Moleskine – das „kleine Schwarze“ das man haben muss

Wie durch eine gute Geschichte und ein noch besseres Marketing aus einer gemeinen kleinen schwarzen Kladde das legendäre Notizbuch Moleskine wurde.


Bei Moleskine handelt es sich um ein Notizbuch. Es ist in DIN A5 und DIN A6, liniert, kariert und blanko erhältlich. Der Schutzumschlag besteht aus schwarzer Synthetik und besitzt ein Gummiband, mit dem das Buch geschlossen gehalten wird. Soweit die Fakten. Jedoch scheiden sich ab hier die Gemüter. Während die einen es als überteuertes Notizbuch betrachten, ist es für andere das legendäre Moleskine, das bereits von Hemingway, Picasso, Oscar Wilde und Sartre verwendet wurde.

Moleskin (englisch für „Maulwurfsfell“) ist ein robuster Baumwollstoff, der aufgrund seiner Beschaffenheit nach dem Pelz dieses Tieres benannt wurde. Er ist auch unter dem Begriff “Englischleder” bekannt.

Bruce Chatwin berichtet in seinem Reisebuch „Traumpfade“, dass er bei jedem Aufenthalt in Paris dieses Notizbuch auf Vorrat erstanden hat. In einer Papeterie in der Rue de l`Ancienne Comédie; sie nannten es „Carnet moleskine“ nach dem Material aus dem der Umschlag ursprünglich bestanden haben soll. Doch seit 1986 war kein Exemplar mehr zu erhalten, da der einzige Hersteller verstorben war und das kleine Familienunternehmen in Tours die Produktion eingestellt hatte.

Diese Geschichte las Maria Sebregondi, die für Modo & Modo, ein Mailänder Unternehmen, das auf der Suche nach einer Produktidee für Design- und Geschenkläden war, arbeitete. Bei ihrer Recherche fand sie heraus, dass weder der Schreibwarenladen in Paris, noch das Familienunternehmen in Tours je existiert haben. Sie fand auch keine weiteren Spuren, die auf ein Notizbuch dieses Namens hindeutete. Sebregondi kam aber dennoch nicht mit leeren Händen nach Italien zurück. Sie erinnerte sich daran, dass die Schriftsteller tatsächlich mit schwarzen Notizbüchern gearbeitet haben und erstand in einem Antiquariat eines, das die größte Ähnlichkeit mit dem von Chatwins beschriebenen hatte. Nach diesem Exemplar ließ sie einige tausend Moleskines produzieren und das legendäre Notizbuch war geboren.

Bis heute verwendet das Unternehmen die historisch nicht belegte Geschichte von Chatwin und präsentiert sich als Retter des vom Markt verschwundenen Notizbuches. Auch die Betonung, viele Intellektuelle und Künstler hätten darin ihre Ideen festgehalten, gehört zur Verkaufsstrategie von Modo & Modo. Der Käufer erhält demnach nicht nur ein Buch mit leeren Seiten, ihm wird suggeriert, er selbst könne auch seine kreativen Gedanken festhalten, wenn er nur ein Moleskine besäße.

Das besondere an der Strategie des Unternehmens ist jedoch die Zusammenarbeit mit dem Kunden. Als der von Armand Frasco gegründete Blog www.moleskinerie.com zu groß wurde und von ihm nicht weiter betrieben werden konnte, kaufte ihn Kikkerland Design, der US-Vertrieb von Moleskine auf, um die Fan-Plattform zu erhalten. Auf der eigenen Seite kooperiert es ebenfalls mit den Moleskine-Nutzern, indem es sie zu verschiedenen Projekten aufruft, wie beispielsweise zu „myDetour“. Die Idee dahinter ist, dass der Kunde zunächst den „Moleskine City Guide“ käuflich erwirbt, eine Kladde, die neben den üblichen leeren Seiten einen Stadtplan mit U-Bahn-Netz für einige Großstädte beinhaltet. Der Nutzer soll dann den „Platz für eigene Eintragungen“ durch seine Eindrücke und Erfahrungen ergänzen. Die einzelnen Beiträge werden auf den Moleskine-City-Blogs zu interaktiven Stadtführern vereinigt. Modo & Modo macht sich durch derlei Projekte den Kunden zum Verbündeten.

Diese Rechnung geht auf. Als die Marke in Verruf gerät, da bekannt wird, dass die Notizbücher keinesfalls in italienischen Werkstätten handgefertigt werden, sondern aus der Produktion japanischen Fabriken stammen, überlässt das Unternehmen die Verteidigung des Produkts den Kunden. Durch deren Einsatz verebbt die Diskussion über die ethischen Bedenken der Produktionsbedingungen und den damit einhergehenden zu hoch betrachteten Preis ziemlich schnell, ohne dass das Unternehmen etwas dazu beiträgt.

Modo & Modo ist mit dem Moleskine-Notizbuch ein Geniestreich des Marketings gelungen. In Anlehnung an die erfundene Erzählung eines Schriftstellers, lassen sie ihre kreativen Kunden dem Produkt Leben einhauchen und machen damit selbst Geschichte.

Snezana Pasic

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