Sie haben Post – aus Taiwan vielleicht

Internet tötet den herkömmlichen Briefverkehr? Das einzig volle Postfach ist der Spam-Filter, während der kleine Kasten an der Hauswand schon lange völlig inhaltlos ist? Das muss nicht sein. Entgegen aller Vorurteile kann das Internet zumindest den Postkartenversand enorm erhöhen. Wie das? Mit dem einfachen Motto “Send a postcard and receive a postcard back from a random person somewhere in the world!”. Postcrossing.com machts möglich.


Paulo Magalhães aus Portugal startete das Projekt vor sechs Jahren. Seine Liebe zu Postkarten führte ihn zur Erstellung der kostenlosen Online-Plattform postcrossing.com. Nach kurzer Zeit hatten sich Postkarten-Liebhaber aus aller Welt angemeldet, heute steht ein ganzes Team hinter der Website. Das Ziel ist es ist, Menschen auf der ganzen Welt miteinander in Kontakt treten zu lassen.

Dies funktioniert wie folgt: Jeder User erstellt ein Kurzprofil mit verschiedenen Angaben wie Sprachkenntnissen und Selbstbeschreibung. Die Adresse wird für andere User unsichtbar hinterlegt. Dann kann die erste Empfängeradresse angefordert werden. Sie wird zufällig vom System ausgewählt und beinhaltet eine einmalige und länderspezifische ID. Dadurch ist ein Registrieren der erhaltenen Karte von Seiten des Empfängers möglich. Sobald eine gesendete Karte registriert wurde, wird die eigene Adresse einem anderen User zugeteilt. So bleibt die Anzahl der gesendeten und empfangenen Karten in Balance.

Schon allein die Idee, die Möglichkeiten des Internets für den herkömmlichen Postweg zu nutzen, ist herausragend. Die Website ist übersichtlich gestaltet, enthält Informationen zu Datenschutz und allen weiteren aufkommenden Fragen. Mögliche Risiken, wie der Verlust einer Karte auf dem Weg, sind ebenfalls einkalkuliert. Postcrossing.com ist nur in englischer Sprache verfügbar, was einerseits etwas schade ist, andererseits aber auch verständlich. Nur wer Englisch-Kenntnisse hat, kann an einem solchen interantionalen Projekt teilnehmen, da dies die am weitesten verbreitete Sprache ist. Kleine Extras, wie Statistiken, der Upload der Postkartenvorderseite oder auch die Möglichkeit der ‚direct swaps‘ – Postkarten außerhalb des offiziellen Systems – bereichern die Homepage. Ein großer Pluspunkt ist, dass die Plattform trotz der Userprofile nicht zu einem weiteren Social Network ausartet. Sich gegenseitig Nachrichten zu schreiben oder ‚Freunde werden‘ ist glücklicherweise nicht möglich.

unten rechts: die NY Tattoo-Studio Postkarte

Das einzige Manko in der Organisation des Projektes liegt darin, dass es keine Chance gibt, mit dem Absender in Verbindung zu treten oder die Karten-ID herauszufinden, wenn sie unleserlich ist oder vergessen wurde.

Das Schreiben einer Postkarte wird durch die Plattform zu einem neuen, spannenden Zeitvertreib. Man sendet in Länder, deren geographische Lage man noch nicht einmal kennt oder aus denen normalerweise höchstens die Urlaubskarte der besten Freundin kommt. Man erzählt von sich selbst oder dem Karlsruher Schloss und hofft, das ‘Gegenüber’ in Taiwan macht in einigen Tagen oder Wochen bei der Ankunft einen kleinen Luftsprung.
Die Freude über handfeste Post wird dank postcrossing.com durch den Überraschungseffekt noch gesteigert. Aus welchem Land, von wem, wann und mit welcher Geschichte kommt die Karte? Das Besondere ist, die Postkarten sind genauso unterschiedlich wie die verschiedenen Kulturen, die Menschen und deren Leben. Unabhängig von Geschlecht, Alter oder sonstigen Vorstellungen bereitet man sich eine kleine Freude. Und der wunderbare Nebeneffekt: Eine individuelle Raumdeko, die sonst keiner hat. Oder wessen Wand ziert schon eine Postkarte aus einem New Yorker Tattoo-Studio? Mit der netten Nasenpiercing-Geschichte des Absenders auf der Rückseite, versteht sich.

Claudia Weidenmüller

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