William Kotzwinkle – Ein Bär will nach oben

Cover Ein Bär will nach obenWer „Ein Bär will nach oben“ in den Händen hält, mag angesichts des Titels und des liebevoll gezeichneten Einbandes zunächst vielleicht an ein Kinderbuch denken. Doch weit gefehlt. Das 1996 erschienene Werk von William Kotzwinkle ist ein scharfzüngiger satirischer Seitenhieb auf das von Agenten, PR-Beratern und windigen Verlegern dominierte System im amerikanischen Literaturbetrieb.

Als Hauptdarsteller implementiert Kotzwinkle den liebenswürdigen Bären Hal Jam. Dieser findet zufällig unter einem Baum ein Buchmanuskript des Literaturprofessors Arthur Bramhall. Der Bär beschließt, nachdem er sich mit Hilfe eines Marmeladenglases seinen Namen gegeben hat, mit diesem Fund in der Welt der Menschen vorstellig zu werden. Das Buch wird durchweg positiv aufgenommen und ein Riesenerfolg. Und Hal Jam muss sich plötzlich in der komplizierten Welt vom Promotion, Lesereisen und liebeshungrigen Hollywood-Agentinnen zurechtfinden. Dabei will er doch nur eines – den scheinbar nie endenden Nahrungsvorrat der Menschen nutzen.

Mit oftmals auch beiläufig im Nebensatz auftauchendem Humor skizziert der hierzulande nur als Autor der Buchvorlage zu E.T. bekannte Kotzwinkle die Irrungen und Wirrungen, die ein Schriftsteller mittlerweile wohl zumindest in den USA durchlaufen muss, um sein Werk zu präsentieren. Besonders deutlich wird die Oberflächlichkeit an der Tatsache (abgesehen davon, dass niemand Hal Jam als Bären identifiziert), dass scheinbar keiner der beteiligten Personen Hals vermeintliches Werk wirklich liest, sondern nur zweispaltige Zusammenfassungen von Schreibtisch zu Schreibtisch wandern. Diese stoßen jedoch sofort auf immer neue Lobeshymnen. Hals Einzeiler in den Gesprächsverläufen und Interviews konzentrieren sich auf das für ihn Wesentliche („Zu wenig Honig!“, „Mehr Torte!“ „Eiskrem!“) und bedeuten für ihn auch nur das. Die übereifrige Literaturwelt jedoch interpretiert immer neue Weisheiten des vermeintlichen Literaturgenies hinein und ernennt diesen einstimmig zum zweiten Hemmingway. Auch die Literaturwissenschaft bekommt ihr Fett weg, deren Vertreter eifrig bemüht sind, das vergleichende „wie“ oder „als ob“ in literarischen Werken zu zählen und somit fern von jeglicher Realität agieren.

Der erwartete und in solchen Newcomergeschichten oft folgende Abstieg des Helden, bei der sich die anfängliche Hysterie umkehrt, schildert Kotzwinkle nicht. Stattdessen stellt er den tragischen Helden Bramhall in Antithese zu dem Bären. Während dieser sich immer mehr den Menschen und dem amerikanischen Großstadtleben in New York, Boston und Los Angeles anpasst, mutiert Bramhall im Gegenzug nach dem Verlust seines Manuskriptes zu einem Einsiedler und Tier in den Wäldern von Maine. Als es schließlich zum entscheidenden Gerichtsstreit bezüglich der Herkunft des Manuskriptes kommt, wird folgerichtig nicht der Bär Hal Jam, sondern der Mensch Bramhall als Tier angesehen. Doch der in seinem vorherigen Leben als Literaturprofessor ständig depressive Bramhall nimmt dies gleichgültig hin und erfreut sich an den einfachen Dingen im Leben. Eben so, wie es ein Bär tut.

Christoph Bauer

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