000 Titeln dar. Daneben spielt vor allem auch die Musik eine wichtige Rolle: In der Esperantomusik lassen sich so gut wie alle Stilrichtungen wiederfinden. Es gibt sowohl Symphonien, als auch Jazz, Schlager genauso wie Punk, Techno oder Elektro sowie Pop und Esperanto-Rock. Selbst an Radiosendungen und Theateraufführungen fehlt es nicht; und das erste Esperanto-Musical fand 1997 statt. Außerdem hat Esperanto nicht nur eine eigene Hymne, sondern auch eigene Symbole.

Esperantofahne
Die Esperantofahne mit dem grünen, fünfzackigen Stern: Ursprüngliches Esperanto-Symbol, der Esperanto-Initiator Zamenhof hat es selbst als Erkennungszeichen verwendet.

Esperanto-Ei
Das ‘Esperanto-Ei’ oder auch Esperanto-Jubiläumssymbol (100 Jahre Esperanto): Es ersetzt zunehmend die Esperantofahne, da es die politische Neutralität besser verdeutlicht.

Wie sieht’s in Karlsruhe aus?

Es gibt zwei Dinge, die man in unserer Fächerstadt entdecken kann: Die Esperanto-Brücke und die Zamenhofstraße. Ersteres befindet sich im Stadtteil Grünwinkel und führt über die stark befahrene Pulverhausstraße, welche eine Brücke zweifellos notwendig machte.
Die Zamenhofstraße, die in der Oststadt zu finden ist, klärt sogar auf ihrem Straßenschild über den ‚Erfinder des Esperanto’ auf.
Doch was ist nun mit den Esperantisten in Karlsruhe? Es gibt sie: eine Hand voll Espis – wie sie sich nennen – treffen sich meist einmal im Monat, um etwas zu unternehmen, zu reden, sich auszutauschen und natürlich Esperanto zu sprechen. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von 15-20 Personen zwischen 20 und 60 Jahren. Sinkende Mitgliederzahlen machen sich über die Jahre allerdings bemerkbar, aber „das ist nichts, was nur Esperanto angehen würde, es ist der gesellschaftliche Umbruch“, erklärt der Leiter der Esperanto-Gruppe.
„Die Leute wollen sich nicht mehr an einen Verein binden, nicht mehr direkt Mitglied einer Gemeinschaft sein. Loser Kontakt wird bevorzugt, vor allem die Verlagerung aufs Internet. Heute existiert eine andere Art Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Das gab’s halt früher nicht.“

Esperanto – eine Geschichte des Scheiterns?

„Gemessen an der Maximalforderung an eine Zweitspache, eine sogenannte ‚Weltsprache’, kann man schon sagen, dass Esperanto gescheitert ist, komplett“, räumt Frank Huber ein, „Andererseits gab es gerade in den letzten Jahren einen Aufschwung nur durch das Internet, durch z.B. Wikipedia und lernu.net. Und wenn man mal weiß, wo die Treffen sind, wo die Ortsgruppe, wo der Chat, dann besteht eher ein Überangebot.“ Auch Leo Sakaguchi sieht ein, dass es „den Durchbruch nicht geben wird, den sich so manche Leute erhoffen oder erhofft haben.“ Allerdings sieht auch er im Internet ein gutes Medium, um die Anzahl der Esperantosprecher zu steigern und „die Welt ein bisschen besser“ werden zu lassen.
Kann eine Sprache, die so weit verbreitet ist, die so viel Freude und Gemeinschaftsgefühl aufkommen lässt; eine Sprache, die Respekt und Toleranz, Hilfsbereitschaft und ‚Weltbewusstsein’ entwickelt, als gescheitert angesehen werden?
Frank Hubers Meinung steht fest:

„Esperanto ist einfach eine gute Sache. Es steht für das Gute im Menschen. Es ist der Grundgedanke von ‚alle Menschen sind gleich, keiner steht über dem anderen.’“

Daniela Stratidis

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7 Reaktionen zu “Esperanto – eine gescheiterte Sprache?”

  1. Horst Vogt

    Ich freue mich über die ausgewogene Arbeit und danke der Autorin für ihre Unvoreingenommenheit. Selbst als Student vor fast 50 Jahren durch Zufall über Esperanto gestolpert (Prospekt im Hörsaal), überwand ich mein großes Vorurteil dagegen und begann die Sprache zu lernen. Sie hat, es mag pathetisch klingen – mein Leben in mancher Hinsicht bereichert. Ich war bei Menschen in Holland, Belgien, Frankreich, Finnland, Griechenland, Tschechien, Rumänien und Polen zu Gast und verließ sie als Freund. Ich kann mich mit ihnen in Esperanto wirklixh unterhalten, mich nicht nur veständlich machen. Die Sprache taugt auch für wissenschaftliches Arbeiten. An der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen/Polen kann man ein Postdiplom-Studium in Linguistik/Interlinguistik absolvieren: Vorlesungen, Semesterarbeiten und Prüfungen und die abschließende Diplomarbeit erfolgen in Esperanto.

  2. Manfred Westermayer

    Danke an Daniela Stratidis für die umfassende und objektive Darstellung. Ich nehme an, sie hat ein bisschen Lust darauf bekommen ? Natürlich schaut man heute zuerst bei Wikipedia nach wenn man über “Esperanto” stolpert, und so lernen es die meisten im Internet (lernu.net) bevor sie eine Esperanto-Gruppe suchen.
    Esperanto erweitert jedenfalls den kulturellen Horizont und überbrückt kulturelle Differenzen; deshalb haben es die Grünen ins aktuelle Europa-Programm als “internationale Sprache der Völkerverständigung” aufgenommen (verduloj.org).
    Unsere Gruppe in Freiburg trifft sich wöchentlich, Montag abend, vis-a-vis der provisorischen UB1 (im “Treffpunkt”).

  3. Franz Zeller

    Bona ideo Une bonne idée Eine gute Idee
    ESPERANTO l´ ESPERANTO ESPERANTO
    la neŭtrala lingvo la langue neutre die neutrale Sprache

    Es ist nicht schlecht, wenn Menschen mehrere Sprachen beherrschen. Aber das sind, gemessen an der Zahl der Gesamtbevölkerung, sicher sehr wenige. Es trägt also nicht viel zur Verständigung im geeinten Europa bei, und beansprucht Zeit, die zum Lernen anderer, wichtigerer Dinge nötig wäre.
    Wegen des Jubiläums der „Römischen Verträge“ habe ich mich ein wenig schlau gemacht.
    Dabei stieß ich auf eine Rubrik Sprachenvielfalt. Hier steht unter anderem:
    „Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union aus dem Jahr 2000 verpflichtet die Union, die Sprachenvielfalt zu achten (Artikel 22), und verbietet die Diskriminierung u.a. aufgrund der Sprache (Artikel 21). Die Achtung der Sprachenvielfalt ist ein Grundwert der Europäischen Union, genauso wie Respekt der Person, Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Toleranz und Akzeptanz anderer Menschen.
    Dieser Grundsatz gilt nicht nur für die 23 Amtssprachen der Union, sondern auch für die vielen Regional- und Minderheitensprachen, die von einzelnen Bevölkerungsgruppen gesprochen werden.“ u.s.w.
    Wenn also auch Regional- und Minderheitensprachen geschützt sein sollen, gibt es nur ein Mittel, das Sprachenproblem in Europa zu lösen: Eine gemeinsame neutrale Zweitsprache für alle! und jedem seine Muttersprache, und die richtig.
    Ich fühle ich mich diskriminiert wenn ich Englisch oder eine andere Nationalsprache benutzen soll. Ich fühle mich auch zurückgesetzt, weil die muttersprachlichen Engländer keine Fremdsprache zwangsweise lernen müssen.
    Öfters kann man in der Zeitung lesen, dass es in der Union zu Meinungsverschiedenheiten wegen der Arbeitssprache kommt. Die Meisten wollen Englisch, weil sie nicht anders können. Die Franzosen wollen Französisch, weil Frankreich ja die Grande Nation ist. Die Spanier wollen Spanisch, weil Spanisch weit verbreitet ist. Es ist jetzt noch nicht abzusehen welche der sogenannten 23 Amtssprachen noch als Arbeitssprache vorgeschlagen wird.
    An die Bevölkerung denkt man in der Union nicht. Was hilft es den breiten Bevölkerungs-
    schichten in Europa, drei oder noch mehr Sprachen zu lernen und damit keine richtig. Dass man in Deutschland oft nicht mehr richtig deutsch kann, ist fast jedes Jahr in der Zeitung zu lesen, wenn sich Universitäten beklagen, dass es deutschen Abiturienten an Deutsch-
    kenntnissen fehlt. Was würden wir Deutsch-Sprecher machen, wenn wir unser Hoch- oder Standarddeutsch nicht hätten? Könnten alle „Deutschen“ Bayrisch, Plattdeutsch, Kölnerisch, Aachenerisch, Hessisch, Schwäbisch (das verstehen wir ja), Badnerisch, Sächsisch oder irgend einen anderen deutschen Dialekt verstehen? Könnten wir die Österreicher oder Schweizer verstehen?
    Unser Standarddeutsch kann man als Dach über den Dialekten verstehen. Genau so kann man eine neutrale Sprache, zusätzlich zur Muttersprache, als Dach über den europäischen, schützenswerten Sprachen verstehen.
    ESPERANTO zeigt jedes Jahr bei unzähligen Kongressen, Seminaren oder Kolloquien seine internationale Tauglichkeit und wird täglich im Sinne der Völkerverständigung benutzt. Ganz zu schweigen davon, dass in den letzten 50 Jahren die UNESCO die Esperantosprache schon zwei Mal zur Einführung (sogar weltweit) empfohlen hat.
    Das Ziel für Europa muss sein, jedem seine Muttersprache und die richtig, dem vereinten Europa eine einzige neutrale, gemeinsame Zweitsprache zu vermitteln und diese Zweitsprache darf der Gerechtigkeit und Nichtdiskriminierung wegen keine Nationalsprache sein. Das schließt nicht aus, später noch eine Fremdsprache zu lernen.

  4. Alois Eder

    Daniela Stratidis hat in KA.mpus einen sorgfältig recherchierten und lebendig geschriebenen Artikel über eine sympathische Sache vorgelegt. Über Esperanto, das zu entdecken sich lohnt.

    Esperanto ist tatsächlich sozusagen eine Parallelwelt. Aber muss es das bleiben? Ich erzähle ein Beispiel.

    Ich habe gerade die Europäische Sommerakademie der globlalisierungskritischen Bewegung Attac (ENA) in Freiburg miterlebt. Von den 1300 Teilnehmern waren die Hälfte Deutsche, ein Drittel Franzosen und der Rest verteilte sich auf viele andere Nationen. Gedolmetscht wurde zwischen den drei Sprachen Französisch, Deutsch und Englisch. Englische Muttersprachler waren so gut wie nicht vertreten.

    In einer zweitägigen Vormittagsveranstaltung über das Sprachenproblem wurde nur zwischen Deutsch und Französisch gedolmetscht. Englisch wurde nicht gebraucht. Ich bewundere, was die jungen Dolmetscherstudentinnen in ihrem wechselnden Einsatz in den zweimal drei Stunden an Konzentration leisteten.

    Auf Einladung der Veranstaltungsleitung fand auf der ENA in Freiburg auch ein Esperantokurs statt. Es standen dafür viermal 90 Minuten zur Verfügung. Wir verzichteten erst einmal auf einen der zwei zur Verfügung gestellten Dolmetscher(innen), (die man dringender in anderen Workshops brauchen konnte), und die verbliebene Dolmetscherin konnte gleich Esperanto mitlernen. Dem eigentlichen Esperantokurs widmeten wir weniger als die Hälfte der verfügbaren Zeit. Dabei wendeten wir die „direkte Methode“ an, bei der man ohne Erklärung in der Muttersprache Esperanto (oder eine andere Sprache) lernt. Am Ende des Seminars konnten die Teilnehmer einem einfachen esperantosprachigen Text folgen, in dem es um die Inhalte ging, die in der Attac-Akademie diskutiert werden.

    Es sind die Entscheidungsträger der Wirtschaft, die sich gegen Esperanto und für Englisch entschieden haben. Die Politik handelt „in ihrem Schlepptau“ – wie heute unumwunden zugegeben wird. Aber die Verhältnisse sind nie unveränderbar. Heute werden viele Denkverbote aufgehoben, die noch vor kurzem unüberwindbar schienen. (Wer hätte gedacht, dass die Finanztransaktionssteuer unter dem Druck der Schuldenkrise heute anfängt, mainstreamfähig zu werden?) Sollten einmal Teile der Wirtschaft sich des Esperantos bedienen wollen, dann wäre wohl das Modell Mehrsprachigkeit plus Esperanto der gangbare Weg zur Realisierung eines solchen Schrittes.

  5. Lu Wunsch-Rolshoven

    Tolle Sprache – bisher unzureichendes Marketing.
    Könnte aber noch werden…

    Der Aufstieg von Esperanto ist beeindruckend: 1887 bei der Veröffentlichung der Sprache gab es etwa fünf Esperantosprecher; Esperanto war damit eine der kleinsten Sprachen von damals etwa 7000 auf der Welt. Heute ist Esperanto eine der fünfzig international am meisten genutzten Sprachen. Einen solchen Fortschritt hat in der Menschheitsgeschichte noch keine andere Sprache geschafft!

    Schneller gewachsen als jede andere Sprache

    Bei Wikipedia steht Esperanto mit 150.000 Artikeln auf Platz 27, bei http://esperanto.china.org.cn/ ist es eine von 10 Sprachen mit täglichen Nachrichten aus China.

    Englisch hatte mit etwa 100 Millionen Sprechern 1887 die zweitgrößte Sprachgemeinschaft der Welt, heute ist es nur noch auf dem dritten Platz und wird seinen Platz der Sprachgemeinschaft mit der größten Wirtschaftskraft vermutlich in den nächsten Jahren einbüßen, http://unicode.org/notes/tn13/ .

    Auch wenn Esperanto noch wenig verbreitet ist – der prozentuale Zuwachs ist beeindruckend. Nicht die Sprache ist gescheitert, sondern das bisher unzureichende Konzept, um Esperanto weiter und schneller zu verbreiten.

    Zu kleine Werbebudgets

    Warum sich Esperanto nur langsam verbreitet, wird klar, wenn man sich die Werbebudgets der Esperanto-Organisationen ansieht. Da wird meist nur etwa ein Prozent der Gesamteinnahmen für Werbung ausgegeben. Jeder, der sich mit Marketing und Werbung beschäftigt hat, weiß, dass das in der Regel zum Schrumpfen führt. Drei bis fünf Prozent braucht man meistens schon, um sich zu halten – zehn Prozent sind oft nötig, um zu wachsen. (Bemerkenswert ist übrigens, dass Esperanto außerhalb der Verbände durchaus zulegt.)

    Konzentriert werben

    Der Text legt mehrfach klar, wo das Problem liegt: Viele Menschen haben noch nie von Esperanto gehört, manche nur ein oder zwei Mal und wissen daher nur wenig davon. In der Regel reicht das für eine Entscheidung nicht aus, die meisten Menschen müssen schon etwa sieben Mal von etwas hören, bis sie ausreichend davon wissen, um sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Die Werbung müsste also so konzentriert werden, dass eine kleine Zielgruppe sehr oft von Esperanto hört.

    Guerilla-Marketing: Wenig Geld, viel Erfolg

    Der Leiter der Esperanto-Ortsgruppe Karlsruhe erzählt, „wir machen nicht groß Werbung, schließlich ist das Problem bei Esperanto: Es läuft auf der Ebene von Privatpersonen, uns stehen nur begrenzte Mittel zur Verfügung.” In der Werbung kann man allerdings auch mit begrenzten Mitteln Erfolg erreichen – wenn man sie auf eine ausreichend kleine Zielgruppe konzentriert. Jay Levinson hat in ‘Guerilla-Marketing’ etwa 200 Ideen aufgelistet, wie man mit wenig Geld relativ großen Werbe-Erfolg erreichen kann. Am Geld liegt es nicht…

    „Gemessen an der Maximalforderung an eine Zweitspache, eine sogenannte ‚Weltsprache’, kann man schon sagen, dass Esperanto gescheitert ist, komplett“, meint Frank Huber. Nein. Die Esperanto-Verbände sind mit ihrem unzureichenden Konzept für die Esperanto-Verbreitung gescheitert, zumindest in den letzten Jahrzehnten. Die Sprache selbst ist weiterhin erfolgreich. Man kann noch nicht abschätzen, wie weit der Erfolg gehen wird.

    Die hellseherischen Fähigkeiten von Leo Sakaguchi bewundere ich. Er meint, dass es „den Durchbruch nicht geben wird, den sich so manche Leute erhoffen oder erhofft haben.“ Ich halte diese Aussage für verfrüht. Wir haben bisher keine Ahnung, was passieren würde, wenn man für Esperanto mit professionellen Methoden Werbung machen würde. Wenn dann z.B. 50 % der Karlsruher Studenten all das wissen würden, was die Autorin hier wirklich sehr schön zusammengestellt hat. Wir wissen ja nicht einmal, wieviel Prozent heute eine realistische Vorstellung von Esperanto haben…

    Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

    Alois Eder merkt an, es seien die “Entscheidungsträger der Wirtschaft, die sich gegen Esperanto und für Englisch entschieden haben.” Das mag sein. Aber wer ein neues Produkt oder eine neue Idee auf den Markt bringt, sollte sich wenig um die Etablierten mit ihren festen Meinungen kümmern – es kommt zunächst darauf an, für die eigene Sache Interessenten zu finden. Schön, dass das bei ATTAC so gut funktioniert hat.

    Ich habe auch deshalb hier so viel geschrieben, weil ich denke, dass man in Deutschland ganz generell noch zu wenig von Werbung und Marketing weiß – das gehört leider bisher nicht zur Allgemeinbildung. So kann sich die Vorstellung halten: “Wenn sich etwas nicht verbreitet und nicht durchsetzt, dann war es wohl nicht so gut.” Ich denke, richtig ist: “Wenn sich etwas nicht verbreitet und nicht durchsetzt, dann waren sehr häufig Marketing und Werbung schlecht.”

    Erfreulicherweise gibt es ausreichend Bücher zu diesen Themen. Allerdings müssen die auch gelesen werden. Vermutlich brauchen wir in Deutschland unter anderem Marketing für “Marketing als Teil der Allgemeinbildung”…

  6. Rudolf Fischer

    Gescheitertes Alphabet?

    Wenn man Esperanto für gescheitert hält, weil es nicht weltweit allgemein verbreitet ist, muss man auch andere Dinge als gescheitert ansehen: der Rechtsverkehr, das Dezimalsystem, gar die Menschenrechte und – Englisch
    natürlich auch. So hoch sollte man die Messlatte also nicht legen.

    Zunächst darf man nicht übersehen, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit aus einem bewusst geschaffenen Ansatz heraus eine funktionierende Sprache entstanden ist. Ein Erfolg, den Sprachwissenschaftler lange für unmöglich erklärt haben, und es gibt immer noch einige, die ihn leugnen.

    Die Esperantosprechenden brauchen den weltweiten Siegeszug nicht. Privat reicht es, in der ganzen Welt verstreut interessante Gesprächspartner zu finden. Die vorstehende Arbeit hat das ja sehr deutlich gemacht. Deshalb lernen Menschen heute Esperanto, nicht auf die Erwartung des endgültigen Durchbruchs hin.

    Zum Schluss noch die Frage, wer nach der hochgelegten Messlatte eigentlich gescheitert ist. Das Alphabet wurde erfunden, damit Menschen sich weltweit schriftlich austauschen können. Da es aber immer noch sehr viel Analphabetismus gibt, ist damit das Alphabet gescheitert?
    Oder nicht vielmehr die Menschheit, die nicht in der Lage ist, ein hervorragendes Hilfsmittel allen Menschen zugänglich zu machen?

    Rudolf Fischer
    Lehrbeauftragter für Esperanto an der Universität Münster

  7. Michael Scherm-Markow

    Ein gut geschriebener Artikel. Gescheitert ist Esperanto nicht – ganz im Gegenteil. Wenn man die Publikationen, die tatgtäglichen Verbindungen per e-mail, Briefen, Telefonaten und insbesondere die persönlich ausgetauschten Plaudereien betrachtet, dann ist Esperanto sogar sehr erfolgreich. Die Idee der uneingeschränkten Menschenrechte ist schon uralt und in einigen Teilen der Welt Wirklichkeit, hat aber lange Zeit gebraucht und ist in den meisten Staaten der Erde noch nicht verwirklicht. Für eine größere Bekanntheit wird es auch für Esperanto noch dauern. Eine Sprache annähernd so zu sprechen wie die Muttersprache ist schon ein schönes Erlebnis.

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