Ballett – eine Subkultur in Karlsruhe?

In Karlsruhe wird Ballett getanzt – und zwar nicht nur am Badischen Staatstheater. Allein in Karlsruhe und Durlach gibt es drei Ballettschulen. Ist Klassisches Ballett vielleicht eine geheime Subkultur in Karlsruhe? Ich habe mich mit Aina Reijerink-Lagunilla, der Mitgründerin und Lehrerin der „Ballettschule Lagunilla & Reijerink“ unterhalten.

Ich erreiche das zweite Stockwerk im Haus der Kaiserstraße 241 und öffne die Tür, neben der ein Schild mit der Aufschrift Ballettschule Lagunilla & Reijerink hängt. Als ich eingetreten bin, höre ich die sanften Klänge von Klaviermusik, denen ich folge, bis ich an der Schwelle zum großen Saal stehe. Ich beobachte fasziniert, wie die erwachsenen Frauen sich zur Musik bewegen und dabei eine gelassene Eleganz und Zufriedenheit ausstrahlen.

Als die Stunde zu Ende ist, kommt Aina Reijerink-Lagunilla lächelnd auf mich zu und streckt mir freundlich ihre Hand zur Begrüßung entgegen. Ich warte im Aufenthaltsraum, der hell und zeitlos gestaltet ist. An den Wänden hängen gerahmte Fotos von Tänzerinnen und Tänzern und an einer großen Pinnwand gegenüber der Rezeption hängen Zeitungsartikel, die über Ballettaufführungen berichten. Nachdem alle Schülerinnen gegangen sind, setzt sich Aina Reijerink-Lagunilla noch immer lächelnd zu mir und wir beginnen mit dem Interview.

KA.mpus: Frau Reijerink-Lagunilla, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Beginnen wir mit der Frage, wie Sie zum Balletttanzen gekommen sind?

Aina Reijerink-Lagunilla: Ich bin gebürtige Holländerin und bin, wie es so üblich ist, als kleines Mädchen ins Ballett gegangen. Ich schätze, ich werde fünf Jahre alt gewesen sein. Ich habe dann einige Jahre Ballett gemacht und fand das nicht sportlich genug. Ich habe sehr viel anderen Sport gemacht, rhythmische Sportgymnastik, was mir sehr viel Freude gemacht hat. Allerdings habe ich gemerkt, dass das für den Körper nicht so gesund und vorteilhaft ist und bin im Alter von zehn oder elf Jahren wieder zurück zum Ballett, was ich doch sehr vermisst habe. Dann hat es mir so viel Freude gemacht, dass ich weiter gemacht habe und weiter und weiter, bis die Lehrerin mich angesprochen hat, ob ich das nicht beruflich machen wolle. Das war auch meine Idee und Vorstellung. So habe ich dann eine Vorausbildung gemacht an einer professionellen Tanzakademie und letztlich die Prüfung bestanden, die am Ende meiner dreijährigen Berufsausbildung an einer staatlichen Akademie stand. Das alles war in Holland.

KA.mpus: Wie kamen Sie denn nach Deutschland?

Aina Reijerink-Lagunilla: Nachdem ich meine Ausbildung in Holland abgeschlossen hatte, ging ich zu Vortanzterminen verschiedener Kompanien. Meinen ersten Vertrag bekam ich hier in Deutschland, in Gelsenkirchen. So bin ich nach Deutschland gekommen.

KA.mpus: Was hat Ihre Familie zu der Idee, Tänzerin zu werden, gesagt?

Aina Reijerink-Lagunilla: Die stand dem ganz positiv gegenüber. Die Voraussetzung war aber, dass ich meine Schulausbildung mit dem Abitur hatte. Ansonsten haben sie das Tanzen immer unterstützt.

KA.mpus: Haben Sie jemals daran gezweifelt, dass Balletttänzerin zu werden der richtige Weg für Sie ist?

Aina Reijerink-Lagunilla: Nein. Die Freude am Tanzen und vor allem an der Ästhetik auf der Bühne, die wunderschönen Ballettvorstellungen und die gesamte Ästhetik drum herum haben mir so zugesagt, dass ich gesagt habe: Das ist meine Welt, das kann ich mir vorstellen.

KA.mpus: Sie haben dreizehn Jahre am Badischen Staatstheater getanzt. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie zum letzten Mal die Bühne als Tänzerin betreten und verlassen haben?

Aina Reijerink-Lagunilla: (lacht) Gut. Ja, wirklich gut. Ich war gar nicht traurig, weil dreizehn Jahre auf der Bühne eine lange Zeit sind. Es war einfach ein schöner Bogen, mit Anfang und Ende, es hat einfach alles gepasst. Ich habe in Gelsenkirchen, Nürnberg und Karlsruhe getanzt und das war eine lange Zeit. Außerdem habe ich eine Tochter bekommen. Das war alles in Ordnung, so, wie es war.

KA.mpus: Welche Rolle haben Sie am liebsten getanzt, wenn man das überhaupt sagen kann?

Aina Reijerink-Lagunilla: Oh, das kann man! Da gab es ein Stück, das der Choreograph Germinal Casado gemacht hat, der damalige Ballettdirektor am Badischen Staatstheater. Er hat Carmina Burana, ein sehr bekanntes Stück, sehr schön choreographiert. Das habe ich sehr, sehr, sehr gerne getanzt. In dem Stück hatte ich die Rolle der Fortuna. Aber es gab auch viele, viele andere Stücke und Rollen, die ich gemocht habe. Wir haben sogar Musicals und Operetten getanzt, was Balletttänzer nicht unbedingt immer so gerne machen. Aber auch das fand ich ganz reizend und interessant. Alles, was sich auf der Bühne und im Theater tut, finde ich interessant und schön.

KA.mpus: Dem Familiennamen nach zu urteilen, leiten Sie die Ballettschule gemeinsam mit Ihren Mann, der auch in Karlsruhe am Badischen Staatstheater getanzt hat. Haben Sie sich in Karlsruhe kennen gelernt?

Aina Reijerink-Lagunilla: Nein, wir haben uns bereits in Gelsenkirchen kennen gelernt, wo mein Mann auch getanzt hat. Das war im Jahr 1976. Er hatte Pläne, aus Gelsenkirchen weg zu gehen und so haben wir zusammen vorgetanzt, wie das eben so der normale Gang ist, und haben beide ein Arrangement in Karlsruhe bekommen.

KA.mpus: Dann haben Sie zusammen diese Ballettschule gegründet?

Aina Reijerink-Lagunilla: Ja. Wir haben beide aufgehört zu tanzen, weil wir beide Tanz-Pädagogik studiert haben. 1992 haben wir die Ballett-Schule Lagunilla & Reijerink gegründet.

KA.mpus: Wieso ausgerechnet in Karlsruhe?

Aina Reijerink-Lagunilla: (lacht) Das ist eine gute Frage. Weil wir natürlich schon lange in Karlsruhe waren und weil wir inzwischen eine kleine Tochter bekommen hatten. In Karlsruhe gibt es ja die Europäische Schule, was für uns als Familie, die viel mit anderen Kulturen zu tun hat – französischer, holländischer, spanischer und deutscher Kultur –, vorteilhaft war. Außerdem haben wir uns mit den ganzen Kollegen, die aus allen Himmelsrichtungen kamen, auch in einer internationalen Gesellschaft bewegt. Wir haben uns überlegt, dass Karlsruhe perfekt ist, wenn wir unserer Tochter die beste Schulausbildung bieten wollen. Die Europäische Schule war wirklich ein Grund, weshalb wir beschlossen haben, in Karlsruhe zu bleiben.

KA.mpus: Haben Sie sich jemals gewünscht, dass ihre Tochter in Ihre Fußstapfen tritt?

Aina Reijerink-Lagunilla: Meine Tochter ist jetzt 23 Jahre alt und hat ihren beruflichen Weg schon gefunden. Ich hätte mir aber auch nicht gewünscht, dass sie meinen Weg geht, weil es inzwischen schwieriger geworden ist, ein Arrangement zu bekommen. Ich bin davon überzeugt, dass es so viele schöne Berufe auf dieser Welt gibt, doch man muss sich eben für einen entscheiden. Das habe ich getan, mit voller Überzeugung. Aber es gibt auch ein paar andere Sachen, die ich auch gerne gemacht hätte. Unsere Tochter studiert Kunstwissenschaft in Spanien, in Madrid. Das ist eine tolle Sache. Durch die Ausbildung an der Europäischen Schule spricht sie viele Sprachen und kommt gut in Spanien zurecht, was uns als Eltern sehr freut.

KA.mpus: Kommen wir zu Ihrer Tätigkeit als Lehrerin. Ich nehme an, dass ihre Schüler zum Großteil weiblich sind. Unterrichten Sie auch Männer?

Aina Reijerink-Lagunilla: Die Anzahl unserer Schüler bewegt sich um die dreihundert, wovon circa fünf Prozent männlich sind. Wir haben auch ein paar kleine Jungs, die vier oder fünf Jahre alt sind.

KA.mpus: Wie kommen kleine Jungs dazu, Ballett machen zu wollen?

Aina Reijerink-Lagunilla: Dadurch, dass die Eltern schon etwas mit der Ballettwelt zu tun hatten und keine Vorurteile in diese Richtung haben. Leute, die nie etwas mit Ballett zu tun gehabt haben, denken oft, das sei absolut nur etwas für Mädchen und die Jungs würden verweiblichen. Dabei ist es eine sehr, sehr sportliche Sache. Wenn man beispielsweise sieht, wie akrobatisch, stark und sportlich die Tänzer in der Ballettkompanie hier in Karlsruhe sind, die mit diesem Klischee nichts zu tun haben, da müsste man eigentlich alle Leute mit Vorurteilen hin schicken und sagen: „Überlegt noch mal, ob die Jungs nicht mitmachen dürfen.“

KA.mpus: Wissen Sie, aus welcher Motivation heraus Ihre Schüler Ballett machen?

Aina Reijerink-Lagunilla: Ich denke, das ist unterschiedlich. Ich denke, sie sind auch angetan von dieser schönen Form, die man mit seinem Körper erarbeiten und genießen kann. Schöne Bewegung, schöne Musik, dieses Künstlerische, Schöne. Und vielleicht auch, weil es gut für den Körper ist, wenn man ihn auf diese Weise trainiert. Ich denke, dass das die häufigste Motivation ist. Die wenigsten möchten das beruflich machen, obwohl es ein Traumberuf für viele ist. Die Erwachsenen haben das entweder als Kind gemacht oder haben es schon im Fitness-Studio versucht und festgestellt, dass es nicht so schön ist, nur an einem Gerät vor sich hin zu trainieren. Die kommen dann über irgendwelche Wege zu uns und fühlen sich hier anscheinend wohl.

KA.mpus: Würden Sie sagen, dass es irgendwelcher Voraussetzungen bedarf, um Ballett zu machen?

Aina Reijerink-Lagunilla: Um es als Hobby zu machen, braucht es keine Voraussetzungen, nein. Ich bin davon überzeugt, dass es für alle Leute, egal ob Jungs oder Mädchen, gut und schön und wertvoll ist. Man kann vieles lernen. Es ist perfekt für wirklich jeden, um sich selbst vital zu halten und man braucht wirklich keine Hemmungen zu haben – man muss nicht schlank sein, man muss die Beine nicht schon sehr weit heben können, absolut nicht.

KA.mpus: Also würden Sie Ballett allen raten, die es versuchen wollen?

Aina Reijerink-Lagunilla: Ja, absolut. Ich halte es für sinnvoll und wertvoll, weil man seinen Körper gut trainieren kann und musikalisches Gefühl entwickelt. Außerdem tut man damit viel für sein Gehirn, weil es, gerade bei kleinen Kindern, viele Verknüpfungen fördert. Unsere jüngsten Schüler sind drei Jahre alt, was ein geniales Alter ist, um mit Ballett anzufangen, weil sie noch so aufnahmebereit sind und so viel Spaß daran haben. Nicht nur für den Körper, sondern auch für die Koordination ist Tanzen gut. Die Kinder, die früh anfangen zu tanzen, haben einen großen Vorteil beim Lernen allgemein.

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KA.mpus: Sie sagten vorhin, dass Ballett anstrengender sei, als die meisten glauben. Welche Reaktionen auf Ballett haben Sie selbst schon erlebt?

Aina Reijerink-Lagunilla: Wahrscheinlich haben die Leute diese Idee, weil es auf der Bühne so leicht aussieht. Aber natürlich muss man diese Leichtigkeit hart erarbeiten. Die Körperkontrolle und die Muskelkraft zu erarbeiten, ist ein enormer, täglicher Aufwand. Im Studium und der Tanzausbildung tanzt man täglich fünf oder sechs Stunden und im Beruf später trainiert man anderthalb Stunden täglich und geht anschließend zur sechs- oder siebenstündigen Probe mit der Kompanie. Damit es leicht aussehen kann, benötigt man diese enorme Kontrolle und Kraft. Selten habe ich Leute erlebt, die behaupten, Ballett sei nur albernes Rumgehüpfe. Allerdings kam es schon vor, dass Leute so unwissend sind, dass sie fragen, was man denn nebenberuflich macht.

KA.mpus: In Karlsruhe und Umgebung gibt es relativ viele Ballettschulen und auch Aufführungen. Ist Ballett hier eine geheime Subkultur?

Aina Reijerink-Lagunilla: Das weiß ich nicht. Das können vielleicht Sie unter den jungen Menschen am besten beobachten. Ich bewege mich natürlich in den gesellschaftlichen Kreisen, in denen ich mich immer bewegt habe, im Theater. Das heißt, die Leute, mit denen ich zu tun habe, die kennen sich sehr gut aus mit Ballett. Die Leute in der Stadt kennen uns immer noch von damals, als wir im Theater getanzt haben, obwohl das jetzt schon zwanzig Jahre her ist. Wir unterrichten schon die Kinder von den Kindern, die wir seinerzeit unterrichtet haben. Zum Teil sind das schon generationsübergreifende Angelegenheiten.

KA.mpus: Ihre Schule hat schon zusammen mit dem Russischen Nationalballett Dornröschen getanzt. Wer ist bei solchen Auftritten aufgeregter, Sie als Lehrerin oder Ihre Schüler?

Aina Reijerink-Lagunilla: Ich habe gar keine Zeit, aufgeregt zu sein. Es soll alles funktionieren, wie wir es einstudiert haben. Zum Aufgeregtsein habe ich echt keine Zeit, wirklich nicht. (lacht)

KA.mpus: Wenn bei Auftritten etwas schief geht, ist es dann schlimm?

Aina Reijerink-Lagunilla: Nein, nein. Für die Kinder vielleicht, ja. Für die ist es unter Umständen tragisch. Ich schimpfe hinterher nicht. Sie geben ja alle ihr Bestes, davon gehe ich aus und davon bin ich überzeugt. Mehr kann man nicht verlangen, das ist in Ordnung.

KA.mpus: Ich bedanke mich, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben und wünsche Ihnen noch viel Freude mit dem Ballett und ihren Schülern.

Ballettschule Lagunilla & Reijerink
Kaiserstrasse 241
76133 Karlsruhe
Tel. 0721/24 24 4 und 84 45 48
E-Mail: lagunilla-reijerink@t-online.de
Julia Braun

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