Kyudo – Die Kunst des japanischen Bogenschießens

(c) privatDie meisten Leute haben eine ungefähre Vorstellung von Judo, Taekwondo oder Kung fu. Doch neben diesen bekannteren Kampfkünsten gibt es auch noch solche, die nicht auf Selbstverteidigung im klassischen Sinn ausgelegt sind. In Deutschland gewinnt beispielsweise Kendo, die Kunst des japanischen Schwertkampfes, immer mehr an Bekanntheit. Auch das KIT bietet Fortgeschrittenenkurse im Kendo für Studenten an. Kyudo, die Kunst des japanischen Bogenschießens ist hingegen noch relativ unbekannt, was die Zahl von circa 1000 Mitgliedern deutschlandweit im Deutschen Kyudo-Bund – zum Vergleich: der Deutsche Judo-Bund hat circa 200 000 Mitglieder – unterstreicht. Ich habe die Abteilung Kyudo im Budo-Club Karlsruhe besucht und einen kleinen Ausflug in die Welt des Japanischen Bogenschießens unternommen.

Zu Besuch im Budo-Club Karlsruhe

Es ist fast still. Nur hier und da ein paar wenige geflüsterte Worte. Ab und zu klingt ein kurzes Surren durch die Halle, gefolgt von dem dumpfen Geräusch des Einschlags. Zwei Sekunden wird noch im Zanshin verharrt, dann eine knappe Verbeugung, Abgang. Es ertönt ein kurzes Händeklatschen, auf das alle mit einem lauten Ausruf antworten. Jetzt fliegen keine Pfeile mehr, denn Freiwillige gehen zu den Zielscheiben und ziehen die abgeschossenen Projektile heraus. Dann geht es wieder von vorne los.

Ich bin heute zu Besuch im Dojo Alte Reithalle in der Weststadt von Karlsruhe, dem Zuhause des Budo-Clubs Karlsruhe. Vier mal in der Woche wird hier Kyudo, das traditionelle japanische Bogenschießen trainiert. Ich schaue mich um, beobachte, frage nach. Man beantwortet mir bereitwillig, freundlich und lächelnd alle Fragen, die ich stelle und gibt mir auch sonst das Gefühl, ein willkommener Gast zu sein. Unter anderem unterhalte ich mich mit Michael Brettschneider, einem der Übungsleiter für Kyudo im Budo-Club Karlsruhe.

Dojo = Übungshalle für Kampfkünste.
Kyudo = “Der Weg des Bogens”
Budo = Oberbegriff für alle japanischen Kampfkünste.

Der erste Eindruck

Nach der Begrüßung der Übungsleiter beginnt das Training mit einem rituellen Schießen, bei dem jedes Mitglied der kleinen Gruppe von Schützen zuerst einen Schuss aus dem Stand, dann einen weiteren kniend abgibt und das zeitlich um wenige Sekunden versetzt, sodass die Bewegung des ersten mehrere Male nachzuhallen scheint. Ein eindrucksvolles, genau einstudiertes Schauspiel – typisch für eine japanische Zeremonie.
Mein erster Eindruck ist, dass es keinen ’typischen’ Bogenschützen zu geben scheint. Hier sind alle Altersklassen und Typen von Menschen vertreten: von 18 bis 60, Schüler, Studenten, Lehrer, Bankangestellte. Keinem der 15 Schützen, von denen ungefähr die Hälfte weiblich ist, würde man ansehen, dass er oder sie diese ungewöhnliche, zen-buddhistisch angehauchte, japanische Kampfkunst betreibt.

Kyudo in Karlsruhe

Kyudo im Dojo Alte Reithalle in Karlsruhe

Zu Anfang beobachte ich die Schützen von der Sitzbank an der rechten Seite der Halle aus. Ich werde nicht müde, immer wieder von neuem aufmerksam jeder Bewegung konzentriert mit den Augen zu folgen, nach neuen Details zu suchen und zu versuchen, die nachfolgende Bewegung vorherzusagen.
Nach einigen Minuten mische ich mich unter die Bogenschützen, die in respektvollem Abstand ein wenig abseits der Tatamimatten auf ihren nächsten Schuss warten. Unter den ganzen in Hakama und Gi gewandeten Figuren fühle ich mich wie eine auffällige Außenseiterin mit meiner normalen Straßenkleidung.

Tatamimatten = Strohmatten, mit denen der Boden im Dojo ausgelegt ist, wenn dort geübt wird.
Man betritt sie meist barfuss.
Hakama = Hosenrock mit weitgeschnittenen Beinen.
Gi = Kurzform von Keikogi, japanischer Trainingsanzug.

Die Entfernung vom Schießstand zur Zielscheibe sieht aus der Perspektive des Bogenschützen, dem ich fast wortwörtlich über die Schulter schauen darf, viel weiter aus, als aus dem Zuschauerraum. Plötzlich scheint es mir nahezu unmöglich, die schwarz-weiße Zielscheibe ohne jede Zielhilfe zu treffen. Michael Brettschneider erklärt, dass vier Pfeile von meistens zwei oder mehr sich abwechselnden Personen von einem Schießstand aus geschossen werden.

Pfeile und Mato

Geschossen wird auf die 28 m entfernte Zielscheibe, das so genannten Mato, das einen Durchmesser von 36 cm hat. Bedenkt man, dass der 2,20 m lange japanische Langbogen keinerlei Schuss- oder Zielhilfen wie Pfeilauflage oder Visier bietet, scheint die Aufgabe, einen Pfeil auf die plötzlich furchtbar weit entfernte, kleine Zielscheibe zu schießen, wenn überhaupt, dann nur mit viel Glück zu schaffen. Doch die allermeisten Pfeile treffen sehr nahe neben dem Mato in den Sand oder treffen das Mato direkt. Dass dieses Kunststück gelingt, wird umso erstaunlicher, wenn man weiß, wie ausgefeilt und schwierig der detailgenau festgelegte Weg bis zum Abschuss eines Pfeils ist.

Es kommt auf die Technik an

Vom rechten Rand der Halle aus kann man als Zuschauer sowohl die Bogenschützen beobachten, die alle auf einer imaginären Linie stehen und konzentriert auf ihr Mato zielen, das sich am anderen Ende der Alten Reithalle befindet, wie auch aus unmittelbarer Nähe die Bogenschützen beobachten, die auf die so genannte Makiwara schießen.

Makiwara

Die Makiwara ist ein fest zusammen geschnürter Ballen aus Stroh, der auf einem Holzbock auf Augenhöhe kaum zwei Meter entfernt vom Schützen steht und der zur Verfeinerung der Schusstechnik benutzt wird. „Man ist nicht vom Ziel abgelenkt, sondern kann sich ganz aufs Schießen konzentrieren“, erklärt mir ein Trainer. Jeder Schüler, egal welches Alter er hat, muss erst lange Zeit auf die Makiwara schießen, bis seine Technik gut genug ist, um auf das Mato schießen zu dürfen.
Im Laufe eines Trainings fliegt schon mal ein Pfeil quer durch die Halle, weil er nicht richtig abgeschossen wurde. Macht man sich bewusst, dass es hier um gefährliche Schusswaffen geht, leuchtet die Wartezeit auf das technisch sichere, „richtige“ Schießen ein. Im Budo-Club Karlsruhe wird Kyudo in der Regel erst ab einem Alter von 18 Jahren ausgeübt.

Es bedarf keines Waffenscheins, um Kyudo auszuüben.

Der lange Weg des Bogens

Die Technik des Japanischen Bogenschießens ist komplizierter, als sie dem ahnungslosen Zuschauer von außen scheinen mag. Schon das Schießen mit einem Compoundbogen, wie ihn Sportschützen benutzen, mit komfortabler Pfeilauflage und sehr hilfreichem Visier bietet dem Laien eine Herausforderung an Körperbeherrschung und Konzentration. Und hier muss man „nur“ den Bogen spannen, halten, zielen und die Sehne lösen.
Beim traditionellen japanischen Langbogen wird im unteren Drittel, und nicht in der Mitte wie beim Sportbogen, geschossen und zwar ohne Pfeilauflage. Der Pfeil liegt direkt auf dem Sattelgelenk des Daumen der linken Hand auf und befindet sich somit rechts vom Bogen. Der Pfeil hat am Feder-Ende eine Kerbe, in welche die an dieser Stelle mit Hanffasern umwickelte Sehne geklemmt wird. Vom Lösen der Sehne an bleiben drei Hundertstel Sekunden, bis der Pfeil die Sehne verlässt. In dem Moment, in dem der Pfeil die Sehne verlässt, dreht sich der Bogen durch die Kraft der zurückschnellenden Sehne gegen den Uhrzeigersinn um die eigene Längsachse und schlägt im Idealfall gegen die linke Seite des linken Arms des Schützen. Erst mit dieser heftigen Drehung des Bogens um sich selbst ist der „Weg des Bogens“ perfekt vollendet.

Die acht Stufen

Hassetsu – so heißt der Weg bis zum Lösen des Pfeils, der acht Stufen umfasst. Für jede dieser acht Stufen, die acht Positionen entsprechen, ist ein Zeitfenster von ungefähr zwei Sekunden vorgesehen.
Da wären erstens Ashibumi, den Stand, zweitens Dozukuri, die Balance, drittens Yugamae, das Vorbereitet-Sein, viertens Uchiokoshi, das Heben des Bogens, fünftens Hikiwake, das Spannen des Bogens, sechstens Kai, die letzte Konzentration vor dem Abschuss, siebtens Hanare, das Lösen des Schusses und achtens Zanshin, die zurückbleibende Form von Körper und Geist.
Diese Prozedur, beinahe eine Zeremonie, ist recht zeitintensiv. Doch man sieht auch beim zehnten Mal noch fasziniert dem in sich selbst versunkenen Schützen zu und achtet gebannt auf jedes Detail, das sich dem Laienauge offenbart.

Obwohl im Budo-Club im Anfängerkurs des Kyudo auch Hintergrundwissen gelehrt und mir von einem der Mitglieder das Buch Zen und die Kunst des Bogenschießens ans Herz gelegt wird, betone man hier in Karlsruhe eher den sportlichen Aspekt des Kyudo, wie mir Michael Brettschneider eröffnet. Daran ist nichts auszusetzen. Die Karlsruher können zudem einige Wettkampf-Erfolge vorweisen.

Der Ursprung des Kyudo

Kyudo hat in seiner ursprünglichen Form viel mit Selbstdisziplin und Selbstfindung zu tun. Sowohl die physische als auch die psychische Seite spielen eine Rolle. Eugen Herrigel legt das Augenmerk in seinem Buch Zen und die Kunst des Bogenschießens, erschienen 2003 bei Barth O.W., zwar auf den geistigen Aspekt, lässt aber auch die notwendige technische Seite nicht außer Acht.

Der allmähliche Wandel der Kriegskunst des Bogenschießens zur meditativen Übung begann in Japan Anfang des 13. Jahrhunderts durch den Zen-Mönch Eisai, der den Zen-Buddhismus nach Japan brachte. Die zen-buddhistische Vorstellung, dass Leben und Tod, Sieg und Niederlage eine untrennbare Einheit bilden, ermöglichte es den Samurai, ihre Aufmerksamkeit weg von der Angst ganz auf den Akt des Kampfes zu lenken.
Als 1543 die Luntenschloss-Muskete von den Portugiesen in Japan eingeführt wurde und den Bogen als Waffe verdrängte, rückte der geistige Aspekt des Bogenschießens noch mehr in den Vordergrund.

Der Begriff Kyudo (kyu = der Bogen, do = der Weg) wurde erstmals 1660 von dem Meister Morikawa Kosan geprägt.

Seit der Öffnung Japans für den Westen im Jahr 1868 hat das traditionelle Bogenschießen einen Wandel erlebt. Bis 1868 beispielsweise hatten der Adel und die Samurai das Kyudo für sich, während die amerikanische Besatzungsmacht das Bogenschießen 1945 zusammen mit anderen Budo-Disziplinen wie Judo und Karate verboten hatte, was das Interesse nur noch anfachte.

Kyudo heute

Neben den All-Japanischen Meisterschaften gibt es heute auch eine Vielzahl kleinerer Wettkämpfe im Kyudo in Japan. Die ungebrochene Popularität des Kyudo mag sich deutlich auch an der Tatsache zeigen, dass größere Firmen eigene Kyudo-Hallen besitzen, in denen die Angestellten nach Feierabend üben.
In der japanischen Zeichentrickserien Earth Girl Arjuna, Japan 2001, praktiziert die Hauptfigur Juna, eine Schülerin der Oberstufe, Kyudo und ihr Alter Ego Arjuna, die Inkarnation der Zeit, bekämpft Monster mit einem magischen Bogen, wodurch das Schulmädchen Juna an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit gewinnt. Das schüchterne Schulmädchen macht seit Jahren Kyudo, ist darin aber sehr schlecht und macht keine Fortschritte. Ihr Alter Ego hilft ihr unter anderem auch beim Bogenschießen. Im Laufe der Serie wird Juna im Kyudo besser, findet zu sich selbst und macht eine positive Verwandlung durch.

Auch im echten Leben – und nicht nur im Fernsehen – kann Kyudo das geistige Befinden positiv beeinflussen, wie mir mehrere Mitglieder des Budo-Clubs versichern.

Mein Fazit

Nach gut zwei Stunden im Kyudo-Training mit interessanten Gesprächen und fast einhundert geschossenen Fotos komme ich zu dem Schluss, dass das japanische Bogenschießen mit seiner alten Tradition auch noch im 21. Jahrhundert aktuell ist und begeisterte Anhänger auf der ganzen Welt findet. Ich selbst war erstaunt über die Vielschichtigkeit dieses Sports und die Begeisterung, die die Mitglieder des Budo-Clubs Karlsruhe für das Kyudo hegen.
Ich bedanke mich herzlich für einen spannenden Ausflug in die Welt des japanischen Bogenschießens.

Zum Weiterlesen:

Budo-Club Karlsruhe

Deutscher Kyudobund e.V.

Hans Joachim Stein: Die Kunst des Bogenschießens Kyudo. Einführung in die Grundlagen und Anleitung zur praktischen Ausübung der Zen-Kunst des Bogenschießens, Bern 1985.

Julia Braun

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