Nicht nur der Sozialpädagogikstudent engagiert sich sozial

Es ist ein grauer Wintertag in Karlsruhe und auf den Straßen klebt nasser Schneematsch. Kaum jemand wagt sich vor die Tür, es sei denn, er muss, doch selbst dann nur widerwillig. So kann man die Karlsruher Bevölkerung beobachten, die im dicken Wintermantel mit hochgeschlagenem Kragen zur Arbeit hetzt oder sich im Auto bemüht, die Heizung auf Hochtouren zu bringen. Doch zwischen all den Menschen, die bei diesem Wetter nicht einmal ihren Hund vor die Tür lassen würden, gibt es einige Wenige, die mutig dem Winterszenario trotzen – freiwillig. Sie sind Teilnehmer des Freiwilligen Sozialen Jahres. Denn der Trend, sich in sozialen Bereichen aus eigenem Antrieb heraus zu betätigen, zeigt nach oben.

Das Freiwillige Soziale Jahr

Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) richtet sich vor allem an Schulabsolventen, die noch keine klare Vorstellung von ihrem Berufswunsch haben und das Jahr sinnvoll nutzen wollen. Man kann sich ganz klassisch im sozialen Bereich betätigen; Möglichkeiten für ein FSJ bieten sich in Einrichtungen wie Kindergärten, Krankenhäusern oder Altersheimen, aber auch im Rahmen des FSJKultur in Theatern, Musikschulen oder Jugendclubs.
Darüber hinaus gibt es die Alternative des sportlichen Engagements (FSJ bei der Deutschen Sportjugend - DSJ) oder des ökologischen Einsatzes (Freiwilliges Ökologisches Jahr- FÖJ) zum Beispiel in der Tierpflege oder Mitarbeit in ökologischen Betrieben. Viele zieht es für ihren Einsatz auch ins Ausland, welcher sich dann Freiwilliger Sozialer Dienst (FSD) nennt.

Unter FSJlern ist die Arbeit im Kindergarten beliebt (Foto: Luctor)

Außer bei den Teilnehmern, welche früh feststellen, dass die soziale Arbeit nicht das Richtige für sie darstellt und das FSJ daraufhin abbrechen, sind viele Resonanzen positiv.

“Ich will diese Erfahrung nicht missen und würde es
jederzeit wieder tun. Während des FSJs habe ich mich
weiterentwickelt und viel über mich, andere Menschen
und das Leben an sich gelernt.”

Angela D. aus Karlsruhe

Soziales Engagement ist erwünscht

Eine Leistung, wie etwa ein kultureller, politischer oder sozialer Einsatz, stellt schon bei der Unibewerbung einen Pluspunkt dar. Auch bei der Vergabe von Stipendien spielt das Engagement eine große Rolle, da es häufig eine Voraussetzung für die Unterstützung ist.
Die soziale Arbeit bringt dem Studenten also weit mehr als nur ein ‘gutes Gefühl’. Die vermerkte Teilnahme im Lebenslauf, beispielsweise bei einer studentischen Hilfsorganisation, kann sich positiv auf die Berufschancen auswirken. Es schadet also nicht, aus reinen Karrieregründen gemeinnützige Arbeit zu leisten. Der Student, der sein Augenmerk neben dem Fokus auf sein Studium auch auf sein Umfeld gelegt hat, demonstriert somit Teamfähigkeit. Außerdem kann der Student beispielsweise mit dem banalen Sammeln von Spenden oder dem Entwickeln von diversen Hilfskonzepten oftmals Projektqualitäten, Unternehmergeist und Verantwortungsbewusstsein beweisen.

Der studentische FSJler

Schulabgänger stellen die Teilnehmerzielgruppe des FSJ dar. Aber auch in studentischen Kreisen flammt das Interesse vermehrt auf, ein Jahr lang in einer sozialen Institution zu arbeiten – und das betrifft nicht nur Sozialpädagogikstudenten. Allerdings ist das FSJ mit 37,5 Wochenstunden ein Vollzeitjob und lässt sich nur schwer neben dem Studium meistern. Daher entscheiden sich Studenten immer öfter dazu, ihr Studium für ein halbes oder gar ein ganzes Jahr zu unterbrechen.
Neben dem Wunsch, etwas Soziales zu leisten, stellt die Arbeit auch eine Möglichkeit dar, mehr über sich und die Gesellschaft zu erfahren und neue Kenntnisse zu sammeln, die vielleicht mit dem Studiengebiet gar nichts zu tun haben.

“Wenn man eine Auszeit braucht oder sich vielleicht nicht mehr sicher ist, ob das Studium das Richtige ist – warum nicht?”

Stephanie B. aus Karlsruhe

Speziell Auslandseinsätze, wie zum Beispiel organisiert von Interkulturelle Begegnungen e. V., dessen Einsatzgebiete sich auf 20 Länder erstrecken, sind besonders bei Studenten beliebt. Es kann zum Beispiel in Asien, Afrika und Lateinamerika für die Dauer von sechs Monaten an gemeinnützigen oder ökologischen Projekten teilgenommen werden, welche vielfältige Arbeitsschwerpunkte haben. Man hat dort die Möglichkeit, in den unterschiedlichsten Einsatzfeldern zu arbeiten: Über die außerschulische Bildung, die Lehrassistenz, IT- und Technikaufgaben bis hin zu der Arbeit mit Kunst, Kindern oder Senioren sowie für den Ressourcenschutz.

Formen des soziales Engagements

“Ein Studium zu unterbrechen, halte ich für weniger sinnvoll. Entweder vor dem Studium oder dann, wenn man merkt, dass das angefangene Studium nichts für Einen ist und man nach einem neuen Weg suchen möchte”

Tobias L. aus Karlsruhe

Es gibt genug Stimmen, die dagegen sind, das Studium für die Erfahrung eines FSJs zu unterbrechen. Anstatt sich für dieses ganzjährige Projekt zu verpflichten, gibt es auch andere Möglichkeiten, sich als Student sozial zu engagieren.
Sozial arbeiten und mitwirken lässt sich an vielen Orten und ist meist willkommen. Das bewährte Modell des gemeinnützigen Engagements kann beispielsweise die Mithilfe in einem Altersheim oder einer Spielstunde im Kindergarten sein. Oftmals sind derartige Arbeiten aber für eine längere Zeit verpflichtend und es gibt feste Termine.

Möglicher Einsatzort für Helfer: Das Altersheim (Foto: I Craig)

Für die spontanen Hilfswilligen, die nicht gerne lange an ihre Unterstützung gebunden sein wollen, gibt es die Onlineplattform GuteTat.de. Unter der Rubrik ‘Heute ein Engel’ finden sich kleinere Anzeigen, die Mithilfe für einen Tag oder auch nur für wenige Stunden suchen. Leider gibt es noch keine Projektregion für Karlsruhe, die nächstgelegene ist München.

Gibt es bald einen FSJ-Boom?

Aktuell findet das FSJ bei weiblichen Teilnehmern deutlich mehr Zuspruch. Da die Aussetzung oder sogar die Abschaffung der Wehr- und Zivildienstpflicht zur Diskussion steht, stellt sich eine neue Frage. Was passiert mit all den jungen Männern, die bisher vielleicht genau diese Zeit beim Bund oder in einer sozialen Einrichtung genutzt haben, um sich nach der Schulzeit beruflich zu orientieren?

“Früher waren viele gezwungen, die Auszeit zu nehmen und konnten sich Gedanken über ihre Zukunft machen. Heute sieht man vielleicht im FSJ eine Chance, um einen anderen Bereich kennen zu lernen oder Erfahrungen zu sammeln. Ich glaube definitiv, dass die Nachfrage steigen wird!”

Tobias L. aus Karlsruhe

-

“Ich glaube, wenn die Bedingungen für das FSJ wie bisher blieben, wird die Bereitschaft sinken. Daher muss man es attraktiver gestalten, damit es eine gute Alternative zum jetzigen Zivildienst ist.”

Angela D. aus Karlsruhe

Egal wie es kommt. Vielleicht kann man aus seinem Fenster in der beheizten Wohnung bald noch mehr tapfere FSJler und mutige Studenten beobachten, die sich gerne durch den kalten Schneesturm auf Karlsruhes Straßen kämpfen, um gemeinnützige Arbeit zu leisten. Und vielleicht steht der eine oder andere sogar auf, zieht sich eine warme Jacke an und macht mit. Freiwillig.

Sabine Wegmann

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Eine Reaktion zu “Nicht nur der Sozialpädagogikstudent engagiert sich sozial”

  1. Jan

    Ahoi, ich bin mal so frech und poste was auf der Seite. Sieht schoen aus! Ich beschaeftige mich auch seit kurzem mit WordPress verstehe aber noch nicht alle Funktionen. Deine Seite ist mir da immer eine tolle Inspiration. Danke!

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