all you can read – der Bücherschrank auf dem Werderplatz

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Wer ‚Werderplatz’ hört, denkt an Cafés, Nahkauf, Südstadt, Sommerabende und seit Dezember letzten Jahres vielleicht auch an den roten Bücherschrank. Mitten auf dem Platz steht er und vor ihm mal junge, mal ältere, mal viele, mal nicht so viele lesefreudige Karlsruher. Woher er kommt, welche Idee dahinter steckt und warum er anders ist als all die anderen öffentlichen Bücherschränke – darüber sprach die Initiantin Cornelia Holsten mit KA.mpus.

KA.mpus: Hallo Frau Holsten. Sie sind es, die den Karlsruher öffentlichen Bücherschrank ins Leben gerufen hat. Den Meisten wird dieser allerdings kein Begriff sein, darum zunächst die Frage: Was versteht man denn unter einem ‚öffentlichen Bücherschrank’?

Cornelia Holsten: Eigentlich ist es ein Gebrauchsgegenstand. Ja, eine Freiluftbibliothek auf kleinstem Raum. Ich will nicht sagen ‚Stadtmöblierung’, das hat so einen blöden Touch, und es ist auch keine Kunst.

KA.mpus: Abgesehen vom Standort an der freien Luft, welche Unterschiede oder Vorteile weist der öffentliche Bücherschrank im Gegensatz zu herkömmlichen Bibliotheken auf?

Cornelia Holsten: Der Bücherschrank ist immer geöffnet. Man kann die entnommenen Bücher behalten, es gibt somit keine Leihfristen. Genauso wenig gibt es Leihgebühren. Neue Bücher können eingestellt oder dieselben zurückgebracht werden. Es ist ein völlig flexibles und offenes System. Nicht zu vergessen, dass die Anonymität gewahrt bleibt.

KA.mpus: Halten Sie ein solches Bücherregal gerade aufgrund dieser Punkte für notwendig? Steckt dahinter eine bestimmte Sicht von Kultur, dass diese eben im Alltag und ‚unter den Menschen’ sein muss und nicht institutionell, wie eine Bibliothek?

Cornelia Holsten: Notwendig insofern ja, als dass es sich um ein niederschwelliges Angebot handelt. Das ist mir sehr wichtig. Niederschwellig bedeutet ‚ohne Schwellenangst‘. Leute die sonst keinen Zugang zum Lesen haben, haben hier die Möglichkeit, völlig anonym und unbefangen, ein Buch zu nehmen. Auch nachts mit Taschenlampen, wenn sie wollen. Das war mir wichtig, weil ich genau hier vor allem Menschen mit Migrationshintergrund ansprechen wollte. In erster Linie habe ich an die gedacht, die mit Büchern nicht vertraut sind. Dass es jetzt auch ein Geschenk an alle ist, ist ein super Nebeneffekt. Ich denke aber nicht, dass der Bücherschrank eine Bibliothek ersetzen kann. Bibliotheken halte ich immer für wichtig, aber es ist eben doch so, dass die benachteiligten Gruppen dort wahrscheinlich schwerer erreicht werden.

KA.mpus: Der öffentliche Bücherschrank in Karlsruhe ist nun keine Neuheit, auch in anderen Städten gibt es eine solche Freiluftbibliothek schon. Woher bekamen Sie den Impuls?

Cornelia Holsten: Ich habe im Mai letzten Jahres einen Bücherschrank in der Fußgängerzone in Essen gesehen. Ich bin zweimal vorbeigegangen und beide Male wurde er benutzt. Es kamen Leute mit Plastiktaschen und haben entnommen und eingestellt – das war sehr schön zu sehen. Essen ist ja eine relativ unattraktive Stadt. Da ist es nicht so kuschelig wie hier. Trotzdem wurde er gut angenommen. Und da habe ich sofort gewusst, das mache ich!

KA.mpus: Die ersten Schritte nach dieser Idee – welche waren das?

Cornelia Holsten: Ich habe zunächst im Internet recherchiert und bin auf den ehemaligen Architekten Hans-Jürgen Greve gestoßen. Er hat schon sehr viel Erfahrung damit. Er baut mittlerweile nur noch Bücherschränke. Ich wollte eine Lösung haben – zumindest für den ersten – ohne Folgekosten, wie andauernde Reparaturen. Wir haben gemeinsam anhand von anderen Bücherschränken eine original „Karlsruher Edition“ entworfen. Normalerweise sind seine Schränke aus Corten-Stahl, das ist eine gewollt rostige Oberfläche. Ich wollte aber nicht, dass die Leute denken, dass es schäbig aussieht. Der Bücherschrank hier ist also der erste in Farbe. Außerdem ist der Schrank im Gegensatz zu anderen von drei Seiten zugänglich. Greve arbeitet normalerweise mit einem Sockel aus Stein. Auch das wollte ich nicht. Eine zweite Überlegung bezieht sich auf Vandalismus. Wenn beispielsweise jemand sprayt, lässt sich das weder von diesem Stahl, noch aus dem porösen Stein entfernen.

KA.mpus: An wen haben Sie sich gewandt, nachdem der Schrank entworfen war?

Cornelia Holsten, (c)privat

Cornelia Holsten: Ich habe das sehr unkonventionell gemacht. Eigentlich genau so, wie ich gelernt habe, dass man es nicht macht. Aber ich fand das genau richtig und mache es momentan wieder so. Ich habe also zuerst den Schrank bestellt und bin dann auf die Bürgergesellschaft Südstadt zugegangen, weil ich den Schrank hier haben wollte. Ich denke es ist ganz wichtig, dass man von unten, wo die Nutzer sind, beginnt und die fragt, ob sie das wollen. Ich habe das Projekt unter anderem bei der Vorstandssitzung vorgestellt. Für sie war das natürlich auch ein Sprung ins kalte Wasser, aber sie waren sehr offen. In jeder Runde haben sich spontan Paten gemeldet. Die Auflage an den Bürgerverein war: Der Schrank ist ein Geschenk, aber ihr müsst zwei Dinge tun. Das eine ist, die Genehmigung bei der Stadt einzuholen. Das andere die Rekrutierung von Paten. So habe ich das vollkommen dem Bürgerverein überlassen und innerhalb von zwei Wochen war die Genehmigung da. Diese lag aber erst am Tag der Eröffnung Im Briefkasten. Die Eröffnung stand schon sehr früh fest.

KA.mpus: Und was hätten sie gemacht, wenn die Genehmigung nicht dagewesen wäre?

Cornelia Holsten: Wir hätten den Bücherschrank trotzdem eröffnet. Er stand sogar schon am Abend zuvor. Aber wir waren uns eigentlich ganz sicher, weil der Bürgerverein guten Kontakt zur Stadt hat und weil keine Bedenken von deren Seite kamen.

KA.mpus: Sie haben des öfteren ‚Paten‘ erwähnt. Welche Aufgaben erfüllen solche Paten?

Cornelia Holsten: Man schaut, dass der Schrank in Schuss gehalten wird. Am wichtigsten ist, darauf zu achten, dass die Bücher nicht kreuz und quer herumliegen. Auch dass keine extremistische Literatur eingestellt wird. Wenn der Schrank beschädigt wird, muss es gemeldet werden.

KA.mpus: Gab es denn bisher solche Fälle von Vandalismus?

Cornelia Holsten: Nein, das ist hier gar kein Problem. Ich hatte den Eindruck, dass das hier eine bodenständige Bevölkerung ist, die an ihrem Stadtteil sehr hängt. Der Bürgerverein ist aktiv, die sozialen Belange kommen zur Sprache und die ausländischen Einwohner sind sehr eingebunden. Außerdem ist die Südstadt nah am Zentrum. Vandalismus entsteht ja meistens aus Frust, den scheint es hier aber vielleicht durch die gerade genannten Punkte nicht zu geben. Auch die gemeinschaftliche Atmosphäre hier auf dem Werderplatz spielt natürlich eine Rolle.

KA.mpus: Bekommen Sie mit, wie die Resonanz allgemein ist? Kommen Sie ab und zu vorbei und beobachten ein bisschen?

Cornelia Holsten: Ich komme ab und zu hier vorbei und bringe Bücher mit. Eigentlich sind immer Leute da. Klar, wenn ich jetzt alleine hier im Café sitzen würde, würde ich mir auch ein Buch nehmen. Im Sommer wird das noch vermehrt so sein. Ich denke, dass die Leute dadurch auch ins Gespräch kommen. Der Radius der Interessenten ist allerdings meistens nicht riesig, dazu gab es schon eine Studie. Es wird selten sein, dass jemand aus einem anderen Stadtteil herkommt.

KA.mpus: Sind sie also zufrieden damit, wie dieser erste Bücherschrank funktioniert?

Cornelia Holsten: Ja, total! Das hat mich jetzt auch angespornt mit der Planung des Zweiten schon anzufangen. Ich hätte nicht gedacht, dass er so gut angenommen wird.

KA.mpus: Wie weit sind die Planungen für diesen zweiten Bücherschrank oder vielleicht sogar für weitere?

Cornelia Holsten: Wie gesagt, er ist in Arbeit – mit genau der gleichen Methode. Die glückliche Situation, dass man einen Kulturverein, wie das KOHI, als Pate direkt gegenüber hat, ist aber leider nicht überall gegeben. Ich möchte nichts weiter dazu sagen, weil es noch nicht ganz spruchreif ist. Bedarf gibt es aber auf jeden Fall noch. Es muss sich nur erst noch ein bisschen herumsprechen, denke ich, sodass andere auf den Zug aufspringen.

KA.mpus: Dann hoffen wir, mit diesem Interview einen Beitrag dazu zu leisten und wünschen Ihnen bei den weiteren Planungen alles Gute. Vielen Dank für Ihre Auskünfte und das nette Gespräch.

Claudia Weidenmüller

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