Das Friedrichsbau Varieté in Stuttgart

Das Varieté im Friedrichsbau bereichert in seiner heutigen Form bereits seit 1994 das Kulturleben in Stuttgart. Doch die Historie dieser magischen Stätte reicht bis ins Ende des 19. Jahrhundert zurück. Bereits zu dieser Zeit begeisterten Auftritte internationaler Stars im Friedrichsbau Theater das Publikum.


Der Hof ist mit Fackeln beleuchtet. Sie weisen den verheißungsvollen Weg, der über den roten Teppich zum Eingang führt. Ein Mann in Livree öffnet einladend die Tür und empfängt lächelnd die Eintrittskarten. Der Zutritt zu einer unechten, jedoch realen Welt führt in einen schwarzen Saal mit kleiner Bühne. Die Lichter erlöschen – die Show beginnt.

Varieté (fr. théâtre des variétés = Theater der Vielfalt) bezeichnet ein Unterhaltungsprogramm, das sich aus musikalischen, tänzerischen, akrobatischen und artistischen Elementen zusammensetzt. Die einzelnen Darbietungen – von verschiedenen Künstlern aufgeführt – vereinen sich zu einer gemeinsamen Veranstaltung.

Die kleine Bühne im Friedrichsbau ist der Tradition des Varietés treu geblieben. Nicht nur die Vielfalt an künstlerischen Darbietungen soll erfüllt werden, sondern auch „die Vielfalt an Gefühlen“, so der künstlerische Leiter und Regisseur des Friedrichbaus Ralph Sun. „Das Varieté soll zum Staunen einladen, überraschen, fröhlich und traurig stimmen. Die gesamte Bandbreite an Gefühlen bedienen, die es gibt.“

Zu diesem Zweck treffen sich heute wie damals Künstler aus aller Welt in Stuttgart auf den Brettern die die Welt bedeuten, um das Publikum zu unterhalten. Ob es sich dabei wie in den 1920er und 1930er Jahren um etwa Josephine Baker oder im aktuellen Spielplan um die „16 Sirenen“ aus der Ukraine handelt, die Nähe zum Zuschauer bleibt. „Das Besondere am Varieté ist das Live-Erlebnis, diese Nähe zum Künstler und dieses einmalige Erleben möchte ich den Leuten gerne nahe bringen“, bestätigt auch Ralph Sun.

Josephine Baker (1906 – 1975) war eine Sängerin und Tänzerin. Sie machte 1925 durch ihren Auftritt im Pariser Théâtre des Champs-Elysées den Charleston in Europa bekannt. Besondere Berühmtheit erlangte sie durch ihren skandalösen Auftritt mit ihrem Bananentanz, dem danse sauvage, bei dem sie lediglich mit einem Röckchen aus 16 Bananen bekleidet auftrat.

Der Vorhang fällt, das Licht geht an. Pause. Die Masse strömt zu den Toiletten. Die im Raum Verbliebenen nutzen die Gelegenheit, die Kellner die sich während der Vorstellung im Hintergrund gehalten hatten, auf sich aufmerksam zu machen. Meine Begleitung und ich verharren auf unseren Sitzen. Hatten wir tatsächlich beobachtet, wie der äußerst maskulin wirkende Herr, Typus „wenn mir ein Mann zu nahe kommt, schlag ich ihm in die Fresse“, sich lachend von einem „Höhnen im Fummel“ mit einer Federboa hat necken lassen? Und nicht nur das, kurz darauf hatte dieses fremd wirkende Wesen auch auf seinem Schoss gesessen und ihm sogar einen Kuss gegeben. Ich blicke mich nach dem Herren um, unweit von uns gibt er stolz seine Geschichte zum Besten, mit dem Lippenstiftabdruck auf der Wange. Ich entdecke auch das ältere Ehepaar, das vermutlich niemals gemeinsam einen Striptease bestaunen würde. Die New-Burlesque Darbietung der Tänzerin hingegen hat ihnen gefallen.

Die klassische Burlesque ist eine Showdarbietung, bei der sich die Tänzerin während ihres Auftrittes entkleidet. Jedoch steht nicht die erotische Animation sondern die humoristische und neckische Unterhaltung im Vordergrund. Die New-Burlesque steht in der alten Tradition und ist lediglich durch zusätzliche Stilrichtungen wie Comedyeinlagen erweitert. Eine berühmte Vertreterin ist Dita von Teese.

Das Publikum nimmt wieder seine Plätze ein. „Hast du gesehen, …“ kann ich gerade noch vernehmen, als das Licht wiederrum verlischt und der zweite Teil der Show beginnt. Die 369 Plätze des Varietés sind gut besucht, aber auch im Allgemeinen kann der Friedrichsbau über mangelnde Besucherzahlen nicht klagen. Seit nun 17 Jahren hat er sich dieser traditionellen Kunstform verschrieben und gehört zwischenzeitlich zu den besten Varietébühnen Deutschlands, auf der um die 1.500 Künstler aus aller Welt aufgetreten sind. Die ständige Suche nach innovativen Ausdrucksformen und der häufig wechselnde Spielplan lockten bisher über 1,5 Millionen Zuschauer.

Die Darbietung geht mit einem lauten Applaus zu Ende. Künstler und Publikum möchten sich gar nicht mehr voneinander trennen. Langsam leert sich der Raum. Im Foyer findet man wieder zusammen. Es haben sich Grüppchen um die einzelnen Darsteller gebildet, man freut sich gemeinsam über den Abend. Künstler zum Anfassen? Publikum zum Anfassen? Die Grenzen sind verschwommen – man weiß es nicht. Wir erreichen den Ausgang, verlassen diese bezaubernde Welt, nur um bald wieder in sie einzutauchen.

Snezana Pasic

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