Bist du kavantgarde?

Seit drei Jahren schon mischen Jakob und Co. von Kavantgarde erfolgreich die Unterhaltungskultur von Karlsruhe auf. Was ursprünglich aus Frustration entstand, entfaltete sich zu einer eigenständigen Szene und fand ihren Höhepunkt auf dem zweitägigen Kavantgarde-Festival.


Vor zwei Wochen versammelten sich auf dem Kavantgarde-Sommerfest Künstler und Kulturliebhaber aus Karlsruhe und Umgebung. Neue Künstler, ein außergewöhnlicher Flohmarkt und Live Acts, welche sich über drei Locations erstreckten, kennzeichneten das diesjährige Festival. Das Substage und der Alte Schlachthof dienten als Künstlerfläche, auf der sich die Newcomer kreativ austoben konnten. Die Hauptaktivitäten, wie der Kulturmarkt, der kostenlos war und den ganzen Nachmittag über stattfand oder Sprayer, die auf dem Gelände der Fleischmarkthalle ihre künstlerische Begabung zur Schau stellten, fanden in dem bis 2006 noch genutzten Schlacht- und Viehhof in Durlach statt. Der Alte Schlachthof und die dazugehörige Fleischmarkthalle sind schon lange ein Aushängeschild für Kavantgarde-Veranstaltungen geworden.


Der Kavantgarde-Kulturmarkt

Ungefähr 1500 Besucher konnte man an dem Wochenende vom 1. bis 2. Juli zählen. Von selbstgemachten Taschen bis Mutige, die auf der Bühne ihre eigenen Verse präsentierten, war abseits des Mainstream alles dabei. Was viele nicht wissen, das zweitägige Festival, welches nach der Meinung der Veranstalter zu wenig Besucher fand und somit die erwartete Breite nicht erreichte, war auch gleichzeitig das dreijährige Jubiläum der ursprünglichen Freunde-Kooperation.
Doch was ist Kavantgarde? Eine Stilrichtung, eine Institution? „Kavantgarde ist eine unkommerzielle Plattform, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die kreative Kunst und Kulturszene in Karlsruhe zusammenzubringen“, erklärt der Gründer Jakob Siegmund.
Mit dieser Leitidee und ihrem bescheidenen 1-Zimmer Büro feilen Jakob und Co. regelmäßig an neuen Top-Acts und versuchen aufzuspüren was in Karlsruhe geht, oder eben auch nicht geht, um es zum Laufen zu bringen.

Was ist kavantgarde ?

Die Bezeichnung Avantgarde kommt ursprünglich aus dem französischen Sprachgebrauch und kennzeichnet die Fronttruppen des Militärs. Also Soldaten, die sich während kriegerischen Auseinandersetzungen in den ersten Reihen befanden und durch ihre Position eine “Vorreiterrolle” für die nachfolgenden Bewegungen signalisierten. Im Laufe der Zeit entmilitarisierte sich der Begriff und öffnete sich gesellschaftlichen und künstlerischen Bereichen. Dennoch blieb die Idee der räumlichen Frontposition erhalten. Heute verbindet man Avantgarde mit modernen und zeitlich nach vorne gerichteten Entwicklungen, die den Zeitgeist einer Gesellschaft wiedergeben oder vorantreiben.
Ein Avantgardist ist auch Jakob Siegmund. Zwar kein Soldat an der Front, aber jemand der die Kluft zwischen Künstler und notwendiger Plattform erkannt hat. Er rebellierte und das mit Erfolg. “Nachdem ich viele Jahre beobachtet habe, wie kreative Köpfe aus meinem Umfeld in andere Städte gezogen sind, habe ich mir 2008 vorgenommen eine Plattform zu starten, auf der die Künstler und Projekte vorgestellt werden”, erklärt er.
Seit drei Jahren also bietet die selbst ernannte Avantgarde von Karlsruhe – kurz “Kavantgarde”, welche im Laufe der Zeit ihre Mitarbeiterzahl neben drei Kernkräften um das dreifache vermehrt hat, von Hobbyfotografen bis VJs oder Computerprogrammierer – alles natürlich ohne Entgeld versteht sich – nicht nur Veranstaltungen an, sondern pushen vor allem andere Events und neue Künstler.

Avantgarde kommt aus dem Französischen und bedeutet ursprünglich Vorhut, Vorreiter.
Die Einheit eines marschierenden Truppenkörpers, welche eine gewisse Entfernung vorschiebt, um sich gegen die Erkundung durch den Gegner und seine überraschenden Angriffe zu sichern. Im 20. Jahrhundert meinte man mit Avantgarde jedoch politisch oder künstlerisch progressive Bewegungen einer Gesellschaft.

Egal, ob harter Metall, verschickter Electro oder heimische Volksmusik. Kavantgarde unterstützt alles was sich in Karlsruhe abseits des Mainstream tut oder nicht tut. Schon lange avancierte Kavantgarde durch ihr dicht gewobenes Netzwerk über einen normalen Veranstaltungskalender hinaus. Die Abendveranstaltungen, die auf kavantgar.de gepostet werden sind legendär und haben Party-Garantie, aber auch die Matinées, die sich nachmittags abspielen, stoßen neue kulturelle Impulse in Karlsruhe an.
Die “wegweisende” Avantgarde hat es geschafft, die zerstreute Abendkultur in Karlsruhe, in der zwar hier und da mal „coole“ Sachen stattfanden, zu bündeln und durch die Internetpräsenz ein Zuhause zu geben. Die Kulturbranche ist aber keinesfalls dem willkürlichen Willen oder einer Vormundschaft der Schöpfer ausgesetzt. Die Nutzung des Internetportals unterliegt keiner Obhut. Wer seinen Senf abgeben will, registriert sich und postet. Einzige Bedingung vom Team ist die Veröffentlichung einer Fotoreihe nach dem angekündigten Event. Somit schließt sich der Kreis ohne großen Aufwand und bürokratische Hürden. Die Homepage lebt von den Projekten der Künstler und Veranstalter. Diese wiederum brauchen eine Werbefläche, um ihre Veranstaltung überhaupt publik machen zu können. Ein wechselseitiges Produzenten-Konsumenten-Verhältnis in einer Stadt, die keinen Überfluss an solchen Aktivitäten hat und in der die Nachfrage (noch) hoch ist.
Verblüfft ist man auch über die Ehrlichkeit der Initiatoren, die auf der Homepage gerne mal zugeben, wenn ein Event nicht geglückt ist und über das weitere Vorgehen stets informieren. Durch dieses Format wird die Community gleichzeitig zum Co-Produzenten, welcher selber bestimmt, was auf den „ka-nightlife“- Teller kommt!
Doch wie schafft es so ein Konzept erfolgreich zu sein? Karlsruhe hatte ein Leben vor Kavantgarde, und dieses war so gar nicht “avantgarde”! Auch wenn die Karlsruher Nachtszene damals noch in ihrer Pubertät steckte – das “Nachtcafé” lässt grüßen – kann man sich heute ein Wochenende ohne Klick Klack Club oder Poetry Slam nicht vorstellen.

Kavantgarde – eine Lebenseinstellung ?

“Wer sucht, der findet”, erklärt Milena Harm, die gerade ein Praktikum bei Kavantgarde nachgeht. “Wir wollen vielschichtig sein und alle ansprechen”, führt sie weiter aus. Dass es nicht immer klappt, bemerkt man auf vielen Abendveranstaltungen, die von der Plattform unterstützt werden. „Trotz medialer Präsenz und guter Mundpropaganda sieht man auf vielen Events die gleichen Gesichter“, gibt Milena zu und fügt bei, „was aber nicht schlimm wäre“.
Die Avantgarde Bewegung drückt eine kritische Haltung gegenüber dem Mainstream aus. Von der Masse wollen sich auch die Gleichgesinnten der diversen Kavantgarde-Events abheben, ohne zu bemerken, dass sie kontinuierlich den Mainstream von Morgen bilden. Ein hip gestyltes Volk, das zu verschicktem Drum’n'Bass tanzt kann schnell eine homogene Gruppe bilden. Wer sich eine Hornbrille ohne Sehstärke anschafft und Omis alte Handtasche vom Sperrmüll rettet ist noch lange nicht (k)avantgarde! Kavantgarde ist eine Lebenseinstellung. Eine Lebenseinstellung die jeder haben sollte. Offen für Neues zu sein. Sich auch in anderen Kulturbereichen umzuschauen oder überhaupt das Kunst- und Kulturbewusstsein in der Stadt, in der man lebt, zu stärken. Mit Kunst ist hier keineswegs hoch abstrakte Ästhetik gemeint, sondern Kunst von Leuten wie du und ich, Garagenmusiker oder DJs, die sich ausprobieren möchte.
Warum die Interaktion von vielen verschiedenen Gruppen so zäh verläuft, weiss Milena nicht. Womöglich ist dies der Ansporn weiterzumachen. Das Team hat sich ohne große Ideologie vorgenommen aus allen Bereichen, Sparten und Genres das Beste auszuschöpfen.
Doch ist Karlsruhe, eine friedliche Stadt mit dem Sitz des Bundesgerichtshofs und einer Elite-Uni, überhaupt bereit für Kavantgarde? Oder entzieht sie sich dieser kulturellen Umwälzung?


Bist du kavantgarde?

Karlsruhe – bereit für Kavantgarde?

Karlsruhe ist eine Studentenstadt. Also viel Potenzial, um kreativen Strömungen freien Lauf zu lassen – ohne dafür großartig viel zu tun. Doch Fehlanzeige. Es scheint, als ob der Karlsruher Student, profitierend von den Öffnungszeiten, seine Nächte lieber in der UB verbringt, als sich in den Dschungel des Nachtlebens zu werfen.
Das Scheitern des Stilblogs in Karlsruhe zeigt die Unsicherheit des Karlsruher (Jung-)Bürgers. Das von Kavantgarde-Jakob initiierte „Stil in Karlsruhe“, teilt den einigen Wenigen, die den Modeblog regelmäßig verfolgen mit, dass das Projekt offiziell „gescheitert“ ist. Die Philosophie von so einem Modeblog ist eigentlich simpel und beruht auf Spontanität.
The Satorialist, aber auch Yvan Rodic haben es vorgemacht, was es bedeutet eine Stadt durch die individuellen Kleidungsgewohnheiten der dort lebenden Menschen zu entdecken. Weltmetropolen wie London, Paris, Stockholm haben es nachgeahmt – mit großem Erfolg. Sogar in unserer schwäbischen Lieblingsstadt Stuttgart ist das Konzept erfolgreich. Also warum nicht in Karlsruhe?
Das Fotografieren auf der Straße wurde belächelt und irgendwie passt das gar nicht zu Karlsruhe, sagten skeptische Stimmen.
Wir müssen erst mal klar stellen, dass Karlsruhe zwar eine Studenten-, aber auch eine Rentnerstadt ist. Die Stadt hat in vielen Bereichen „verschlafen“ und rückt nun allmählich nach – die Eröffnung eines Einkaufscenters, und nun der Bau der Ustrab. Nicht verwunderlich bei einer Stadtgeschichte, die während einem genussvollen Mittagsschläfchen unter einem Baum “erträumt” worden ist. Kavantgarde versucht auf jeden Fall historisch treu zu bleiben, indem es sogar mehr Menschen von vielen verschiedenen Genres anspricht als es überhaupt Fächer in dieser Stadt gibt.
„Vielleicht war das Festival zu groß für Karlsruhe“ fragen sich Jakob und Co. seit letzter Woche und scheuen sich nicht diese Frage an das Kavantgarde Publikum weiterzugeben.
Trotzdem gehen die Planungen weiter, die nächsten Events stehen schon fest und Kavantgarde beharrt auf seine Namensgebung als Vorreiter, indem es sich an unberührte Bereiche vortastet und mit jungen Künstlern in Berührung kommt, die bis dahin unentdeckt blieben. Nach dem “Stilblog” konzentriert sich Jakob wieder voll und ganz auf sein ursprüngliches Projekt. “Die Kavantgarde geht jetzt einfach vor, da sie in ihrem Auftrag für die Stadt Karlsruhe wichtiger ist.”, teilt er mit. Die Festivals, von dem es im Winter wieder eins geben wird, spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie dienen nicht nur der Vernetzung der Community auch außerhalb des Online-Status, sondern fördern auch den regen Austausch von Künstlern und Kulturliebhabern oder einfach Menschen, die sich aus der Universitätsbibliothek trauen.

Ceren Akbaba

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