Anthony Bourdain – Ein Küchenchef reist um die Welt

“Auf der Jagd nach dem vollkommenen Genuss”, so verspricht es der Untertitel. Das klingt nach nur einer weiteren von unzähligen Stimmen in einem boomenden kulinarischen Medienchor. Essen ist ‚in‘, Kochen, Star- und Fernsehköche und ihre verschiedenartigsten Bücher und TV-Shows, das alles ist ‚in‘. Was an dieser neuen Medienwelt Gutes und Schlechtes ist, was Essen mit Sex und Magie gemeinsam hat und warum das Gerede vom ‚vollkommenen Genuss‘ absoluter Schwachsinn ist – darüber klärt uns Anthony Bourdain auf seine ganz eigene Art auf.

Anthony Bourdain (Foto: Rootology)

Der Autor:
Anthony Bourdain, genannt Tony;
Jahrgang 1956, Amerikaner französischer Abstammung;
über 20 Jahre Küchenchef in New York;
Erfolge als Autor von Kriminalromanen
sowie dem gastro-philosophischen Enthüllungsbestseller
“Geständnisse eines Küchenchefs” (2000);
2001 Entstehung des hier rezensierten Reiseberichts,
der die Grundlage einer begleitenden TV-Sendung ist.

Der Mann und das Buch

„Ich reise um die Welt [und] esse Schrecken erregende, wunderbare Dinge, mache cooles Zeug“ – so beschreibt Bourdain selbst sein Konzept. Ein Küchenchef reist um die Welt ist in 16 Kapiteln auf 351 Seiten Anthony Bourdains Bericht über einige seiner Reisestationen, darunter Frankreich, Portugal und Japan, oder auch Vietnam und Kambodscha. Dabei folgt der Leser dem Reisenden auf seiner Tour der Sinneseindrücke. Wird zum Träumen eingeladen von Ausführungen über die perfekte Auster in Frankreich oder eine ‚Sushi-Offenbarung‘ in einer kleinen Seitengasse Tokyos. Der Leser leidet mit und fühlt den Ekel, wenn Tony aus Gastfreundschaft mitten im Nirgendwo dankbar einen Ziegenhoden annimmt und verspeist; oder wenn er in Vietnam das noch schlagende Herz einer frischen Kobra isst.
Klingt nach ‚Essens-Mainstream‘, nach medientypischer Standard-
mischung aus Entzücken und bewusster Ekel-Provokation? Ja, das mag auf den ersten Blick stimmen.

‘Darf es mal was anderes sein?’

Doch Tony Bourdain ist anders. Ein Mann, der kein Problem damit hat, sich selbst als „rapide alternden Hipster“ oder „manisch-depressiven Herumtreiber“ zu charakterisieren. Ein Mann, für den der Gang zum verhassten Fernsehen seinen persönlichen ‚Pakt mit dem Teufel‘ darstellt, was er im Verlauf seines Buches in den Unterkapiteln „Warum man nicht im Fernsehen auftreten sollte“, Teil Eins bis Fünf, selbst gerne bitterböse kommentiert. Das ist Bourdains Weg um sich selbst treu zu bleiben in seinem Betätigungsfeld, zu dem er eine so zwiespältige Einstellung hat.

“Ich war betrunken. Ich war glücklich. Und wenn dies auch nicht das perfekte Mahl war, so war es doch, in vieler Hinsicht, ein perfektes. Gutes Essen, gute Gesellschaft, exotische Umgebung und eine Spur von Abenteuer.”
(Ein Küchenchef reist um die Welt, S. 118)

Bei all dem geht es – selbstverständlich – um Essen. Viel und oft. Überall und in jeder Form, faszinierend schön oder faszinierend abstrus. Doch es geht auch um mehr als Essen, Tony Bourdain wagt einen Blick über den Tellerrand hinaus. Auf jeder seiner Reisestationen ist er ein neugieriger Beobachter. Ein westlicher Reisender, auf der Suche nach dem großen Zusammenhang zwischen Küche und Kultur und dem wechselseitigen Einfluss. Seine (oft alkoholgeschwängerten) Ausführungen über seine Erlebnisse sind manchmal träumerische Schwärmereien, manchmal zynischer Spott und ungeschönte Fluchorgien. Dabei bleibt er stets menschlich, wenn er im Verlauf seiner Reise mit Heimweh kämpft, sich in der Fremde verloren fühlt oder sich mit seinen eigenen Erwartungen und der Wirklichkeit konfrontiert sieht. Das macht dem Leser Appetit auf eigene Gedanken, wenn er Bourdain folgt, wie dieser zum Beispiel charakterisiert warum Lokalpatriotismus immer gutes Essen zur Folge hat; oder warum eine reisweingetränkte Bauernmahlzeit mitten im Mekongdelta in Sachen Magie ein 20-Gänge-Vier-Sterne-Menü in Kalifornien in den Schatten stellt.

Ja, Anthony Bourdain is(s)t anders: Er präsentiert dem Leser eine kultur-kulinarische Wundertüte – vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber auf jeden Fall einen Versuch wert.

Anthony Bourdain: Ein Küchenchef reist um die Welt;
W. Goldmann Verlag München, 2. Aufl. Juni 2004,
351 Seiten, Taschenbuchausgabe, 8,95€,
ISBN 978-3-442-45742-7.
Johannes Hielscher

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