Die Alhambra am Neckar

Hoch über der Stadt, getragen vom Wind, blickt ein Graureiher auf die Landschaft, die sich unter ihm befindet. Noch übertönt das Rauschen des Windes die Geräusche der Stadt. Doch je mehr er sich dem Boden nähert, umso lauter wird der Lärm. Das Dröhnen der Automotoren vermischt sich mit dem tiefem Brummen der U-Bahnen, begleitet von den vielen Stimmen der Menschen auf den Straßen. Aber da gibt es auch andere Laute, die der Reiher wahrnimmt und auf die sich plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit richtet. Es ist ein kehliges Schnarren, das immer wieder von trompetenhaften Rufen unterbrochen wird. Der Graureiher steuert auf diesen Geräuschchor zu und lässt sich auf ein naheliegendes Häuserdach nieder. Vor ihm erstreckt sich eine Anlage mit vielen kleinen Behausungen und einem großen Wasserbecken. Und jetzt endlich entdeckt er auch die Produzenten dieser merkwürdigen Rufe: umherwatschelnde Brillenpinguine…mitten in der Stadt!


Die Brillenpinguine gehören, zusammen mit tausend anderen Tieren, zu den Bewohnern der Wilhelma, dem zoologisch-botanischen Garten im Stadtteil Bad Cannstatt. Nach zahllosen Besuchen übt die Wilhelma, auch bekannt als ‚Alhambra am Neckar‛ immer noch eine große Faszination auf mich aus. Als Kind ist es natürlich das Erlebnis schlechthin lebende, fremdartige Tiere aus nächster Nähe, nur durch eine Glasscheibe von ihnen getrennt, zu beobachten. Wenn man in einer Großstadt aufwächst umso mehr. Doch auch heute noch halte ich mich gerne dort auf und verbringe Stunden zwischen Familien, Paaren, zeichnenden Künstlern und begeisterten Hobby-Fotografen. Dass sich die Wilhelma allgemein großer Beliebtheit erfreut, belegen nicht nur die jährlichen Besucherzahlen, die in den letzten Jahren stets um die Zwei-Millionen-Marke lagen, sondern auch die Belegung des zweiten Platzes bei der SWR-Online-Umfrage „Welches ist das schönste und beliebteste Ausflugsziel im Land?“ sprechen für sich. Mit diesem Artikel möchte ich dem Leser die Eindrücke, die ich in der Wilhelma gewonnen habe, vermitteln und möglicherweise gelingt es mir den Anreiz dazu zu liefern, diese schöne Anlage selbst einmal zu besuchen.

Eingang der Wilhelma

Kurze Geschichte der Wilhelma

Den Spitznamen ‚Alhambra am Neckar‛ hat die Wilhelma durch ihre Gebäude im maurischen Stil und in Anlehnung an das spanische Alhambra erhalten.

Die Alhambra ist einer der ältesten und besterhaltenen Paläste der islamischen Nasriden-Dynastie in Granada (Spanien). Der Name ‚Alhambra‛ bedeutet ‚Die Rote‛ und lässt sich auf die rötliche Farbe des Berges Sabikah zurückführen, auf welchem der Palast errichtet worden ist. Sie zählt zu einem der schönsten Beispiele des Maurischen Stils, einer islamischen Kunst- und Architekturform.

Dieser Maurische Baustil war zur Zeit der Erbauung der Wilhelma, im Jahr 1829, sehr beliebt. Zunächst war, auf Wunsch von König Wilhelm I. von Württemberg, der Bau eines Badehauses im Schlosspark geplant. Während der Planungen unter dem Architekten Karl Ludwig von Zanth wurde aus dem Badehaus ein Wohngebäude mit darunterliegendem Kuppelsaal und zwei angrenzenden Gewächshäusern mit je einem Eckpavillon. Im Laufe der Zeit kamen noch ein Festsaalgebäude, der Bildersaal, ein Küchengebäude und der sogenannte ‚Innere Garten‛ hinzu.
Lange war die Wilhelma nur für den König selbst begehbar, der sie als Zufluchtsort nutzte. Erst mit seinem Tod wurde der Einlass vereinfacht und seit 1880 konnte man sie gegen eine Gebühr besuchen. Als die Anlage 1918/19 in Staatsbesitz überging, wurde die Wilhelma der Öffentlichkeit als Attraktion zugänglich gemacht. Was als Badehaus unter König Wilhelm I. von Württemberg begonnen hat, ist heute ein bedeutender zoologisch-botanischer Garten geworden.


Ein Besuch in der Wilhelma ist eine Möglichkeit seine Freizeit zu gestalten, um Entspannung und Erholung zu finden. Dabei bietet er nicht nur eine Alternative zum Fernsehnachmittag oder zum Stadtbummel, sondern verbindet in optimaler Weise Freizeit und Lernen miteinander.
Diese Aufgabe der Wissensvermittlung und -vermehrung spielt in der Wilhelma neben dem Einsatz für den Natur- und Tierschutz und der Erhaltung der biologischen Artenvielfalt eine bedeutende Rolle. Sie hat seit 1975 eigens dafür eine Wilhelmaschule eingerichtet, die mit Führungen von Schulklassen, mit Informations- und Arbeitsblättern für die Schüler und deren Lehrer und weiteren Informationsangeboten versucht, dieses Wissen weiterzugeben und zu vergrößern. Derzeit stehen der Wilhelma dafür drei feste Angestellte zur Verfügung sowie zahlreiche weitere freie Mitarbeiter. Da die räumliche Situation der Wilhelmaschule bislang unbefriedigend war (kleine Räume), hat man sich für die Saison 2011 so einiges vorgenommen. Geplant ist ein Neubau, in welchem sich unter anderem ein Vortragsraum, zwei Klassenräume, ein Schulgarten und auch ein Raum befinden werden, in welchem in erster Linie Tiere für den anschaulichen Unterricht gehalten werden sollen.
Dieser Neubau ist jedoch nicht das einzige größere Bauprojekt der Wilhelma. Derzeit sind die Arbeiten an der Anlage für afrikanische Menschenaffen in vollem Gange. Begonnen wurde mit den Bauarbeiten Anfang des Jahres 2010, da die bestehende Anlage nicht mehr den erforderlichen internationalen Standards entsprach. Neben dem Wohlergehen der Tiere versucht man hier auch den eigenen Ansprüchen sowie denen der Besucher gerecht zu werden, damit die Wilhelma auch weiterhin zu einem der schönsten Gärten zählt.

Hält man sich an den ausgeschilderten Rundgang, so gelangt man an dessen Ende zu den beiden Häusern, die ich mit besonderer Vorliebe besuche: dem Amazonienhaus und dem Insektarium.
Diese beiden Bauten zählen zu den jüngsten baulichen Veränderungen der Wilhelma. Das Albert-Schöchle-Amazonashaus und das Insektarium mit der Schmetterlingshalle wurden im Jahre 2000 und 2002 fertiggestellt.

Das Amazonienhaus

Beim Betreten des Amazonienhauses fühlt man sich sofort in den tropischen Regenwald versetzt. Es herrschen Temperaturen von 26°C-28°C und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Diese Illusion vom Betreten einer ‚anderen Welt‛ erlebt man besonders in den Wintermonaten sehr intensiv. Aus der grauen, trüben Kälte tritt man in den lichtdurchfluteten, gläsernen Bau. Dichte Nebelschwaden hüllen die Besucher ein, legen sich als feuchter Film auf Haut und Kleidung. Für die passende Geräuschkulisse sorgen um die zehn Vogelarten, die frei im Haus umherfliegen. Man begeht dieses künstlich geschaffene Areal, das 1200 Quadratmeter umfasst, auf einem Urwaldpfad, den hin und wieder ein kleiner Flusslauf und mitunter auch Trompetervögel kreuzen.
Wirklich beeindruckend für den Besucher ist jedoch die üppige Vegetation. Das Haus wurde mit über 2000 Pflanzen in nahezu 350 Arten bepflanzt. Viele der Bäume reichen dabei bis zur Decke des 14 Meter hohen Amazonienhauses und entfalten hoch über den Köpfen der Besucher ihre Krone. Am Boden ranken sich unzählige Pflanzen um Felsen, Baumstämme und Äste.

Geht man den verschlungenen Pfad entlang, erhält man einen ersten Eindruck der Artenvielfalt des tropischen Bergregenwaldes. Im Amazonienhaus begegnet man Weißkopfsakis, Graurücken-Trompetervögeln, Schwarzen Brüllaffen, Grünen Leguanen sowie weiteren Vertretern des tropischen Tierreiches. Auch Botanik-Freunde finden hier einige kostbare Schätze der Pflanzenwelt. Unter ihnen befinden sich Ameisenbäume, verschiedene Bromelienarten, Bananenstauden, Papayabäume, Kakaobäume und zahlreiche andere Bäume und Pflanzen.
Wasserfall im Amazonienhaus
Am Ende des Hauses erblickt man den Wasserfall, der in ein kleines Gewässer mündet. Über eine Treppe gelangt man schließlich in den unteren Bereich des Hauses und man kann in die Tiefen des Wassers blicken, in welchem sich Krötenkopfschildkröten, Breitschnauzenkaimane und eine große Anzahl unterschiedlicher Fischarten tummeln. Beim Verlassen des Hauses im Außenbereich begegnet man zum Abschluss noch einem weiteren Bewohner Südamerikas: dem Nasenbär.

Das Insektarium

Nach dem Ausflug in den tropischen Bergregenwald erblickt man bereits die nächste Station des Rundgangs: das Insektarium. Die meisten der Besucher machen einen Bogen um dieses Haus. Entschließen sie sich dennoch dazu einzutreten, ist der Aufenthalt nicht von langer Dauer, wenn überhaupt wird nur ein kurzer Blick in die Vitrinen geworfen. Grund dafür sind die kleinen Bewohner dieses Hauses: Arthropoden, auch Gliederfüßer genannt. Zu dieser Tiergruppe gehören Spinnen, Skorpione, Krebse, Tausendfüßer und Insekten. Vielen Menschen ist die Welt der Arthropoden fremd: Es ist eine Welt voller bizarrer Gestalten und Formen. Gliederfüßer erkunden diese Welt auf vielen Beinen, mit zarten, durchscheinenden Flügeln; ertasten sie mit Fühlern, Zangen und Saugrüsseln; betrachten sie mit Punktaugen (Spinnen) oder Facettenaugen (Insekten), die wiederum aus bis zu tausenden einzelnen Augen bestehen können. Auffälligster Unterschied zu den Wirbeltieren ist der Chitin-Panzer der Gliederfüßer. Er stellt das Skelett dar, welches diese jedoch als ‚Panzer‛ außen tragen.
Auch wenn der erste Bereich des Insektariums die Gemüter Einzelner scheidet, werden diese im Mittelteil der Anlage wieder etwas näher zusammengeführt. Hier trifft man auf die farbenprächtigen und fragilen Vertreter der Insekten, die Schmetterlinge.

Seitlich, durch die Glasfront des Schmetterlingshauses, fällt das Licht auf die Schmetterlings-Puppen in den Glasvitrinen. Wenn man Glück hat, kann man das Schlüpfen der Falter mitverfolgen.
Welche Stationen der Schmetterling bis zu seiner vollständigen Verwandlung durchläuft, lässt sich an den Wandtafeln ablesen. An derselben Wand sind auch Vitrinen eingelassen, in welchen man die Entwicklung der Wanderheuschrecke zu ihrer fertigen Form, die durch mehrmaliges Häuten erreicht wird, verfolgen kann.
Die Hauptattraktion in diesem Abschnitt sind aber unbestritten die Schmetterlinge.
Ein Teil der Halle ist für die menschlichen Besucher mit Steinplatten ausgelegt, der Rest jedoch ist nur für die bunten Falter erreichbar. Von dieser Plattform aus lassen sie sich bei ihren Schwebeflügen beobachten. Damit man sie auch einmal aus nächster Nähe betrachten kann, wurde rund um die Besucherplattform eine Bepflanzung mit Blütenpflanzen vorgenommen, die die Schmetterlinge anlocken und zum Verweilen einladen soll. Wenn die Pflanzen in voller Blüte stehen und die Falter sich auf ihnen niederlassen und ihre schillernden Flügel öffnen, so wähnt man sich in einem prächtigen Farbenmeer. So geschieht es zuweilen, dass selbst die kleinsten und quengeligsten Besucher voller Faszination inne halten und sich einfach in den Bann dieser zarten Wesen schlagen lassen und andächtig schweigen.

Verlässt man die Schmetterlingshalle, betritt man den dritten Gebäudeteil, der sich thematisch mit dem Verhältnis der Menschen zu den Arthropoden befasst. Neben den für den Menschen nützlichen Insekten wie den Bienen finden sich viele Gifttiere, Krankheitsüberträger sowie Haus- und Vorratsschädlinge. Doch auch wenn der Mensch ein angespanntes Verhältnis zu den Insekten hat, wird versucht den Besuchern mittels Schautafeln und einem kleinen abgedunkelten Raum, in dem man sich Lehrfilme ansehen kann, vor Augen zu führen, welchen Nutzen die Insekten für ihn haben und dass dieser den Schaden übertrifft. Ohne ihre Hilfe würden beispielsweise viele Pflanzen nicht bestäubt, was weitreichende Auswirkungen auf unsere Ernährung hätte. Zudem sorgen einige Arten für den Umbau von totem Material (beispielsweise Abbau organischen Materials im Boden) und damit für die Balance des Ökosystems.
Wiederum wird deutlich, dass die Wihelma nicht nur versucht dem Besucher Erholung zu bieten, sondern auch den Anstoß liefern möchte, seine bisherigen Vorstellungen und Ideen zu überdenken. Bei einigen mag das nach einem Besuch im Insektarium gelingen, bei anderen nicht. Doch was bleibt, ist das Staunen über eine solch riesige Tiergruppe, ihr Aussehen und ihre Verhaltensweisen.

Selbstverständlich habe ich mich beim Verfassen des Artikels von meinen eigenen Vorlieben leiten lassen und meine persönlichen Favoriten vorgestellt. Neben dem erwähnten Amazonienhaus und Insektarium bietet die Wilhelma weitere Sehenswürdigkeiten: seien es die tropischen Vögel, die Brillenpinguine, die Nachttiere oder das Kamelienhaus. Es lassen sich für jeden einzelnen Besuch thematische Schwerpunkte legen, die mit einer intensiveren Beschäftigung des gewählten Gegenstandes einhergehen. So kann man seine Aufmerksamkeit entweder den Pflanzen und Bäumen des Gartens zuwenden oder sich eingehender mit einzelnen Tieren befassen.
Die Wilhelma ist kein Museum voller getrockneter Pflanzen und ausgestopfter Tiere, sondern ein Garten voller Leben. Immer wieder aufs Neue verändert sich das Gesicht der Wilhelma: Jungtiere werden geboren, neue Tierarten werden hinzugekauft oder auch abgegeben, ältere Tiere sterben. Endet der Lebenszyklus einer Pflanze, so wird sie durch eine andere ersetzt. Jeder Besuch der Wilhelma ist infolgedessen mit neuen, einzigartigen Eindrücken verbunden.

Jelena Majic

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