Stil – sicher?

Auf der Straße liegt so einiges. Flyer, die keiner behalten will, Scherben, S-Bahn-Schienen, ab und zu tote Tauben, Bananenschalen (aber nur in Witzen), und nach alter Weisheit das Geld. Seit kurzem gesellte sich ein weiterer hinzu: der Stil. Auch er ist mittlerweile auf der Straße zu finden. Und ob ihn einer sucht? Nicht nur einer. Streetstyle-Blogger scheinen sich den Zeitvertreib des Menschenbeobachtens zum Job gemacht zu haben.

Ausschau halten nach dem Ausgefallenem im Modemassenkonsum ist nicht die neueste Idee. In vielen deutschen Großstädten gibt es Streetstyle-Blogger, allen voran Berlin. Was auf Stil in Berlin gezeigt wird, entscheiden Mary Scherpe und Benjamin Richter. Seit fünf Jahren fotografieren sie, was das Berliner Volk hergibt – nein, herzeigt. Als erste Stadt hatte New York einen Streetstyle-Blog, der weltweit bekannt ist. New York – leuchtet ein. Das ist groß und irgendwie ausgefallen genug, da findet sich sicher Einzigartiges.

Erste Entdeckung

Karlsruhe ist nicht einmal annähernd New York. Trotzdem gibt es einen Streetstyle-Blog. „Natürlich ist Karlsruhe im Gegensatz dazu hinterwäldlerisch, aber es hat Potenzial. Im Zimmerchen sitzen und mir wünschen, ich wär in Berlin oder New York ist einfach. Irgendwo muss man einfach mal anfangen“, sagt Nico Kolb (17). Er fotografiert für Stil in Karlsruhe und hat sein erstes Model für heute entdeckt. „Die Gesamterscheinung überzeugt mich. Die Klamotten passen genau zu ihr“, sagt er. Schnell wird überlegt, wo das angehende Streetstyle-Model fotografiert werden könnte. Litfaßsäule. Dann kommt es darauf an: Nico sagt sein Sprüchlein über Stil in Karlsruhe. Die Visitenkarte wird gleich nachgereicht, es soll kein unseriöser Eindruck entstehen. Ein bisschen überrumpelt ist Melissa und eine Verabredung hat sie eigentlich auch gleich noch. Aber, warum nicht. „Ist ja auch ein nettes Kompliment“, grinst sie, „und so lange wird’s nicht dauern oder?“

Spontaneität muss her

Erste Beurteilungen von Nicos und Melissas Seite

Nein. Manchmal habe man nur Sekunden, um das Foto zu schießen. „Da drückst du einmal ab und das wars. Die Leute haben keine Zeit. Nachbearbeitet wird höchstens der Kontrast“, erklärt Nico. Heute allerdings ist es gemütlicher. Während er die Kamera einstellt, notiert Melissa was sie trägt. Rock H&M, Shirt… auch? Weiß sie nicht mehr so genau, die Schuhe sind von Birkenstock.
Nach wenigen Minuten zählt die Speicherkarte einige Fotos und Melissa darf beurteilen. Außerdem werden ihr die Fotos zugesendet. Zur Not kann sie sich noch dagegen entscheiden. Dankeschön und Händedruck. So schnell sind die Fotografen nicht immer erfolgreich. „Manche fragen dich nach einem Extratreffen, um Fotos zu machen. Das geht natürlich nicht, wäre auch völlig gegen das Prinzip.“ Richtig. Spontan muss es sein. Streetstyle soll es sein. Sogar Designer zeigen Interesse. Sie lassen sich von den großen Blogs inspirieren und laden die Fotografen zu Modeveranstaltungen ein. Nicht mehr nur die Kleiderschränke der Stars zählen, sondern was der normale Mensch trägt. Werbeangebote lassen da nicht lange auf sich warten. Einige Blogger leben von ihrem Hobby. Darum aber geht es Stil in Karlsruhe nicht. Jakob Siegmund gründete den Blog vor einem Jahr. Als Vorbild nennt er Stil in Berlin. Die Blogger stehen im Kontakt, Treffen gibt es und wertvolle Tipps von den Profis. Die Anzahl der Karlsruher Fotografen ist nicht ganz klar. Es handelt sich um eine lose Gruppe, bei der jeder mitmachen kann.

Zeige sich wer kann und vor allem wer sich traut

Mit dem Rad und der Canon 400D über der Schulter geht es raus aus der Südstadt. Am Stephansplatz stoppt Nico. Da sitzt sie: Die Frisur teilweise rasiert, ein überlanges Jeanshemd, quergestreifte Leggins oder ist es eine Strumpfhose? Egal. Sie winkt sowieso ab, aber bietet einen Platz neben sich auf dem Boden an und fachsimpelt mit Nico über Stil. “Bei Facehunter oder The Sartorialist würde ich ehrlich gesagt nicht nein sagen”. Da kennt sich jemand aus. Die beiden Style-Blogger zählen zu den Bekanntesten der Branche. “Die Menschen auf deren Fotos haben in ihre Kleidung investiert. Da sehe ich so etwas wie Kunst.” Ihren eigenen Stil reiht sie darunter nicht ein. Und an Selbstbewusstsein mangle es ihr auch.
Das braucht man allerdings für den Karlsruher Stil-Blog. Zwischen konstruktiven und netten Kommentaren finden sich viele verletzende. Bei Beleidigungen wie “gaykopf” fragt man sich kurzzeitig, wer noch einmal diese Idee mit der Meinungsfreiheit hatte?! Im Fachjargon nennt man die Verfasser solcher Kommentare ‚Trolle‘. Sie richten Schaden an mit ihren anonymen Kommentaren. In Zukunft soll das auf Stil in Karlsruhe verbessert werden. Ganz zensurfrei ist der Blog auch jetzt nicht, die meisten Kommentare werden freigeschaltet.

Nico gibt Anweisungen, um Melissa gut in Szene zu setzen

Die Frage des Stils

Immer wieder brodelt die Diskussion um Stil auf dem Blog. Dass dieser nicht mit Marken gleichzusetzen ist, scheint noch jeder zu vertreten. Loben die einen den Oma-Pulli, meinen die anderen der mache noch lange keinen Stil aus und sei eigentlich schon wieder völliger Mainstream. Einige kommen zum Schluss, Stil sei in Karlsruhe nicht vorhanden, die Stadt zu klein und die Mode nur aus der gleichen Ecke. Für jeden aber bedeutet Stil Individualität und meistens Mut. Das würde Nico unterschreiben. Kleidung und Person müsse ein Gesamtbild ergeben. Wenn es dann noch ausgefallen und mutig ist, perfekt. Dass der Blog hauptsächlich einen Szene-Stil zeigt ist nicht zu leugnen. Im Endeffekt bleibt Stil subjektiv. Was dem Fotografen zusagt, wird abgelichtet. Das sind eben oft die ähnlich Gekleideten. Nico ist das bewusst. Auch viele andere Aspekte spielen bei der Beurteilung von Stil eine Rolle. „Wenn es dir super geht, fotografierst du ausgefallenere Dinge. Du denkst nur: Wow, wie man sich traut so etwas zu tragen.“ Und angefügt wird die Allzeit-Entschuldigung: „Man kann es halt nicht allen Recht machen.“ Ein bisschen ist das wie mit der Kunst. Über die lässt sich bekanntlich auch streiten.

Fotografie

Nicht nur wie mit der Kunst ist es – sogar eine gewisse Art von Kunst ist das Projekt. Für Nico ist vor allem der fotografische Aspekt interessant. Der Schüler will später auf die HfG und nutzt Stil in Karlsruhe, um sich auszuprobieren. Spontane und schnelle Personenfotografie, dazu sollte das Foto originell sein, die Orte sich möglichst nicht wiederholen. Obwohl auch über die Qualität der Bilder gemeckert wurde, ist Nico zufrieden. „Das liegt eben daran, dass du manchmal wirklich nur Sekunden Zeit hast. Aber schau die ersten Bilder von Stil in Berlin an. Uns würde man an den Hals springen, wenn wir sowas bringen würden“, vermutet er. Stimmts? Ja. Verwackelte Bilder und schlechte Ausleuchtung auf den Seiten der Berliner.

Stil ist individuell. Ist Individualität Stil?

Alle Streetstyle-Models notieren eine Kurzbeschreibung ihres Outfits

Stil in Karlsruhe will – so lautet das Konzept – Individualität und Stil, sei er noch so extravagant und ungewöhnlich, zu größerer Beachtung und Akzeptanz verhelfen. Keiner soll Angst haben, sich modisch auszudrücken. Kein schlechter Gedanke, fragt sich nur: Will denn jeder mit seiner Kleidung etwas ausdrücken? Und wenn ja, reicht es zu etwas Tiefsinnigerem als ‘ich kleide mich ach so anders als der Rest der Welt’? Vor allem die Betonung der Individualität scheint etwas einseitig gedacht. Wenn Individualität nur noch mit dem Klamottenstil verbunden wird, wird der Begriff zu einem oberflächlichen Modewort. Im wahrsten Sinne. “Das ist uns klar. Stil ist nicht das einzige, was einen Menschen individuell macht. Aber wir sind ein Mode-Blog, darum decken wir nur diesen Aspekt ab”, so Nico. Er schaut in sein Espresso-Tässchen und resümiert grinsend: In einer Metzgerei kann ich auch keinen Kuchen kaufen.

Claudia Weidenmüller

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Eine Reaktion zu “Stil – sicher?”

  1. Gianna

    Sehr schöner Artikel wie ich finde, insbesondere weil positive wie auch kritische Aspekte der Arbeit beschrieben werden.

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