Memento – Puzzlestücke der Vergangenheit

Alle zehn Minuten wird alles auf Anfang gestellt. Alle zehn Minuten erneutes Gefühlschaos: Orientierungslosigkeit, Hilflosigkeit, Verwirrung …
Wo befinde ich mich? Weshalb bin ich an diesem Ort? Wohin wollte ich gehen?
Keine Antworten, ständig nur neue Fragen. Die einzige Erinnerung, die regelmäßig wiederkehrt und sich quälend in den Verstand beißt, ist das tote Gesicht der Frau, die man liebt.


Leonard Shelby (Guy Pearce) ist getrieben von dem Gedanken an Rache. Rache an dem Vergewaltiger und Mörder seiner Frau Catherine (Jorja Fox). Aber diese Suche gestaltet sich äußerst schwierig. Denn Leonard leidet seit dem Überfall auf ihn und seine Frau, hervorgerufen durch eine Kopfverletzung, an einem beeinträchtigten Kurzzeitgedächtnis. Das hat zur Folge, dass er Informationen nicht mehr speichern und damit auch keine neuen Erinnerungen sammeln kann.
Das Einzige, an das er sich zu erinnern scheint, ist der Mord an seiner Frau und an einzelne Fragmente seiner Vergangenheit. Alles, was ihm bleibt, ist ein selbst erdachtes Erinnerungssystem, bestehend aus Polaroid-Fotos und bizarren Tattoos auf seinem Körper, die die einzigen Orientierungspunkte im dunklen Dickicht seiner verschwommenen Erinnerungen sind.
Treten neue Menschen in sein Leben, werden sofort Fotos gemacht sowie Informationen zu den Personen gleich mit aufgeschrieben. Die Dinge, die Leonard für besonders wichtig hält, lässt er sich eintätowieren. Fotos und Tattoos werden auf diese Weise zu seinem neuen, externen Gedächtnis.

Memento ist ein Film aus dem Jahr 2000 von Regisseur Christopher Nolan, der auch Regie über The Dark Knight und Inception führte. Er basiert auf der Kurzgeschichte Memento mori seines Bruders Jonathan Nolan. Der Film verhalf C. Nolan zu seinem großen Durchbruch und brachte ihm den Titel Wunderkind ein.

Ungewöhnlich an dem Film ist, dass er episodenhaft in zwei Erzählsträngen erzählt wird, die parallel zueinander ablaufen. Dabei läuft einer der Erzählstränge chronologisch und in Schwarz-Weiß, der andere antichronologisch in Farbe ab, bis sie schließlich bei einer bedeutenden Schlüsselszene aufeinandertreffen.
Obwohl diese Erzählweise kompliziert ist, hilft sie dabei sich mit Leonard zu identifizieren, indem es den Zuschauer in die Lage des Protagonisten versetzt und es so möglich macht die Welt wahrzunehmen, wie er es tut. Genauso desorientiert und verwirrt wie Leonard versucht der Rezipient die einzelnen Puzzlestücke zu einem Ganzen zusammenzufügen, ohne recht zu wissen, wie dieses auszusehen hat.
Da sich Leonards gesamte Identität nur auf ein paar Notizzettel und Polaroid-Fotos beschränkt, ist er leicht manipulierbar. Welche Informationen sind real? Wem kann Leonard wirklich trauen? Ist es nicht möglich die Polaroids zu manipulieren und ihn in die falsche Richtung zu lenken? Wer ist Teddy (Joe Pantoliano) in Wirklichkeit und ist die Kellnerin Natalie (Carrie-Anne Moss) tatsächlich diejenige, die ihm weiterhelfen kann?

Der Film liefert reichlich Spielraum für Interpretationen. Meint man als Zuschauer endlich hinter das Geheimnis gekommen zu sein, wird man bereits in der nächsten Szene mit einer überraschenden Wendung eines besseren belehrt. Zu keinem Zeitpunkt ist man sich im Klaren über die Intentionen der Charaktere. Die Atmosphäre ist düster und trostlos, die Charaktere undurchsichtig. Erst nach und nach werden einzelne Schalen abgelöst, um am Ende des Films zum Kern der Wahrheit vorzustoßen.

Memento erweist sich als Herausforderung: Man muss sich auf diesen Film einlassen und mit voller Aufmerksamkeit seiner Handlung folgen, was sich zunächst als schwierig erweist, doch mit der Zeit immer leichter fällt. Obwohl man weiß, was bereits alles geschehen ist, gelingt es dem Film dennoch, den Zuschauer zu fesseln. Denn es bleibt die große Frage nach dem Warum. Auch nach mehrmaligem Sehen verliert er seine Faszination nicht. Ganz im Gegenteil: Es werden immer wieder einige neue Details entdeckt, die einem zuvor nicht aufgefallen sind.

Leonard Shelby führt ein Leben ohne das Vermögen sich an seine Vergangenheit zu erinnern. Jede Erfahrung, die er gemacht hat, jedes Erlebnis ist verschüttet und nicht mehr abrufbar. Sich nicht mehr erinnern zu können bedeutet insbesondere im Fall Leonards den Verlust der Identität. Dem Zuschauer wird vor Augen geführt, welche Bedeutung Erinnerungen für uns, unser Handeln und letztlich für unser Leben selbst haben. Nicht nur diese Erkenntnis entfaltet sich in den eigenen Gedanken, sondern neue Fragen beginnen sich zu formen: Inwieweit kann man seinen eigenen Erinnerungen trauen? Wie sehr werden sie durch unsere Emotionen beeinflusst? Wer wären wir ohne unsere Erinnerungen?

Jelena Majic

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