Im Gespräch mit dem Autor Sebastian Fitzek

“Es gibt Geschichten, die sind wie tödliche Spiralen und graben sich mit rostigen Widerhaken tiefer und tiefer in das Bewusstsein dessen, der sie anhören muss. Ich nenne sie Perpetuum morbile. Geschichten, die niemals begonnen haben und auch niemals enden werden, denn sie handeln vom ewigen Sterben.”
Sebastian Fitzek bei einer Lesung

Foto: Thorsten Staudt

Dies sind die ersten Zeilen aus Sebastian Fitzeks Roman Der Augensammler. Es ist bereits das sechste Werk des deutschen Schriftstellers, der seit 2006 Psychothriller schreibt. Seine Laufbahn als Autor von Psychothrillern begann mit dem Roman Die Therapie, welcher in kurzer Zeit zu einem Bestseller wurde. Daraufhin folgten die ebenso erfolgreichen Romane Amokspiel (2007), Das Kind (2008), Der Seelenbrecher (2008), Splitter (2009) und Der Augensammler (2010).
Der Erfolg seiner Romane liegt möglicherweise zu einem Teil darin begründet, dass seine Geschichten wie die eben zitierten “tödlichen Spiralen mit Widerhaken” sind, die den Leser verwundet zurücklassen und ihn einfach nicht mehr loslassen.
KA.mpus traf den jungen Autor zum Interview.

Wann haben Sie zum ersten Mal den Wunsch verspürt Schriftsteller zu werden?

Als ich eine Idee in meinem Kopf hatte, die ich da unbedingt wieder herausbekommen wollte. Das war, als ich in einem überfüllten Wartezimmer einer Arztpraxis saß und auf meine Freundin wartete. Irgendwann dachte ich mir dann: „Was, wenn sie nie wieder aus dem Behandlungszimmer herauskommt? Wenn alle behaupten, meine Freundin wäre nie in die Praxis gegangen?“ Das war die Initialzündung für Die Therapie.

Weshalb haben Sie sich für das Genre Psychothriller entschieden?

Ich bin überzeugt: Die größten Mysterien liegen tief im Innersten unserer menschlichen Psyche verborgen. Unser Gehirn ist wie die Tiefsee. Vielleicht das letzte unerforschte Terrain auf Erden, voll von Geheimnissen, die darauf warten, entdeckt zu werden. Ein Beispiel: einmal ging ein Fall einer blinden, multiplen Persönlichkeit durch die Presse, die auf einmal wieder sehen konnte. Denn nur eines ihrer ‘Ich’s’ war blind. Ein anderes, das tief in ihr schlummerte, konnte sehen, nachdem es ‘aufwachte’ und die Kontrolle übernahm.
Es sind genau diese Phänomene, die mich dazu inspirieren, Psychothriller zu schreiben.

Sehen Sie im Schreiben für sich eine Möglichkeit, diese Tiefsee auf eigene Art und Weise auszuloten und zu erforschen?

Ganz eindeutig. Ich würde sogar noch weiter gehen: Schreiben ist für mich eine Art Therapie mit der ich all meine Ängste verarbeite. Daher sehe ich so harmlos und ausgeglichen aus, da ich meine Alpträume anderen überstülpe.

Sie beschäftigen sich in Ihren Büchern mit den Abgründen der menschlichen Seele, mit grausamen und zweifelnden Menschen. Hat das auch Auswirkungen auf Sie selbst? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ich fühle mich nach dem Schreiben ausgeglichener. Ich verarbeite also meine negativen Empfindungen.

Und was ist ihr größte Angst?

Meine größte Angst wäre es, das genaue Datum meines Todes viele Jahre zuvor zu erfahren.

Ist es vorgekommen, dass ihre Geschichten oder Figuren Sie nicht mehr loslassen und bis in ihre Träume begleiten?

Nein, da ich meine Ängste ja verarbeite kann ich friedlich schlafen.

Gibt es einen Autor von dem Sie sagen können, dass er sie besonders beeinflusst hat?

Enid Blyton, da ihre Bücher die ersten waren, die ich las. Stephen King, der mir die Welt der Spannung öffnete.

Stephen King schreibt in seiner Autobiographie Das Leben und das Schreiben, dass sich Geschichten in erster Linie selbst erschaffen. Laut ihm sind Geschichten Fundstücke, Fossilien im Boden. Die Aufgabe des Schriftstellers ist es, ihnen einen Ort zur Verfügung zu stellen, an dem sie sie sich entwickeln können. Wie empfinden Sie das?

Wie immer bei Herrn King: sehr treffend formuliert.

In Interviews sagen Sie, dass Sie zu ihren Geschichten von Alltagssituationen inspiriert werden. Bedeutet das, dass der Ausgangspunkt ihrer Bücher bisher immer eine Situation war? Ist Ihnen noch nicht zuerst die Idee einer Figur gekommen über die Sie unbedingt schreiben wollten?

Doch, so war das beim Augensammler. Die Entstehungsgeschichte des Buches habe ich in der Danksagung geschrieben. Hier war zuerst die blinde Physiotherapeutin da, die mich so sehr fasziniert hat.

Wie gehen Sie vor nachdem Sie die Idee zu einer Geschichte haben? Schreiben Sie chronologisch oder kommt es vor, dass Sie das Ende vor dem Anfang schreiben?

Ich schreibe nicht von A bis Z sondern in sich immer weiter ausdehnenden Kreisen. Das heißt, ich springe manchmal von Kapitel Drei zu Kapitel Eins zurück, um hier etwas zu überarbeiten, dann erst geht es mit Kapitel vier weiter. Eben gerade ist mir auf S. 161 ein guter Prolog eingefallen, also bin ich wieder zurück gesprungen. Das Ende aber schreibe ich immer zum Schluss.

Wenn Sie eine Idee entwickeln, die möglicherweise zu einem Roman wird, mit wem besprechen Sie diese dann? Gibt es jemanden, der für Sie in dieser Hinsicht besonders wichtig ist? Oder passiert alles zunächst im Geheimen?

Ich habe viele verschiedene Freunde, Bekannte, Verwandte und Kollegen, die alle in meiner Danksagung erwähnt sind und die immer als Laborkaninchen herhalten müssen.

Gibt es Dinge, die Ihnen beim Schreiben besonders schwer oder leicht fallen?

Schwer fällt immer der Anfang, leicht ist es, aufzuhören.

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