Geschickt eingefädelt, die ‘neue’ Welle der Handarbeit

Foto: franziskas garten

“Socken stricken? Das macht doch nur meine Oma!” Eine Aussage, die vielleicht zutrifft, aber nicht ganz der Wahrheit entspricht. Immer mehr junge Menschen – im Fokus stehen die Frauen – entdecken die gute, alte Handarbeit für sich. Ob nun die klassischen Topflappen häkeln, Schal und Mütze stricken oder einfach nur Hosenbeine kürzen: Selbst ist die Frau. Die Beweggründe sind ebenso unterschiedlich wie die Materialien und Personen selbst.

Dank der Industrialisierung ist es heute nicht mehr zwingend notwendig handwerkliches Geschick an den Tag zu legen. Maschinen übernehmen so gut wie alles. Strumpf, Schal und Co. werden automatisch gestrickt und genäht. Der Verbraucher muss nicht mehr tun als zu bezahlen. Selbst den Weg in ein Geschäft kann er sich sparen, dem Internet sei Dank. Aber weshalb machen sich dann Menschen noch die Arbeit und fertigen solche Dinge von Hand?

“Weil es mich fasziniert, wie sich ein Stück Stoff zum Beispiel in ein Kleidungsstück verwandelt”, sagt Anna. Die Designstudentin hat bereits in ihrer Kindheit gestrickt und “schon immer gerne gebastelt.” Durch die Tante wurde dann das Interesse am Nähen geweckt. Dazu die 26-jährige: “Das hat mich fasziniert, wenn meine Tante für meine Puppen etwas genäht hat. Das erste Mal selbst genäht habe ich dann aber bei der Mutter einer Freundin.” Anna berichtet, dass sie sich gemeinsam mit drei Freundinnen in der sechsten Klasse regelmäßig getroffen haben, um zu nähen und zu stricken. “Dann gab es eine längere Pause, in der ich wenig (Handarbeiten) gemacht habe. Bis ich mit 19 eine Nähmaschine geschenkt bekommen habe. Seitdem nähe ich sehr gerne und immer mal wieder.”

Handarbeiten anno dazumal

In früheren Zeiten waren Handarbeiten zwingend notwendig. Einen Schal aus dem Kaufhaus konnten sich die wenigsten leisten. Die Wolle war unter Umständen erschwinglich. Voraussetzung war allerdings, dass es sie zu kaufen gab – schließlich herrschte besonders in der Nachkriegszeit ein allgemeiner Mangel an Gütern. Damals wurden kurzerhand vorhandene Wollpullover aufgetrennt und zu neuen Kleidungsstücken verarbeitet. Selbst vorhandene Hosen, Röcke und Jacken wurden umgenäht. Wer neue Kleider wollte, der musste zuweilen erfinderisch und durchaus geschickt sein.

Foto: Joachim S. Müller

Das nötige Wissen wurde entweder durch die Mutter oder Großmutter sowie durch den Unterricht in den Schulen vermittelt. Es war üblich, dass Mädchen ebenso kochen als auch nähen, stricken und häkeln erlernten. Betrachtet man heutige Schulpläne sucht man diese Themen wohl vergebens.

“Ich habe das (Stricken) noch in der Schule gelernt. Und das sogar bei einer Lehrerin, von der bereits meine Mutter unterrichtet wurde”, berichtet Katharina. Sie besuchte eine Klosterschule und lernte dort unter anderem Stricken und Häkeln. Ihr Wissen hat sich die 24-jährige bis heute erhalten. “Nähen habe ich dann noch von meiner Mama selbst gelernt”, ergänzt sie. Schließlich sei das überaus praktisch, bemerkt sie noch, denn so kann sie Dinge so gestalten, wie sie es gerne hätte.

Ausgefallenes trifft praktisches

Der Ruf nach Individualität und Kreativität ist in den letzten Jahren, besonders im Bereich der Mode, immer lauter geworden. Diese Tendenz kann auch Hamdin Senci bestätigen. “Die Leute wollen keine Kleidung von der Stange mehr, sie wollen selbst kreativ sein und Dinge nach ihren Vorstellungen gestalten”, berichtet der Eigentümer des Nähzentrums Senci.

Teilausschnitt einer Lichterkette, die mit Erdbeeren umhäkelt wurde.

Sein Geschäft, welches sich in der Karlsruher Amalienstraße befindet, bietet neben einer großen Auswahl an Kurzwaren, Stoffen und Wolle auch Nähmaschinen und Nähkurse an. Herr Senci konnte in den vergangenen 24 Monaten eine steigende Nachfrage feststellen. “Es ist ein jüngeres Publikum geworden, auch bei den Nähkursen.” Betrachtet man die unterschiedlichen Altersgruppen, so stellt man fest, dass viele “Neulinge” der Gruppe der 20- bis 40-jährigen angehören. “Die Älteren, so über 60, machen da schon weniger. Die Jungen sind einfach interessierter”, so Hamdin Senci.

Genäht wird selbstverständlich nicht nur für die eigene Person, sondern auch für ein gemütliches Zuhause oder für Freunde. Ein selbst gestaltetes Geschenk, mag es noch so einfach sein, ist letztlich immer ein Hingucker. “Handgemachte Geschenke kommen von Herzen. Man weiß, dass die Person sich länger damit beschäftigt hat und es etwas besonderes ist”, sagt Anna.
Dinge, die man aus eigener Kraft geschaffen hat zeigen die eigenen Grenzen und erfüllen einen, wenn sie erfolgreich abgeschlossen wurden. So sagt Katharina, dass sie stolz ist auf ihre selbst genähten Vorhänge und meint dazu : “Die hätte ich so nie bekommen, schon gar nicht für das Geld.”

Geld spielt keine Rolle?

Verglichen mit der Mode von der Stange sind selbstgemachte Sachen meist teurer. Stoffe, Wolle, Garn und weiteres Zubehör ist nicht immer günstig. Sparen wollen die jungen Frauen nicht zwangsläufig, viel mehr legen sie großen Wert auf das (Er-)Schaffen an sich. “Das Auswählen des Stoffes und das Versuchen, Scheitern, Weitermachen und schließlich doch ans Ziel kommen ist ein Prozess, der mich lange beschäftigt hält, meinen Ehrgeiz weckt und mich letztlich stolz macht, wenn alles geklappt hat”, bestätigt die Designstudentin Anna. Katharina bejaht dies und fügt hinzu: “Aber es ist schon toll zu wissen, dass ich mir eine Hose selbst kürzen kann und nicht auf eine Schneiderei angewiesen bin.”

Der Wandel vom großmütterlichen Stricken auf dem Sofa hin zum jungen, kreativen Arbeiten ist voll im Gange. Handarbeit hat sich zu einem modernen Hobby gemausert, welches Jung und Alt verbindet. Der Spaß steht definitiv im Vordergrund, ebenso wie die Tatsache Dinge so zu gestalten, wie es den eigenen Vorstellungen entspricht. Weniger wichtig ist es den meisten Individuelles zu fertigen.

Wer selbst nicht die Muse zur Handarbeit hat, der kann auf Seiten wie DaWanda oder Etsy Unikate kaufen.
Den Lesern, die nun neugierig geworden sind, helfen vielleicht Nähkurse oder andere Handarbeitskurse ihre kreative Ader zu entdecken. Viel Spaß dabei!
Anna-Meta Langenfeld

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Eine Reaktion zu “Geschickt eingefädelt, die ‘neue’ Welle der Handarbeit”

  1. Willi

    Guter Artikel, bietet viele Infos zu einem etwas vergessenen Thema. Da wurde in Trend erkannt und darüber geschrieben und sich nicht nur irgendwo drangehängt.

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