Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gegen das Vergessen

Massenmord im Zeichen des nationalsozialistischen Ideologiewahnsinns – zweifellos der dunkelste Abschnitt der deutschen Geschichte. Die Erinnerung daran und die Aufarbeitung dieser unmenschlichen Verbrechen ist notwendigerweise bis heute fester Bestandteil von Politik und Kultur. Doch die Beschäftigung mit Begriffen wie Holocaust oder „NS-Euthanasie“ und allgemein bekannten Symbolen wie Auschwitz oder Dachau ist für den Einzelnen oft erschwert durch die zeitliche wie auch räumliche Distanz. Diese Distanz zu überbrücken und ein Bewusstsein für die Vergangenheit zu schaffen ist Ziel zweier Studenten der Universität Karlsruhe und ihrer Initiative “geh-denken e.V.”.

Eine der Hauptambitionen dabei ist es, zu zeigen, dass es sich bei der gefühlten räumlichen Ferne um einen Trugschluss handelt. Denn um die Verbrechen des Nationalsozialismus greifbar zu machen und ihrer zu gedenken, ist nicht zwangsläufig der Besuch einer zentralen Gedenkstätte wie beispielsweise in Berlin oder eines der großen Vernichtungslager im Osten notwendig. Auch hier in Baden-Württemberg lassen sich vielerorts Zeugnisse des Grauens finden. Um diese Spuren aufzuzeigen und nachzuvollziehen, organisiert der Verein geh-denken Exkursionen in der Region.

Eine Vereinsgründung und ihre Hintergründe

Thimo Eckert und Torben Halama studier(t)en an der Universität Karlsruhe Neuere und Neueste Geschichte. Im Rahmen des Studiums nahmen sie an einem internationalen Forschungsprojekt der York University Toronto teil. Unter dem Titel Learning from the past, teaching for the future setzte sich dieses Projekt mit der Geschichte des Holocaust sowie der Erinnerung und Aufarbeitung auseinander. Geprägt von Gesprächen mit Augenzeugen und Überlebenden, sowie den Eindrücken einer mehrwöchigen Exkursion durch Deutschland und Polen auf den Spuren der nationalsozialistischen Verbrechen, gründeten die beiden jungen Studenten 2010 den eingetragenen Verein geh-denken.

Ausfahrt auf die Schwäbische Alb, in die regionale Vergangenheit

Dämmerung an einem kalten Samstagmorgen im Januar. Am Karlsruher Busbahnhof sammeln sich die ersten Teilnehmer der heutigen Exkursion. Die leicht morgendlich-trübe Stimmung der Umgebung scheint teilweise passend zu den Mienen der Mitreisenden. Denn trotz allgemein guter Stimmung ist jedem der Teilnehmenden klar: hier handelt es sich nicht um eine Kaffefahrt, sondern um eine Konfrontation mit der Vergangenheit. Um eine Konfrontation mit dem Tod und dem Verbrechen – begangen hier in unserer Region, vor nicht einmal 75 Jahren. Vor uns liegt ein emotionales Erlebnis, mit bewegenden Eindrücken und bleibenden Erinnerungen.

Dieses Gefühl bestätigt sich während der Busfahrt zu den schwäbischen Exkursionszielen Buttenhausen und Grafeneck. Die einleitenden Worte der beiden Reiseleiter sowie eine mehrseitige Einführung aus Dokumenten und Quellen bereiten auf die kommenden Erfahrungen vor. Auch der erste kurze Zwischenstopp auf dem Weg Richtung Schwäbische Alb gibt bereits einen Vorgeschmack: Nahe Vaihingen/Enz, direkt neben einer Bundesstraße gelegen, besichtigen wir 1267 anonyme Grabsteine. Sie erinnern an die Ermordeten, die im nahegelegenen Konzentrationslager „Wiesengrund“ in der Spätphase des Kriegs, zwischen Oktober 1944 und April 1945, dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind. Wir gehen durch die Reihen der Gedenktafeln, manche in deutscher, manche in hebräischer Sprache; lesen die Herkunft der Opfer, Deutsche, Polen, Franzosen, Norweger. Währenddessen geht die Sonne auf – aber ein „schöner“ Tag wird das nicht.

Buttenhausen – Kampf dem Vergessen

Erstes Hauptziel der Exkursion ist die kleine schwäbische Gemeinde Buttenhausen. Seit dem späten 18. Jahrhundert galt sie als ein gelungenes Beispiel für friedliches Neben- und Miteinander von christlicher und jüdischer Gemeinde. 1941 begannen auch hier die Deportationen der Juden, die ursprünglich die Hälfte der Dorfbewohner stellten. 1944 war Buttenhausen im NS-Jargon „judenfrei“. Auf einem Rundgang durch das Dorf besichtigen wir den jüdischen Friedhof sowie die Gedenkstelle an dem Ort, an dem die kleine Synagoge des Ortes stand, bevor sie am 9./10. November 1938 im Zuge der „Reichskristallnacht“ von der SA niedergebrannt wurde.

Dass es diese Stellen der Erinnerung überhaupt noch gibt, war in Buttenhausen früher einer einzigen Person zu verdanken: Herr Walter Ott, der auch uns durch den Ort führt. Jahrzehntelang war Ott, der selbst kein Jude und kein Historiker ist, der einzige, der die Erinnerung aufrecht erhielt, bis sich in den vergangenen Jahren glücklicherweise vermehrt auch Historiker in die Aufarbeitung der Buttenhausener Geschichte einschalteten. Ehrenamtlich und allein aus innerer Überzeugung pflegt er die Gedenkstätten, leitet Führungen und hat ein Museumshaus eingerichtet, in dem die Geschichte der jüdischen Gemeinde vor dem Vergessen bewahrt wird. Denn dass ist das tatsächlich Erschreckende an der kleinen Gemeinde: die Arbeit von Walter Ott ausgenommen, für die er auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, war Buttenhausen lange Zeit auf Mikroebene ein abschreckendes Beispiel für Vergessen und Verdrängung. Während des Krieges, als die Deportationen am helllichten Tag unter den Augen aller Bewohner stattfanden, herrschte Schweigen statt Protest, Angst statt Handeln. Häuser und Besitz der Juden wurden unter den christlichen Dorfbewohnern verteilt. Nach dem Krieg wurden die Geschehnisse verdrängt statt aufgearbeitet, wollte vergessen statt erinnert werden. Alleine Walter Ott und seiner Eigeninitiative war es zu verdanken, dass dieses dunkle Kapitel hier nicht in Vergessenheit geriet. Dafür zieht er bis zum heutigen Tag die Missgunst der übrigen Dorfbevölkerung auf sich, die auch wir zu spüren bekommen. Wie meistens, wenn Herr Ott eine Gruppe durch den Ort führt, werden auch wir aus jedem zweiten Fenster misstrauisch bis verächtlich beäugt. Auf die ungläubige Nachfrage bestätigen sowohl Walter Ott als auch unsere Exkursionsleiter: „Ja das ist jedes Mal so, wir und was wir hier machen ist hier nicht gerne gesehen“. Erschütternd, wie lange sich Ignoranz und Verdrängung festsetzen können. Ermutigend, dass ein Einzelner sich den Hemmnissen zum Trotz erfolgreich so lange dagegen widersetzen kann, bis weitere Menschen seinem Beispiel folgen.

Schloss Grafeneck – Ort des Massenmords, Ort der Erinnerung

Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich in abgelegener Hochlage das Schloss Grafeneck. Die ländliche Idylle der Schwäbischen Alb trügt, Grafeneck war ein Ort der Vernichtung. Kurz nach Kriegsbeginn, im Oktober 1939, wird das Schloss für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt. Zwischen Januar und Dezember 1940 werden hier in der Gaskammer 10.654 Personen ermordet. Damit war Grafeneck einer der ersten Orte in NS-Deutschland, an dem Menschen nach systematisch-industriellen Maßstäben vernichtet wurden. Es handelte sich ausnahmslos um psychisch Kranke und geistig Behinderte – nach Naziideologie „lebensunwertes Leben“, das im Rahmen des „Euthanasie-Programms“ („Aktion T4“) vernichtet beziehungsweise laut NS-Terminologie “von seinen Leiden erlöst” werden sollte.

Heute erfüllt das malerisch gelegene Schloss eine Doppelfunktion: Neben der Gedenkstätte und einem Dokumentationszentrum über die Verbrechen von 1940, befindet sich dort, wie bereits zwischen 1930 und der Beschlagnahmung 1939, auch wieder eine Pflegeeinrichtung für psychisch erkrankte Menschen. Der Gedanke dahinter ist, den Ort der Vernichtung zurück zu verwandeln in einen Ort der Pflege, und dabei gleichzeitig die Erinnerung an den hier begangenen Massenmord zu bewahren. Und tatsächlich wird der dunklen Vergangenheit Grafenecks hier auf vielerlei Weise gedacht, wird die Vergangenheit bedrückend spürbar gemacht. Neben dem Dokumentationszentrum und dem Mahnmal sieht man das Hauptgebäude des Schlosses, in diesem „Haus der Täter“ waren 1940 die Leitung und Administration untergebracht. Man sieht die Eingangsallee des Geländes, die täglich die drei Busse durchquert haben, mit denen die Opfer aus allen Regionen Baden-Württembergs nach Grafeneck deportiert wurden. Und man sieht die symbolischen Ecksteine zur Kennzeichnung des Standorts des zur Gaskammer umgebauten Geräteschuppens, in der die Opfer unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Ansätze einer Vernichtungspraxis, wie sie in den späteren Jahren bis 1945 in Auschwitz, Treblinka und den anderen Vernichtungslagern in beispiellosem Ausmaß fortgeführt wurde.

Abgesehen von diesen äußeren Eindrücken, wird vor allem in dem Dokumentations-zentrum und dem angrenzenden Mahnmal die Vergangenheit wirklich greifbar. Dies gilt für die Täter, wie auch die Opfer. Es schockiert zu sehen, wie viele der Täter nach dem Krieg der Strafverfolgung entgangen sind. Es bewegt, einige exemplarische Opferbiographien nachzuvollziehen und die aus Grafeneck an Angehörige verschickten “Trostbriefe” mit erlogenen natürlichen Todesursachen zu lesen. Es macht auch sehr nachdenklich zu hören, dass die erste Gedenktafel in Grafeneck erst 1982 aufgestellt wurde, über 40 Jahre nach den Verbrechen, gefolgt 1990 von dem zentralen Mahnmal und 2005 dem Dokumentationszentrum. Eine lange Zeit der fehlenden Aufarbeitung, und sicher eine Warnung vor der falschen Form des Umgangs mit der Vergangenheit.

Als letzter Eindruck vor der Abfahrt bleibt ein Blick in das neben der Gedenkstätte ausgestellte Namensbuch, dort sind inzwischen über 9.000 der hier ermordeten NS-Opfer namentlich dokumentiert. Viele der Exkursionsteilnehmer finden auch ihre Familiennamen unter den Namen der Opfer. Als wir diesen Ort wieder verlassen, der für über 10.000 Menschen den Tod bedeutete, beginnt für jeden von uns die Verarbeitung des Gesehenen. Keiner wird diese Eindrücke vergessen.

So fern und doch so nah

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als dunkelstem Kapitel der deutschen Geschichte ist keine einfache und sicher keine schöne Aufgabe. Aber es ist eine wichtige Aufgabe.
Was bedeutet das neben der gesamtgesellschaftlichen Verpflichtung Deutschlands aber für den Einzelnen? Man kann nur jedem empfehlen, statt ausschließlich (wenn überhaupt) in Büchern und im Fernsehen über den Nationalsozialismus zu lesen oder zu hören, selbst einmal einen Tatort und/oder Ort der Erinnerung zu besuchen, um tatsächlich einen unmittelbaren persönlichen Eindruck zu erhalten. Menschen wie Walter Ott und die jungen Studenten die den Verein geh-denken gegründet haben, zeigen uns, dass man dafür nicht einmal weit gehen muss, diese Orte lassen sich auch in unserer unmittelbaren regionalen Nachbarschaft finden. Die Eindrücke, die man dabei gewinnt, tragen damit hoffentlich zu dem bei, was auch der Leitsatz des Vereins geh-denken ist: “Aus den Taten der Vergangenheit kann, wider das Vergessen, Aufmerksamkeit und Toleranz für die Zukunft entstehen.”

geh-denken e.V.
für weitere Informationen über Exkursionen, Mitgliedschaft, Anfragen:
geh-denken@live.de

(alle Fotografien: Thimo Eckert, geh-denken e.V.)

Johannes Hielscher

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Eine Reaktion zu “Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gegen das Vergessen”

  1. Timo

    Sehr löblich und mit einem gewissen Vorbildscharakter zu bewerten. Gerade in Süddeutschland und hier im Speziellen in Baden-Württemberg ist die Gedenkstättenlandschaft an sich sehr zersplittert – eine Ausnahme ist das zentrale Mahnmal für die deportierten badischen Mitbürger jüdischen Glaubens in Neckarzimmern – und Beweis genug, dass in dieser Hinsicht noch genügend Aufarbeitungs- und Verständigungsarbeit zu tätigen ist. Von daher ist diese studentische Initiative ein erster Schritt in die richtige Richtung (ohne dabei die Arbeit der einzelnen Gedenkstätten und vorallem der Forschungsstelle in Ludwigsburg unterbewerten zu wollen), um vorallem jüngere Generationen an die Thematik heranzuführen.

    Eine weiterführende Lektüre zu den verschiedenen Mahnmalprojekten und Gedenkstätten stellt für alle Interessenten das Werk “Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg”, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg dar.

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