Integration

Mittwoch, 22. Dezember, Karlsruher Innenstadt. Es sind noch zwei Tage, dann ist Weihnachten. Musik summt aus den Geschäften, dick eingepackte Menschen huschen durch die Stadt, in der Hoffnung heute endlich die letzten, noch fehlenden Geschenke für die große Bescherung zu finden. Ich stehe mitten auf der Kaiserstraße, in meiner Hand ein Block, Fragebögen und ein Stift. Alle rennen sie an mir vorbei und meiden mich, als würde von mir eine Gefahr ausgehen. „Entschuldigen Sie bitte“, versuche ich eine ältere Dame anzusprechen, „ich möchte ihnen nichts verkaufen! Ich möchte nur nach ihrer Meinung zum Thema Integration fragen.“ Die Dame schaut mich fragend an. „Ja haben sie denn eine Meinung zum Thema Integration?“, frage ich zögerlich. „Nein habe ich nicht!“, knurrt sie. „Und wenn ich eine hätte, dann hieß es nur wieder ich sei ein Rassist.“ Sagt sie und lässt mich irritiert stehen.

Wegen politischer oder religiöser Verfolgung, einer Heirat, dem Studium, Krieg, Armut, fehlender Arbeitskräfte oder einfach aufgrund der Hoffnung auf ein besseres Leben: Gründe, weshalb Menschen ihre Heimat verlassen haben, gibt es einige. Unzählbar sind jedoch die persönlichen Geschichten, Erfahrungen, Gewohnheiten und Sorgen, die diese Menschen mit sich in unser Land bringen. So verschieden diese Menschen auch sein mögen, klar ist, dass von ihnen erwartet wird, dass sie sich in die deutsche Gesellschaft einfügen und sich an diese Kultur und ihre Regeln anpassen. Integration lautet das Zauberwort. Ein zusammenfassender Begriff für etwas, dass sehr schwer zusammenzufassen ist, denn Integration hat viele verschiedene Dimensionen, die nicht bei allen Menschen gleich sind: ob vielschichtige Faktoren wie Kultur, Sprache, Religion oder ganz banale wie das Alter. Integration ist leicht zu definieren, doch schwer zu erklären.

„Integration bedeutet für mich, dass alle friedlich miteinander leben, egal wo, ob in Deutschland oder anderswo“, verrät mir Sabine, 47. Sie erzählt mir von ihrem Interesse gegenüber anderen Kulturen und Menschen und sie würde sich wünschen in ihrem Umfeld weniger auf Vorurteile zu stoßen. „Ich finde die Debatte um Sarrazin wirklich ganz schlimm und einfach unmöglich. Doch viele in meiner Verwandtschaft freuen sich, dass endlich jemand das Ganze angesprochen hat“, erklärt sie und macht eine Handbewegung, als wolle sie mit der Faust auf den Tisch schlagen, „Es braucht einfach viel mehr Toleranz!“ Dem stimmt auch Josef, 81, zu. Seiner Ansicht nach ist es gut, dass über Integration debattiert wird, jedoch müssen immer mehr in Deutschland einsehen, dass es wichtig ist andere Menschen aufzunehmen. Besonders in Anbetracht unserer jüdisch-christlichen Kultur, in der moralische Werte wie Nächstenliebe fest verankert sind. Integration ist für ihn „Solidarität mit allen Menschen der Welt“.

Foto: Darwin Bell


Verklärte Multi-Kulti-Romantik, die nichts mit der Realität zu tun hat? Kriminelle Jugend-Straßengangs, die Rütli Schule oder ganz Kreuzberg, alles gern zitierte Beweise für gescheiterte Integration. „Kreuzberg ist nicht über Nacht entstanden. Wo waren sie die ganze Zeit? Jahrelang hat man alles unter einen Teppich gekehrt, jetzt sind sie aufgewacht und das Thema wird aufgebauscht. Man sucht nach einem Schuldigen, doch für einen Sündenbock ist es jetzt zu spät!“, erzählt die 39-jährige Yildiz aufgebracht. „Ich brauch jetzt erst mal eine Zigarette!“, unterbricht sie ihre Freundin Gül, 37. „Diese Diskussionen in den Medien, die machen mich wirklich sauer. Man will nicht die sehen, die es geschafft haben. Nur die schlechten Beispiele. Da wird Integration schon zu Rassismus und alle werden über einen Kamm geschert!“.

Integration ist in Karlsruhe ein großes Thema, denn laut einer Statistik des Büros für Integration aus dem Jahre 2006 leben 39.752 ausländische Einwohner und 26.025 Einwohner mit Migrationshintergrund mit Hauptwohnsitz in Karlsruhe. Zusammengefasst sind das insgesamt 65.777 Migranten und Migrantinnen in Karlsruhe, 23,9% der gesamten Einwohner mit Hauptwohnsitz. „Die Stadt Karlsruhe hat sich vorgenommen, eine zuwanderungsfreundliche Stadt zu sein.“, steht in den Leitlinien des Büros für Integration.

Es gibt einen sogenannten „Masterplan 2015“. Bis 2015 soll Integration als fester Bestandteil in Bürgervereinen etabliert und umgesetzt werden. Dies wird durch eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe erarbeitet. Aus den Vorschlägen dieser Gruppe wird ein Umsetzungskonzept für die jeweiligen Stadtteile entwickelt. Die Willkommenskultur der Stadt Karlsruhe beinhaltet vor allem ehrliche Toleranz und Akzeptanz und fördert den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen. Dieser Prozess des interkulturellen Öffnens geschieht jedoch nicht automatisch, sondern muss immer bewusst unterstützt werden. Die Leitlinien der Integration in Karlsruhe gliedern sich in viele verschiedene Themen wie Bildung, rechtliche Integration, Religion oder Sprache. So wird beispielsweise, um eine Chancengleichheit in der Bildung zu ermöglichen, die Sprachkompetenz möglichst früh gefördert. Sowohl die der Kinder, als auch die der Eltern, da diese ihren Kindern ein Vorbild sind. Ausdrücklich gefördert wird aber auch die Zwei- und Mehrsprachigkeit. In Hinblick auf die Leitlinien ist es mehr als bemerkenswert, wie mit Integration in Karlsruhe umgegangen wird. Die Stadt möchte Migranten und Migrantinnen zu einem festen Bestandteil von Karlsruhe machen, sie in das Leben integrieren und daran teilhaben lassen. Vor allem akzeptiert die Stadt nicht nur die kulturelle Verschiedenheit, sondern bejaht sie auch.

Es ist wichtig, dass über Integration in den Medien gesprochen wird. Es ist auch wichtig, dass Integration zu einem festen Bestandteil in der politischen Debatte wird, sich in Gesetzen widerspiegelt und hierfür Fördermittel eingesetzt werden, wie in der Bildung und frühen Kindeserziehung. Doch geht es in dieser Debatte um Menschen, und das darf nicht vergessen werden. Entscheidend ist nicht nur, dass Migranten und Migrantinnen vom Gesetz her gleichgestellt sind, sondern wie sie von ihren Mitmenschen in diesem Land behandelt werden. Ob sie wie in Karlsruhe willkommen sind, spielt eine entscheidende Rolle, denn man kann sich nicht integrieren, wenn es nicht erwünscht ist.

Sicherlich gibt es viele, die sich nicht integrieren möchten und beispielsweise Gesetze missachten oder das Sozialsystem ausnutzen. Doch viel wichtiger sind diejenigen, die sich integrieren wollen. Sie sind nicht eines morgens aufgewacht und haben sich bewusst dafür entschieden, sondern waren es von Anfang an, denn es ist in ihren Augen selbstverständlich sich nicht nur in der Gesellschaft, in der sie leben, einzugliedern, sondern sie auch maßgeblich mitzugestalten. Dieser Teil der Migranten und Migrantinnen fühlt sich momentan sicherlich unwohl in Deutschland, da Deutschland zu ihrer Heimat geworden ist, wenn auch mit zweitem kulturellen Hintergrund.

Freunde von Sabine lachen über sie und sagen sie sei viel zu naiv und weltoffen, denn steckten Die (Muslime) ja schon überall und würden sich hier ausbreiten. Deswegen gehen sie auch nicht in das Universum Kino, weil dieses angeblich einem Türken gehöre. Sie wollen Die ja nicht noch unterstützen. “Sowas regt mich halt auf. Das finde ich schon echt arg. Und dann wird auch noch von guten Genen und schlechten Genen geredet.”, sagt Sabine. Ich nicke, schreibe eifrig mit und nuschle “Ja, ja Sarrazin.”. “Nein. Ich rede nicht von Sarrazin, sondern von meiner Mutter.”.

Weronika Al Assidi

Foto: viernullvier

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4 Reaktionen zu “Integration”

  1. Timo

    Nun ist es also auch in KA.mpus benannt, das derzeige Minenfeld der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Der Weg zwischen Sarrazin und offener Integration ist schmal und schwierig zu gehen. Grundsätzlich ist in dieser Auseinandersetzung wohl keine Einigung zu erwarten, gebe dir, Weronika, in vielen Ansichten jedoch Recht. Die Frage ist: wo beginnt Integration und in welchem Maße sollte sie von Zuwanderern mitgestaltet werden.

    Eines möchte ich jedoch kritisch anmerken. Die Integrationssituation in Karlsruhe mit jener in Kreuzberg zuvergleichen, dieser Vergleich hinkt etwas. Ich habe in Karlsruhe meinen ersten Studienabschluss erlangt und studiere und lebe nun in Berlin, kenne daher beide Städte und deren Bevölkerungsstruktur (die sich grundsätzlich voneinander unterscheidet, und das nicht zu knapp). Wenn man hier durch Neukölln und Wedding läuft (Kreuzberg ist wirklich das “harmloseste”, was man sich vorstellen kann), so fragt man sich tatsächlich, ob Herr Sarazzin mit einigen Aussagen nicht doch ein stückweit Recht hat. Seine Wahrnehmung ist in der Hauptstadt eine ganz andere als im Süden der Republik und sollte berücksichtigt werden.

    Deutschland ist zweifellos ein Zuwanderungsland, die aktuelle Probematik im Grunde uralt und wenig überraschend. Die Frage ist nur, warum ausgerechnet JETZT die Diskussion in Fahrt kommt. Leben in Deutschland mehr Zuwanderer als je zuvor? Ist ihre Kriminalitätsrate höher als zuvor? Sind ihre Bildungslücken größer geworden? All das mag ich nicht zu beantworten. Vielmehr denke ich sind die Gründe in unserer veränderten Gesellschaft zu suchen. Es gibt immermehr unzufriedene Menschen (sei es aus beruflichen, sozialen und ökonomischen Gründen), die in Anbetracht von HartzIV- Kürzungen, Verwehrung von Bildungschancen (Stichwort Studiengebühren bei gleichzeitiger Förderung von Erasmusstudenten nach Deutschland), Facharbeitermangel, Teuerung der Lebenshaltungskosten und und und nach einfachen Auswegen suchen. Im Sinne von “was ist deutsch” und der Frage nach “wer sind wir” ist es immer leichter zu fragen, was wir eigentlich nicht sind. Und dies grenzt dann bestimmte Bevölkerungsteile vorschnell und zu Unrecht aus.

    Hierbei eine Lösung oder einen Kompromiss zu erhalten, halte ich für unausgesprochen schwierig, nicht jedoch für unmöglich. Denn nicht die Politik sollte hierfür Regeln vorgeben, sondern es den Menschen in den Kommunen überlassen, das Zusammenleben zu regeln. Ich denke, damit sind wir in der Vergangenheit stets gut gefahren und haben eine Vielzahl von positiven Entwicklungen zu Wege gebracht. Es wäre im Auftrage der Parteien dafür zu sorgen, dass dieser Weg weiter von ihnen unterstützt wird. Zugleich müssen die Integrationsprobleme nun offen angesprochen und angegangen werden, denn im Schatten des Globalisierungsprozesses gilt es auch in sozial-gesellschaftlicher Hinsicht diesen Wandel zu bestimmen. Da sind die im Artikel beschriebenen Maßnahmen zum “Masterplan” ein wichtiger erster Schritt.

  2. Weronika

    Hallo Timo,

    es war von mir nicht gedacht Kreuzberg mit Karlsruhe zu vergleichen. Falls das so verstanden wurde, so habe ich mich wohl ungeschickt ausgedrückt. Ich habe lediglich Kreuzberg als Musterbeispiel genannt, da es neben den von dir genannten Stadtteilen einen hohen Ausländeranteil vorweisen kann und in Diskussionen oft als Musterbeispiel für gescheiterte Integration genannt wird. Aber wenn wir schon mal bei dem Thema sind. Klar ist, dass man sich vor Augen führen muss, dass der hohe Ausländeranteil in diesen Vierteln kein Zufall ist. Man muss sich z.B. darüber bewusst sein, wie schwer es für manche Migranten und Migrantinnen ist, eine Wohnung außerhalb dieser Viertel zu finden, da Vermieter aufgrund von Voruteilen oder vielleicht sogar auf Anordnung der Stadt selektieren. Ich denke, es ist auch verständlich, dass Menschen in einem fremden Land erstmal Kontakt zu Gleichgesinnten suchen. Das ist kein Deutschland-Phänomen und zieht sich durch alle Länder und Kulturen dieser Welt, denn sind das schließlich Menschen der gleichen Kultur, die oftmals die eigene Denkweise oder Lebensweise verstehen.
    Du hast Recht, eine Lösung zu finden ist sehr schwierig. Vor allem da die Diskussion mit vielen Emotionen und Erwartungen behaftet ist. Aber wie gesagt ist es natürlich wichtig, dass die Integrationsarbeit und Diskussion weiterhin anhält oder vielleicht noch verstärkt wird. Ein Grund, warum die Diskussion erst jetzt richtig in Fahrt kommt, ist unter anderem die Erkenntnis, dass der größte Teil der Ausländer, wie bisher angenommen, nicht mehr gehen wird. Daher hat man sich politisch und emotional weniger damit auseinander gesetzt. Das Thema ist einfach so vielschichtig, es war wirklich sehr schwer dem Thema gerecht zu werden. Ich hoffe, dass es mir ansatzweise gelungen ist, wichtige Punkte anzusprechen und habe mich sehr über deinen Kommentar und deine Diskussionsanregung gefreut

  3. Mari

    Liebe Weronika,
    das Thema Integration beschäftigt mich auch sehr und mir hat dein Artikel dazu sehr gut gefallen. Oft geht es mir ähnlich, dass ich überrascht bin von der teilweise offen zur Schau getragenen Überheblichkeit und Ablehnung gegenüber Leuten, die irgendwie andere Wurzeln haben.. ob am Arbeitsplatz oder in der Freizeit.
    Würde mich gern dazu mehr austauschen und über Kontakte freuen.
    viele Grüße, M.

  4. Weronika

    Hallo liebe Mari,

    es freut mich sehr, dass mein Artikel dir gefallen hat. Ich denke das nicht nur die zur offenen Schau gestellte Ablehnung ein Problem ist, sondern auch die verborgene. Man sagt immer “Nein es ist nicht so, ich habe auch viele Freunde, die aus keine Ahnung wo kommen, ABER….” Und dann folgen oftmals Vorurteile, die aud Unwissen oder Desinteresse beruhen. Es ist vollkommen in Ordnung Menschen oder Verhaltensweisen zu kritisieren und seine Meinung zu äußern, auch wenn sie negativ ist. Jedoch muss man sich im Klaren darüber sein, worüber man spricht und vor allem wie. Welches Gefühl man damit transportiert. Ehrliche Kritik, da man ein besseres Zusammenleben anstrebt oder Resignation, Ablehnung oder gar Hass.
    liebe Grüße

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