“Guten Tag, was darfs sein?”

Karlsruhe, Samstag: 20.55 Uhr in einem x-beliebigen Supermarkt. Eingereiht in die meterlange Schlange an der Kasse. Die Schweißperlen der Kassiererin tropfen ihr von der Stirn. Rauchschwaden steigen aus ihrem Kopf. Das Geräusch des Kassenscanners erinnert an Tinitus. Die Dame vor mir dreht sich um, verdreht die Augen und sagt „Mein Gott, die könnt aber auch mal schneller machen. Ich will heut noch nach Hause!“.

Foto: _Tasmo

Ja, sicherlich. Sie könnte, aber sie will bestimmt nicht. Die Kassiererin, welche ungefähr seit acht Stunden nichts anderes macht als Ware über einen Scanner zu ziehen, nett zu lächeln und freundlicher zu fremden Menschen zu sein, als sie wahrscheinlich jemals zu ihrer eigenen Mutter gewesen ist, möchte grundsätzlich nicht nach Hause. Wahrscheinlich wohnt sie sogar im Geschäft, so spart sie sich die lange Heimfahrt und kann sogar Nachts per Notklingel wichtige Fragen wie „Kann ich die Brötchen auch einfrieren?“ beantworten.

Der moderne Kunde, er will alles. So schnell, günstig und gut wie möglich. Der Kunde ist stets im Recht und darf sich alles erlauben, denn der Kunde ist schließlich König. Doch auch dieses Gesetz hat seine Grenzen. Leider, denn die Verkäuferin ist nämlich entgegen aller Vermutungen tatsächlich ein Mensch und keine Maschine.

Keine Tätigkeit dieser Erde erfordert möglicherweise soviel Geduld, wie die der Verkäuferin, denn trifft man neben den vielen wirklich netten Menschen sehr viel häufiger auf unfreundliche, denen die Strapazen des Einkaufs die Laune unwiderruflich und lebenslang verdorben haben. Und machen wir uns nichts vor: dies ist allein die Schuld der Verkäuferin! Sie ist sowieso für alles verantwortlich, denn hat sie neben dem Kassieren oder Verkaufen auch noch die Ware produziert, verpackt, etikettiert und den Preis festgesetzt. Verschwörungstheorien befassen sich neuerdings nicht mehr mit den Freimaurern, sondern mit dem geheimen Kassiererinnen-Bündnis, das klammheimlich unsere Wirtschaft manipuliert.

Dabei wäre es so einfach Frieden zu schließen. Ein warmes Lächeln und ein mitfühlendes „schönen Feierabend“ würde reichen. Dies wäre nicht nur ein wichtiger Schritt für den Weltfrieden, sonder wohlmöglich der Beginn einer nie wieder endenden Supermarkt-Freundschaft.

Weronika Al Assidi

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8 Reaktionen zu ““Guten Tag, was darfs sein?””

  1. steinbeisser

    Richtig beobachtet – einfach nur mal nett sein!

  2. Timo

    Ein wahres Wort, das uns nochmals in Erinnerung ruft, welchen Strapazen und welch monotoner Arbeit die zu bemitleidenswerten Kassierer/innen ausgesetzt sind. Ich frage mich aber, ob es weniger an den Kunden liegt, den ersten Schritt in Richtung “Weltfrieden” zu bereiten, oder vielmehr dies den Personal- und Supermarktchefs zukommt. Bessere Bezahlung, abwechslungsreiche Tätigkeiten usw. wären wohl ein Anfang. Genauso die Hinterfragung, warum dem Kunde die Möglichkeit geboten werden muss, nachts um 0 Uhr noch zu Kaysers zugehen.

    Und wenn ich 5 vor 24 Uhr tatsächlich noch den Elan zum Einkaufen habe, so habe ich bestimmt auch noch den Elan, die Verkäuferin zu grüßen und ihr eine angenehme Nacht zu wünschen.

  3. Weronika

    Ja Timo, natürlich tragen die Arbeitsumstände auch dazu bei, da hast du wohl recht. Diese Seite habe ich jetzt nicht berücksichtigt bzw. diese war nicht Thema meiner Glosse. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, da ich um mir mein Studium zu finanzieren vier Jahre im Verkauf bzw. an der Kasse gearbeitet habe, dass man versucht sehr nett zu den Kunden zu sein, es aber sehr sehr oft welche gibt, die es einem sehr schwer machen oder davon überzeugt sind, dass man grundsätzlich unterbelichtet oder Mensch zweiter Klasse ist. Darüber wollte ich mich in meiner Glosse ein wenig aufregen. Natürlich ist es klar, dass nicht alle Kunden so sind und ich auch mit wirklich vielen netten Menschen zu tun hatte.

  4. Timo

    Hi Weronika,

    ich bin mit dir da absolut derselben Meinung, und auch dass du dieses Thema so kurz vor Weihnachten ansprichtst, zeugt vom richtigen Taktgefühl.

    Wenn wir den Blick lediglich auf die Kunden und deren Verhältnis zu den Supermarktmitarbeitern richten, kann es da nicht sein, dass dies ein generationenbedingtes Problem ist? Und im Speziellen eines, das eher von “jüngeren” Menschen hervorgerufen wird? Ältere Menschen, welche zudem noch mobilitätseingeschränkt sind, pflegen wohl ein ganz anderes Verhältnis zu den Verkäuferinnen, die wiederum vlt. sogar die einzigsten Menschen sind, welche die Älteren am Tage zu Gesicht bekommen und gelegentlich auf deren Hilfe sie angewiesen sind.

    Dann scheint es mir verstärkt sogar noch ein Stadt-Land-Gefälle zugeben. D.h. der Supermarkt in der Großstadt verkörpert viel mehr Anonymität, in dem dem Einkaufsprozess eine ganz andere Rolle zukommt. Er wird lediglich hektisch zwischen Arbeit und Familie erledigt, d.h. man verbindet damit weniger einen Moment des “Entspannens”, als vielmehr des Stresses.

    Der Artikel sollte uns einwenig anregen, über solche Dinge nachzudenken.

  5. Weronika

    Hallo Timo,

    hm, ich würde nicht sagen, dass es nur ein Generationsproblem ist. Zwar waren “ältere” Menschen vielleicht im Durchschnitt netter oder sagen wir mal höflicher. Doch gab es andere Probleme. Da “ältere” Menschen oft einsam sind, wie du ja schon richtig gesagt hast, haben sie einem natürlich ihr Herz ausgeschüttet. Damit hatte ich generell kein Problem, aber musste ich mir auch leider oft Ansichten anhören, die mich wirklich entsetzt haben, da sie diskriminierend waren. Aber es waren eher die älteren Menschen, die sich wirklich nach einem erkundigt haben und eher ein persönliches Verhältnis gepflegt haben, da hast du schon recht. Es gibt sogar manche die mich immer noch grüßen oder nach mir fragen, wenn sie mich auf der Straße treffen. Aber wo ich dir auf jeden Fall Recht gebe ist, dass der Supermarkt in der Stadt anders ist als auf dem Land. Da ist die Welt doch kleiner, viele kennen einander oder es gibt einfach oftmals nur ein oder zwei Geschäfte. Und auch der Aspekt mit dem Stress ist vollkommen richtig. Wie so vieles in unserem schnellen Leben, nehmen wir den Einkauf nicht bewusst wahr, sondern erledigen ihn einfach nur. Ich persönlich versuche, natürlich durch meine eigene Erfahrung im Verkauf noch verstärkt, immer nett zu sein mit den Verkäuferinnen oder Verkäufern. Nicht nur ein “Danke”, sondern einen kurzen Smalltalk. Nach einer Zeit erkennen sie einen wieder und lächeln einen schon von alleine an. So macht der Einkauf sehr viel mehr Spaß.

  6. Julia

    Auch ich finde, dass dieses Thema gut in die Weihnachtszeit passt. Ich persönlich versuche immer, die Kassiererinnen anzulächeln und freundlich zu sein, weil ich mir bewusst bin, dass es frustrierend sein muss, wie eine lästige Zeitverschwendung grimmig angestarrt zu werden.
    Allerdings habe ich auch schon erlebt, dass die Kassiererin nicht einmal den Kopf erhoben hat, um ihre Kundschaft anzusehen, von einem “Guten Tag” oder gar einem “Auf Wiedersehen” ganz zu schweigen. Ich meinerseits sehe es dann auch nicht ein, nett zu sein, wenn ich nicht einmal angesehen werde. Trotzdem versuche ich es immer und denke: Wir sind alle nur Menschen, denen manchmal ungerechte Dinge widerfahren, für die wir nichts können.

  7. Weronika

    Hallo Julia!

    Ja, es stimmt leider…Es gibt wirklich sehr viele Kassiererinnen, die einen mehr als ignorieren. Aber aus meiner Erfahrung heraus muss ich sagen, dass es mir auch oft so ging, weil ich einfach so sehr gestresst war von Kunden oder anderen Dingen. Natürlich war das nicht fair den anderen Kunden gegenüber, aber jeder Mensch hat einfach seine Grenzen. Ich habe immer versucht nett zu sein, aber manchmal habe ich es einfach nicht geschafft. Deswegen finde ich deine Einstellung echt gut, denn du weißt natürlich nie, ob die Kassiererin vielleicht wirklich einen Grund hat so unaufmerksam zu sein.

  8. Timo

    Generell habt ihr beiden recht, da man nicht in einen Menschen hineinsehen kann, können die Kunden nur darüber rätseln, warum sie von der Kassiererin teilweise ignoriert werden. Solang es keine persönlichen Gründe sind, sollte dies auch legitim sein. Allerdings finde ich, dass Freundlich-und Nettigkeit zum Beruf der Kassiererin dazugehören, auch dafür wird sie bezahlt. Das ihr das mal mehr, mal weniger gelingt, ist völlig menschlich, sollte aber nicht auf Dauer durchgesetzt werden, da dies auch eine Kündigung nach sich ziehen könnte. Die Frage die ich mir stelle ist auch, ob die Kassiererin ein Gespür für den jeweiligen Kunden entwickelt, wie bzw. was diese/r auf das Band legt und sich dann ggf. an diese/n anpasst.

    Wie dies für alle Berufe gilt, ist nicht jeder für den Job an der Kasse gesegnet. Denn das Verhältnis von Kunde zur Kassiererin verändert sich minütlich und niemals gleich. Dies verlangt auch im mentalen Sinne eine unglaubliche Flexibilität.

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