“Noch ne Baustelle?!” XX. Baden-Württembergische Theatertage 2011 in Karlsruhe

„Oh was ischn des?“, fragt sich Stefan aus Ettlingen als er von der Haltestelle Ettlinger Tor in Richtung Badisches Staatstheater Karlsruhe läuft: Lauter Holzwände versperren ihm den Weg und die Sicht zum Staatstheater. „Oh nein jetzt gibt es hier auch noch eine Baustelle – das hat in Karlsruhe gerade noch gefehlt!“, jammert Martina aus Karlsruhe-Daxlanden und fügt hinzu: „Wenn wir hier zurzeit was genug haben, dann sind es Baustellen.“ Und tatsächlich: Das Ganze sieht aus, als ob auch hier vor dem Staatstheater demnächst, wie an so vielen Stellen momentan in Karlsruhe, die Bagger anrollen. Doch blickt man hinter die Holzwände findet man nichts, was auf eine Baustelle hinweisen könnte und überhaupt macht die Anordnung dieser Absperrungen keinen Sinn. Kein Wunder, denn diese vermeintlichen Bauzäune sind Teil der Baden-Württembergischen Theatertage, die in diesem Jahr vom 1.-10. Juli in Karlsruhe stattfanden.


Das vom Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Bühnenvereins veranstaltete Theater-Festival findet alle zwei Jahre in wechselnden Städten im Südwesten statt. 17 Bühnen und 10 Kinder- und Jugendensembles waren in Karlsruhe zu Gast und wollten unter dem Motto ‚UNGeRECHT‘ mit über 70 Veranstaltungen in zehn Tagen die Vielfalt und Lebendigkeit der baden-württembergischen Theaterszene in der Fächerstadt präsentieren. Das Motto selbst lag für Knut Weber, Schauspieldirektor am Badischen Staatstheater Karlsruhe, auf der Hand: „Karlsruhe als Stadt der höchsten Gerichte möchte mit den Theatertagen ein sehr reichhaltiges Programm zum Thema ‚Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit‘ bieten, in dem Bewusstsein, dass das Thema in der Gesellschaft aktuell von hoher Bedeutung ist und auf vielen Ebenen in vielen Facetten diskutiert wird – man denke nur mal an die Proteste zu Stuttgart 21. Das Theater liefert hier einen Beweis dafür, dass es auch politisch wirken kann und trotzdem unterhaltsam ist und das ist ja das schönste, was es geben kann.“

Aber die Veranstalter wollten dabei nicht nur im Staatstheater und den jeweiligen Aufführungsorten verharren, sondern das ganze Stadtgebiet aktiv mit einbeziehen. Hierzu wurde ein großes kreatives Rahmenprogramm aufgestellt und jetzt kommen wieder die Holzwände ins Spiel. Diese sind Teil der Kooperation ‚SCHWARZ AUF WEISS‘ der XX. Baden-Württembergischen Theatertage 2011 mit der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG). Sieben Studierende des Kommunikationsdesigns und der Szenografie waren ein Jahr lang an der Planung und Umsetzung dieses Projekts beteiligt und zuerst der Fragen ausgesetzt: Wie bekommt man eine graphische Umsetzung des Mottos ‚UNGERECHT‘ hin und wie kann man diese Thematik räumlich inszenieren? Henning Arnecke ist einer der sieben Hochschulstudenten, der sich dieser Fragen stellte. Zuerst musste also ein einheitliches Erscheinungsbild, ein Coporate Design, wie man auf gut Deutsch zu sagen pflegt, für Plakate, Programmbücher, Homepage und Flyer geschaffen werden, was das Thema ‚Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit‘ ausdrückt. Die richtigen Farben waren, laut Henning Arnecke, schnell gefunden: „Gerecht und ungerecht, ein Unterschied wie Tag und Nacht, wie schwarz und weiß.“ Weiß steht für das Gerechte, die Farbe schwarz, als dunkler Gegenspieler, vertritt natürlich das Ungerechte. Schwarze Balken betonen den Aspekt der Ungerechtigkeit und verstärken den Kontrast zum sauberen, weißen Hintergrund. Das Endprodukt der Studenten war in der ganzen Region auf Plakaten, Flyern und Anzeigen sichtbar.

Doch wie bekommt man nun aus dem grafischen ein szenografisches, heißt räumliches Erscheinungsbild? Den Studenten kam die Idee die Balken auf den Plakaten zu echten Wänden im Stadtraum werden zu lassen. „Die Plakat-Balken sind Balken, die Informationen verdecken, die in gewisser Weise stören, weil sie das Schriftbild überlagern und ähnliches versuchen wir auch mit den Wänden zu schaffen“, so Arnecke. Somit ist die Störung des Sichtfelds durch die schwarzen und weißen Holzwände auf dem Theaterplatz durchaus gewollt: „Wenn man sich jetzt die Situation vor dem Theaterplatz anschaut, dann ist es so, dass die schwarzen und weißen Balken, wenn man von der Ettlinger Straße her kommt, im ersten Moment den Blick auf das Theater versperren.“ Geht man um diese erste Wand herum, so stößt man auf die nächste, Umwege sollen so erzwungen werden. Dies geschieht aber nicht nur, um die dortigen Passanten zu ärgern, durch die Wände soll der Theaterplatz ein neues Erscheinungsbild bekommen: „Es entstehen so ganz neue, zuvor nicht da gewesen Räume und Kontaktmöglichkeiten, sodass der riesengroße Theaterplatz vielleicht ein bisschen kleiner, etwas intimer wird.“ Doch wie soll dies dem baustellengeplagten Karlsruher vermittelt werden? „Das ist vielleicht eine kleine Schwierigkeit mit der wir zu kämpfen haben, dass aktuell wirklich unglaublich viele Baustellen, Bauzäune und Sichtbehinderungen in Karlsruhe zu sehen sind und wir dem ganzen jetzt noch eine weitere Sichtversperrung hinzusetzen. Das ist möglicherweise ein bisschen provokativ, wenn nicht sogar ‚UNGERECHT‘, aber wir hoffen, dass sich unsere Wände dann doch etwas von den mit Werbung behängten Bauzäunen, die sonst in der Stadt rumstehen, unterscheiden und das dies im Wesentlichen doch neugierig macht.“
Es gab aber noch mehr Überlegungen, wie man die Grafik räumlich umsetzen kann. Den Organisatoren kam die Idee, dass es eigentlich schön wäre, diesen schwarzen Balken auch mal fahrend zu erleben. Gesagt getan wurde in Zusammenarbeit mit den Verkehrsbetrieben Karlsruhe eine Bahn der Linie 5 ganz in schwarz gehüllt, also sozusagen eine „Schwarzfahrbahn“. Dies soll nicht nur ein blödes Wortspiel sein, sondern dabei sollten die Fahrgäste zum Nachdenken anregt werden, sodass sie sich die Frage stellen ‚Werden so alle zu Schwarzfahrern?‘ und ‚Müssen sich Fahrgäste trotzdem einen Fahrschein kaufen?‘. Abends wurde die „Schwarzfahrbahn“ dann zur Theaterbühne. Dabei begab sich der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger mit seinen Schauspielern und dem Publikum auf eine theatrale Expedition durch die Stadt. Tilmann Neuffer, Dramaturg der Theatertage, schildert den Ablauf eines solchen ungewöhnlichen Theaterabends: „Los ging es in der Schwarzwaldhalle, danach begaben sich Zuschauer und Schauspieler mit der Straßenbahn auf eine Rundfahrt durch die ‚Viel vor viel dahinter‘-Stadt, um die Gerechtigkeitslage in Karlsruhe zu erforschen.“ Der Text dieses ungewöhnlichen Theaterstücks beruht auf Gesprächen mit Bewohnern der Stadt, mit Rechtsexperten sowie literarischen und historischen Texten.

Neben diesen gab es noch einige weitere, teils scheinbar spontane Aktionen in der gesamten Karlsruher Innenstadt. Trotz einiger Erfolge sind diese interessanten und innovativen Ideen beim „gemeinen Karlsruher“ leider nicht so ganz angekommen. Das Ziel durch die Aktionen in der gesamten Innenstadt auch alle Bewohner der Stadt mit einzubeziehen wurde nicht erreicht und als Ergebnis war dann oftmals doch nur zu hören: „Oh ne – ned noch ne Baustelle?!“

Tobias Siegwart

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