Wohnen im Alter

Heute ist Rätselraten. Eine Gruppe der Bewohner des Pflegeheims „Friedensheim“ ziehen Buchstaben und müssen sich dazu Wörter einfallen lassen. Es wurde „P“ gezogen. Die Gruppenleiterin zeigt allen den Zettel und spricht „Peeeee.“. Eine 99-jährige Dame schreit „Was?“. „Peee!“ ruft jemand. „Was? Waffenspray?“ ruft die ältere Dame. „Nein! Ein Wort mit Peeee!“. „Achso. Ein Wort mit P! Puppe!“ entgegnet sie. Die gesammelten Begriffe werden von den anderen Teilnehmern in ein Alphabet eingetragen. Herr D. ist eingeschlafen, doch als er aufgefordert wird den nächsten Buchstaben zu ziehen, folgt er umgehend der Bitte und zieht „I“, um dann wieder sanft einzuschlummern. „Insel!“ ruft Herr T. „Oh da plant Herr T. wohl seinen Urlaub. Haben sie an eine bestimmte Insel gedacht?“ fragt die Betreuerin. Er schmunzelt : „Mallorca!“. „Ah, da werden sie bestimmt nochmal hin fahren.“. „Nee, das wäre mir zu stressig.“ sagt er und lacht.

Das Rätsel-Alphabet

Dunkle Wände. Verwahrloste, alte Menschen. Überfordertes, überarbeitetes Personal. Das sind wohl die verbreitesten Assoziationen, welche einem spontan zu Kopfe steigen, wenn die Begriffe „Pflegeheim“ oder „Altersheim“ fallen. Die sonnengelben Wände und das überaus freundlich klingende „Guten Morgen“ des vorbeirauschenden Personals, und das um 7.30Uhr morgens, lassen einen schnell die Vorurteile vergessen.

Die Arbeit des Pflegepersonals ist in drei Schichten unterteilt und die erste beginnt um 6.30Uhr. Zu verrichten ist dabei die Körperpflege, Medikamentenausgabe und sonstige Betreuung. Ab 8.00Uhr gibt es Frühstück. Frau R. kümmert sich um Frau D., reicht ihr ein Handtuch, damit sie sich noch verbleibende Zahnpastareste aus den Mundwinkeln wischen kann. Sie streicht Frau D. dabei zärtlich über den Kopf und den Arm. Eine Geste, die noch häufig zu beobachten sein wird. „So Frau D., dann können wir zum Frühstück gehen! Heute versuchen wir mal zusammen hinzulaufen.“
Doch Frau D. entgegnet: „Halt! Sie haben die Augenbrauen und Lippen vergessen!“ Die Pflegerin zieht die Augenbrauen mit einem Stift nach und überzieht die Lippen mit einem zarten Lila. „Das war mir immer wichtig. Auch als ich noch im Dienst war habe ich das immer gemacht“, verrät Frau D. und lächelt.

Die Tür zum Speisesaal im Erdgeschoss öffnet sich. Vier Tische mit unterschiedlich vielen Sitzplätzen sind im Zimmer verstreut. Aus dem Radio tönt Schlagermusik. Neben vielen an der Wand hängenden Gemälden, bevorzugt mit Blumenstillleben, findet sich ein Regal mit unzähligen alten Kaffeekannen. „Das ist der Flair der Vorgänger. Die frühere Leiterin hatte ein Faible für Altes. Wohl damit sich die Bewohner heimisch fühlen“, sagt die Dame, die für die Essensausgabe und Vorbereitung zuständig ist. Um bei der Ausgabe keine Fehler zu machen, hat sie eine Schachtel mit Karteikarten zur Hand, auf denen alle Eigenheiten, aber auch andere wichtige Informationen wie z.B. eine Laktoseintoleranz, vermerkt sind.

Der Flair der Vorbesitzer: alte Kaffeekannen

Die Sitzverteilung ist von den Bewohnern frei gewählt, doch man sieht schnell, dass die Grüppchen sich gefunden haben. An dem einen Tisch wird geschwiegen und die morgendliche Ruhe genossen. Am anderen sitzt Frau D. mit zwei weiteren Damen, deren perfekte, anmutige Sitzhaltung aristokratische Vorfahren vermuten lässt. Zur Freude der Damen gibt es auch eine eigene Hausfriseurin, die den Bewohnern alle zwei Wochen donnerstags die Haare schneidet.

Ein kleiner Altar für den Gottesdienst

„Die drei S, Sicher/Sauber/Satt, die reichen einfach nicht. Die Menschen brauchen mehr.“ sagt die Pflegerin Frau R. und erklärt, dass das Friedensheim sich an den Theorien der Pflegewissenschaftlerin Monika Krohwinkel orientiert, die einen 13- Punkte-Plan für die Pflege aufgestellt hat. Auf diesem sind neben alltäglichen Faktoren wie Essen auch andere wie Kommunikation oder sich als Mann oder Frau zu fühlen von wichtiger Bedeutung. Neben der großen Verantwortung die ein Altenpfleger trägt, muss er auch intensiv auf Menschen eingehen können und jeden Tag immer wieder aufs Neue Geduld aufbringen. „Natürlich muss ein Altenpfleger ein Gefühl für ältere Leute haben, aber das kommt schon mit der Zeit. Aber er darf auf gar keinen Fall Angst vor Bakterien, Stuhlgang, Blut oder Erbrochenem haben“, erzählt Frau R., die auch noch Mentorin für die Auszubildenden ist. Auf die Frage, wie man mit den Schicksalsschlägen im Heim zurecht kommt und ob es möglich ist zu Hause abzuschalten, antwortet sie: „Natürlich geht es einem Nahe, wenn jemandem was passiert. Das ist menschlich. Doch lernt man damit umzugehen. Es ist möglich alles zu verkraften, wenn man will. Der Mensch ist nicht unendlich. Er ist von Körper und Geist ein ganz zartes Geschöpf. Sowas wie hier kann jedem von uns auch passieren und es wissen alle hier, das die Menschen hier ihren letzten Weg gehen. Aber was mir die Arbeit hier zeigt, ist, dass ich noch alles leben möchte, was ich leben will, bevor ich alt werde.“ Sie lächelt und schließt den Medikamentenschrank auf. Um keine Medikamente, Bewohner und Zeiten zu verwechseln, gibt es für jede Zeit eine anders farbiges Becherchen. Gelb für morgens, rot für mittags, blau für abends und grün für nachts. Diese werden dann in ein Tablett gesteckt, in die jeweiligen mit Namen versehenen Vertiefungen.

Plakat im Eingangsbereich

„Wissen Sie, ich habe Krebs. Da kann ich morgen schon tot sein. Ja, der Tod steht mir vor Augen. Aber da denk ich gar net dran. Was bringt mir das?“, sagt Frau P. Vor sieben Jahren ist ihr geliebter Mann gestorben, sie ist krank, hat Schmerzen und wurde mehr als zehnmal operiert, doch all diese Schicksalsschläge haben ihr nicht ihr bezauberndes Lächeln geraubt. Viel lieber erzählt sie von ihrer Jugend im Hotel Eden, wo sie gearbeitet hat und auch viele berühmte Schauspieler kennen lernte und von ihrem Mann. An das Alter hat sie nie gedacht. „Wie denn. Ich hatte doch keine Zeit. Ich hab immer gearbeitet“, lacht sie. Frau P. beschwert sich kaum, spricht leise, wenn sie von ihrer Krankheit erzählt und streichelt einem dabei über den Arm, als wäre man selbst die Schwerkranke. Ihre Augen fangen an zu leuchten, wenn sie von ihrem Mann spricht. „Oh, mein Mann, der hat mich immer so verwöhnt. Ich wollte die Schuhe putzen, da hat er gemeint, nein bleib heut im Bett. Ich putze alle Schuhe und koche für uns. Dann rief er immer „Frrrrrüüüühstück“ und hat einen ganzen Tisch hergerichtet. Und mittwochs hatte ich immer Hausfrauentag. Da habe ich meine schönsten Schuhe und Kleider angezogen, meine Handtasche genommen, den Haushalt stehen gelassen und bin ins Kaffeehaus gegangen. Ach Gott, was habe ich in meinem Leben schon an Kuchen gegessen“, schmunzelt sie und hält die Hand an den Magen, denn heute verträgt sie keinen mehr.

Die Pfleger erzählen, dass der Mensch im Alter alles abbaut, was er als Säugling aufgebaut hat. Auch all die Normen, die der Mensch gelernt hat, fallen weg und die Selbstkontrolle kann aussetzen. Es zeigt sich oft, wie der Mensch wirklich ist. Die einen sind nett und tragen ihr Schicksal mit Würde, andere kommen damit nicht zurecht. Manche brauchen mehr Zuwendung und sind z.B. neidisch, wenn die Pfleger mit einem anderen Bewohner länger sprechen als mit ihnen. Andere können aggressiv werden und schlagen sogar um sich.

Ganz wichtig: Vor jedem Besuch die Hände desinfizieren, da ältere Menschen besonders leicht erkranken können!

Die Rätselrunde beschließt ein Lied zu singen. Man einigt sich auf Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Alle stimmen ein: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Klipp-klapp – klipp-klapp . Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach. Klipp-klapp – klipp-klapp“. Beim letzten „Klipp-klapp – klipp-klapp“ des Liedes wacht auch Herr D. aus seinem Schlaf auf und ruft: „Halt die Lapp!“. Wir lachen.

Weronika Al Assidi

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Eine Reaktion zu “Wohnen im Alter”

  1. steinbeisser

    Ein sehr schönes Porträt über eine sinnvoll arbeitende Institution – und die Menschen, um die es eigentlich geht!

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