Von Chicken Wings und Hotpants

Es ist früher Freitagabend, und zu einem alkoholbedingten leichten Rauschzustand gesellt sich ein aufkommendes Hungergefühl. Ein Hungergefühl, das laut nach Attributen wie „ungesund!“, „fettig!“ und „Fingerfood!“ schreit, und von alledem vor allem „viel!“. Die kollektive Beratung ist kurz, die richtige Adresse schnell gefunden – auf ins HOOTERS!

Beim Betreten werden die (alkoholgeschwängerten) Erwartungen einmal mehr nicht enttäuscht. Binnen weniger Sekunden stellt sich das ein, was man das „Hooters-Hochgefühl“ nennen könnte und was einem sofort ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Alle Klischees, all das „Pseudo-Amerikanische“, alles mit dem ersten Schritt durch die Tür sofort erfüllt.

Schnell einen Tisch angesteuert, begrüsst uns auch schon unser persönliches „Hooters-Girl“ in seinem lächerlichen Kostüm, werden die Herzchen auf die Serviette gemalt. Einfach wunderbar. Während der (für diese Form von selbsternannter „Nahrung“ einmal mehr auffallend langen) Wartezeit auf die Wings darf natürlich auch die legendäre Tanzeinlage der Girls nicht fehlen. Immer wieder ein grandioses Schauspiel. Wohl weniger die ästhetisch wertvollen Bewegungen der Damen selbst, als viel mehr die Reaktionen der Kundschaft. Die ausrastenden Spätpubertierenden, oder die vorwiegend skeptischen bis teilweise verachtenden Blicke weiblicher Kundschaft. Oder die entgleisenden Blicke mancher älterer Kunden, die so aussehen, als hätten sie unter dem Tisch bereits die Videokamera gezückt. Immer wieder ein Traum.

Ah, die Chicken Wings kommen! Für kurze Zeit verlagert sich der Blick von der Peripherie auf den eigenen Tisch, wo sich die Wings in 50er-Bergen auftürmen. Das Hähnchenmassaker, an Dekadenz und Sauereifaktor schwer zu übertreffen, nimmt seinen Lauf. Fett- und marinadeverschmiert bis in die letzten Gesichtszüge und Fingerspitzen und in vollem Bewusstsein sich mit etwas vollgestopft zu haben, das wohl nur entfernt etwas mit Essen zu tun hat, kommt mir wie jedes Mal der Gedanke: „ja, nicht alles Amerikanische ist schlecht“.

Zur Vollendung des Glücksgefühls fehlt jetzt nur noch die Rückkehr in den Beobachtungsmodus, während man seine Gürtelschnalle lockert. Passenderweise hat sich nebenan eine verpickelte Großgruppe angesiedelt, offensichtlich ein Geburtstagskind unter ihnen. Perfekt! Die Luftballons werden gehisst, und johlend, prollig, und in vielerlei weiterer Hinsicht sich danebenbenehmend genießen das Geburtstagskind und sein Gefolge die verdrehten Geburtstagsspecials der Girls aus Sing-, Tanz- und Akrobatikeinlagen. Ah, und schon werden auch am anderen Ende des Ladens bereits wieder die Kameras gezückt. Kopfschüttelnd fühle ich mich grade wieder rechtzeitig bewegungsfähig, um den Ort der Sünde und gezielten Selbsterniedrigung zu verlassen, bevor es für heute wieder einmal zu viel werden würde. Aber ich bin glücklich.

Ja, ich gehe gerne ins Hooters! Um zu beobachten, zu lachen, mich zu versauen und zu fressen wie ein Tier, mich einfach mal sehr amerikanisch zu fühlen. I love it.

Johannes Hielscher

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Eine Reaktion zu “Von Chicken Wings und Hotpants”

  1. GAAHL

    haha, typisch Jones!

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