Textadventures – tot aber toll

textadvLesen ist out, das Buch ist tot! Wer heute in den eigenen vier Wänden Unterhaltung sucht, sieht fern. Das Programm ist vielfältig, zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar, bunt und klanggewaltig. Das perfekte Unterhaltungsmedium – sollte man meinen.

Umso verwunderlicher scheint es, dass viele Menschen ihr Buch reanimieren und doch lieber lesen statt fernzusehen. Aber eines kennen selbst die fettgefressensten Leseratten. Die Stelle, an der man denkt: „Mensch, das hätte ich aber anders gemacht, so eine blöde Entscheidung!“. Ein Buch zum Mitmachen müsste her. Damit man selbst Entscheidungen für das Handeln, das Wohl und Wehe des Protagonisten treffen kann.
Klingt wie Zukunftsmusik? Ist aber eher ein leises Echo aus der Vergangenheit, denn so etwas gibt es seit langem … und schon fast nicht mehr.

Interaktive Fiktion
Interaktive Fiktion (IF) oder zu englisch interactive fiction, so nennt man das, wenn man selbst Entscheidungsträger in einer Texterzählung werden kann. In Gestalt von Papier präsentiert sich die IF als sogenannte Spielbücher (siehe dazu den Eintrag in der deutschen Wikipedia). Weil die Möglichkeiten der Interaktion in diesen Spielbüchern durch das Medium stark begrenzt sind (Seitenzahl, keine automatische Spielmechanik usw.), bleibt die Zahl der verfügbaren deutschsprachigen Spielbücher einerseits überschaubar, andererseits liefert dies den Anreiz, die neuen Medien zu nutzen und der Interaktiven Fiktion ein neues, virtuelles Dasein zu ermöglichen – in Gestalt von Textadventures (TA).

Textadventures
Das sind Computerspiele, die sich vor allem in den 80er Jahren größerer Beliebtheit erfreuten. Sie sind wie interaktive Bücher am PC; die Geschichte wird als Text präsentiert und muss gelesen werden, die Aktionen des Spielers müssen als Text eingegeben oder von gegebenen Optionen ausgewählt werden. Selten werden Grafiken und/oder Sounds eingesetzt, und wenn, dann nur zur Veranschaulichung. Dadurch sind Textadventures selbst auf den langsamsten Computern spielbar.

Wie man sich das vorzustellen hat, zeigt der folgende Ausschnitt

Du gehst durch ein enge, dunkle Gasse. Rechts ragen backsteinerne Hauswände in die finstere Nacht und auf der Betonmauer zur Linken tummeln sich tanzende Schattenfetzen. Am Ende der Gasse machst du eine düstere Silhouette aus; wohl männlich, mittelgroß, Hut und langer Mantel. Als du nach kurzem Zögern etwas näher herangehst, beäugt dich der Mann misstrauisch. Dann ziehst er langsam, ganz langsam etwas aus seiner Manteltasche. Du glaubst im Dunkeln die Form eines Revolvers zu erkennen.
Was tust du?

1. Ich ziehe meine Browning, schnell, ganz schnell. Und drücke ab.
2. Ich rufe den Mann an. Bleibe aber vorsichtig, immer zu Allem bereit.
3. Ich bewahre die Ruhe und gehe weiter langsam auf ihn zu.
4. Nichts wie weg! Es ist dunkel und wenn ich rasch laufe, wird er mich wahrscheinlich verfehlen.

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100 Teilnehmer einer Umfrage zum Thema Textadventures geben Aufschluss darüber, wie diese heute gesehen werden und ob sie wieder eine kommerzielle Zukunft haben könnten. Außerdem haben wir fünf PC-Spieler Textadventures spielen lassen und sie dazu ganz speziell befragt.

Lisa T. (25) aus Karlsruhe
spielt eher selten am PC,
am liebsten Jump ‘n Run.
Über das gespielte TA sagt sie:
Es war anders als erwartet, viel lustiger und unterhaltsamer. Aber ich habe nur schwer ins Spiel gefunden, wurde ins kalte Wasser geworfen.
Von einem perfekten TA erwartet sie:
Die Geschichte muss spannend sein, sie muss mich fesseln, damit ich dran bleibe. Besonders wichtig ist, dass sie logisch aufgebaut ist. Und auch wenn es nur ein Text-Spiel ist, sollte es optisch ansprechend sein. Angefangen bei der Schriftart bis hin zur graphischen Darstellung. Diese typischen Eingabefenster mag ich nicht besonders. Sie wirken zu technisch. Was spricht gegen ein Textadventure, das im Design an ein Buch oder eine Zeitung erinnert?

Der Text ist der eigentliche und eindeutige Vorteil gegenüber herkömmlichen Computerspielen
(Johannes L.)

Denn der Text lässt viel Raum für die eigene Vorstellungskraft. Bücher lassen den Leser teilhaben, tief in die erzählte Welt eintauchen – es ist seine eigene. Deshalb scheiden sich die Geister bei Buchverfilmungen auch so sehr, denn meist treffen die Filme nicht die Vorstellungen derer, die das Buch zuvor gelesen haben. Bei grafischen Computerspielen verhält es sich genauso; sie geben dem Spieler bereits vor, wie er die Spielwelt zu betrachten hat und zwingen ihm die Vorstellungen eines anderen auf.
Das Textadventure tut das nicht, es gibt dem Spieler die Freiheit des Buches. Und noch viel mehr.

Ich mag Krimis (Anna L.)

Die Umfrageteilnehmer lesen im Durchschnitt manchmal bis oft und Krimis scheinen da sehr beliebt zu sein: über die Hälfte lesen sie am liebsten und etwas mehr als die Hälfte hätten gerne ein Krimi-Textadventure, bestenfalls mit kniffligen Rätseln. Ohnehin finden 66 der 100 Befragten Textadventures sehr interessant, auch wenn 45% vor der Umfrage nicht einmal wussten, was das ist. Besonderen Wert legen die Befragten dabei ganz deutlich darauf, dass die erzählte Geschichte gut ist, gefolgt von gutem Schreibstil. Als mittelwichtig wird die Handlungsfreiheit empfunden.

Anna L. (21) aus Karlsruhe
spielt manchmal am PC,
am liebsten Computer-Rollenspiele.
Über das gespielte TA sagt sie:
Es war gut geschrieben und hat Spaß gemacht zu lesen; nach kurzer Eingewöhnung war es auch leicht zu handhaben. Die Rätsel waren toll.
Von einem perfekten TA erwartet sie:
… dass es ein Krimi ist oder Fantasy. Mit relativ großer Spielfreiheit (also mehrere Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten), aber das Spiel sollte dabei trotzdem in eine Richtung lenken und relativ viel Text bieten, damit man sich die Dinge gut vorstellen kann.

Heutzutage haben Textadventures überhaupt keine Zukunft mehr (Oliver S.)

Heute werden Textadventures nicht mehr kommerziell vertrieben. Ökonomisch gesehen sind sie tot.
Aber tatsächlich leben sie noch. Die von freien Entwicklern auf Englisch geschriebenen Titel übersteigen mittlerweile sogar die Anzahl der jemals kommerziell veröffentlichten. Und übertreffen sie häufig qualitativ.

Oliver S. (22) aus Pforzheim
spielt sehr oft am PC,
am liebsten 3d-Shooter.
Ob er sich ein TA kaufen würde?
Öhm… nein.
Über die Zukunft der TAs denkt er:
Heutzutage haben TAs überhaupt keine Zukunft mehr. Sie sind nur noch nostalgisches Beiwerk. Ein bisschen was lesen ist ja nicht schlecht, aber wenn, dann lese ich lieber gleich ein Buch, auch wenn ich dann keinen Einfluss auf die Handlung habe.

In Deutschland
Die Zahl der auf Deutsch verfügbaren Textabenteuer ist überschaubar. Genauso die Zahl derer, die sie verfassen. Dennoch gibt es Menschen, die vor allem über das Internet mit anderen Interessierten kommunizieren und sogar jährlich einen Textadventure-Wettkampf veranstalten, bei dem zwischen drei und zehn Titel um die Gunst der Juroren buhlen. Dieser Austausch bringt immer mehr immer bessere deutschsprachige Abenteuergeschichten hervor.
Aber was wollen die Spieler wirklich?

Johannes L. (31) aus Wachenheim a.d. Weinstraße
spielt heute manchmal am PC, früher eher öfter,
am liebsten Computer-Rollenspiele.
Über die Zukunft der TAs denkt er:
Größeres Interesse dürfte diese Art von Spielen nur bei Lesefreudigen wecken; allen anderen Computerspielern dürfte ganz einfach „die Grafik zu schlecht“ sein. Meiner Erfahrung nach legt die erstgenannte Gruppe auch mehr Wert auf eine gute, stimmige, spannende Story als auf Effekte. Wenn man dieses Publikum ansprechen will, sollte das vor allem über die Story und die Texte geschehen.

Wenn man ein TA mit einem Buch vergleicht, sollte Interaktion vor allem dann stattfinden, wenn man als Leser beim Lesen eines Buches denkt: „Hier hätte ich aber etwas anderes gemacht.“ Oder natürlich bei wirklichen Rätseln. (Johannes L.)

Zusammenfassend haben die Umfrageteilnehmer und unsere Testspieler uns ein Rezept geschrieben, wie das schmackhafteste Textadventure zubereitet sein muss:

Als Basis nehmen wir den logischen Krimiplot, würzen ihn mit etwas Spannung, rühren das Ganze mit einem guten Schreibstil um, streuen eine handvoll kniffliger Rätsel darüber und lassen es bei mittlerer Handlungsfreiheit gut durchziehen. Danach wird alles auf eine umfangreiche Text-Grundlage geschüttet – niemals auf ein typisches Eingabefenster, sonst wird es ungenießbar! Garnieren können wir es mit passender Schriftart und einigen wenigen Farben und Bildern. Aber Vorsicht: Zu viele Bilder verderben das Gericht und es könnte ein Grafikadventure dabei herauskommen…
Zum krönenden Abschluss stecken wir an den dafür vorgesehenen Stellen etwas Interaktion hinein und fertig ist das perfekte Textadventure!
Und nach diesem Genuss können wir mit Fug und Recht konstatieren:

Lesen ist in, das Buch lebt und Alle dürfen mitmachen!

Das haben unsere Testspieler gespielt
Begegnung am Fluss
Das Mädchen und der Wolf

Die Umfrageergebnisse
Umfrage zu Textadventures – Auswertung

Die wichtigste deutsche Seite für Textadventures
http://ifwizz.de/

Spielempfehlungen (online spielbar)
Starrider
Zwei Jahre später
Jazz auf Tegemis

Michael Leicht

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Eine Reaktion zu “Textadventures – tot aber toll”

  1. Linda

    Hallo Herr Leicht!

    Interessanter Artikel.
    Ich beschäftige mich seit Anfang diesen Monats, im Rahmen eines Uni-Projekts, mit dem gleichen Thema.

    Wie geht es jetzt weiter nach der Auswertung der Umfrageergebnisse?

    Viele Grüße,
    Linda

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