Der Stress mit dem Stress

“Ich bin so gestresst. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das alles schaffen soll.” Aussagen wie diese kennt jeder. Ob im Büro, in der S-Bahn, im Seminarraum oder in der Kantine – das Wort ‘Stress’ ist in aller Munde. Dennoch sind Stress und dessen Folgen ein regelrechtes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Warum, fragt man sich da, denn schließlich hat jeder mal einen ‘stressigen’ Tag. Was es aber wirklich bedeuten kann, unter Stress zu leiden, wie er entsteht und wie er sowohl Körper, als auch Seele beeinflusst, darüber spricht so gut wie niemand. KA.mpus hatte die Gelegenheit mit zwei Betroffenen sprechen zu können.

Stress hat viele Gesichter

Tim* und Marie* sind Studenten. Beide wirken ganz ‘normal’, fast schon entspannt im Gespräch mit KA.mpus. Es scheint regelrecht absurd diese beiden in einem Zusammenhang mit dem Begriff ‘Stress’ zu sehen. Die Frage, ob sie tatsächlich darunter leiden oder ob es nur Einbildung ist, drängt sich förmlich auf.

“Ich habe wirklich darüber nachgedacht, ob ich mir das nicht alles einbilde und es in Wirklichkeit nicht so schlimm ist”, sagt Marie. Die junge Frau berichtet auch davon, dass sie sich anfangs nicht getraut hat mit den Eltern darüber zu sprechen. Die Angst, nicht ernst genommen zu werden, sei zu groß gewesen. Schließlich hätten diese dann doch gemerkt, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimme. Maries Erleichterung, dass die Eltern das Problem anerkannten, war groß.

Foto von Éole

Foto von Éole

Tim berichtet, dass er seit Beginn seines Studiums ein latentes Stressgefühl empfindet. “Ich habe einfach permanent das Gefühl, dass ich einer großen Erwartungshaltung unterliege. Einer Erwartung gerecht zu werden, die ich scheinbar niemals erfüllen kann, das setzt mich enorm unter Druck”, ergänzt er.

Das Phänomen Stress, welches anfangs als Manager-Krankheit angesehen wurde, breitet sich rasch aus. Schätzungen nach fühlen sich etwa vierzig Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland von ihrer Arbeit überfordert. In einer schnelllebigen und leistungsorientierten Gesellschaft gehört das scheinbar zum Alltag dazu. Es ist nachweislich ein Irrglaube, dass Führungskräfte mehr Stress ausgesetzt sind als einfache Arbeiter.

Stress ist ursprünglich ein englisches Wort und bedeutet so viel wie Druck.

Statistisch gesehen ist Stress nach Rückenschmerzen das zweitgrößte Gesundheitsproblem in unserer Gesellschaft. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) schätzt, dass etwa 40 Millionen Menschen von Stress am Arbeitsplatz betroffen sind. Die Europäische Union (EU) hat Kosten in Höhe von 20 Milliarden Euro ermittelt, die jährlich durch Fehlzeiten und Krankheitsfälle, als Folgen von Stress, entstehen. Nach eigener Aussage der EU sind 50-60 Prozent der Fälle auf Stress zurückzuführen.

Was ist Stress eigentlich?

Den Stressbegriff, wie wir ihn heute benutzen, brachte der österreichisch-kanadische Biochemiker Hans Selye in den Sprachgebrauch ein. In den 1930er Jahren entwickelte er die Grundlagen für die Stresslehre. Selye definierte Stress als einen “akuten Spannungszustand des Organismus, der gezwungen ist, seine Abwehrkräfte zu mobilisieren, um einer bedrohlichen Situation zu begegnen”. Das bedeutet also, dass Stress eigentlich etwas Gutes und generell nicht schädlich ist. Schließlich würde es uns sonst nicht gelingen in einer gefährlichen Situation, wie beispielsweise im Straßenverkehr, zu reagieren. Lediglich zu viel und dauerhafter Stress schädigen den Menschen.

Die Forschung unterscheidet zwei Arten von Stress: den positiven Stress (Eustress) und den negativen Stress (Disstress). Letzterer tritt in Situationen der Über- oder Unterforderung auf, während Eustress bei mittlerer Belastung zu erfahren ist.

Der Stressforscher Selye entdeckte, dass der menschliche Körper auf Stressfaktoren reagiert. Er bezeichnete dies als Stressantwort. Damit ist ebenso ein bewährter kurzfristiger, natürlicher Schutz gemeint, als auch die Gelegenheit sich einer neuen Situation anzupassen. Selye stellte weiter fest, dass sich Stress in mehrere Phasen unterteilen lässt.

Alarmreaktion und Anpassungsreaktion

Zunächst stellt sich die Alarmreaktion ein. Der Körper stellt mehr Energie bereit, um mögliche Auseinandersetzungen oder eine Flucht aus der Situation zu ermöglichen. Parallel dazu läuft die Anpassungsreaktion ab. Das Hormon der Nebennierenrinde, Cortisol, wird ausgeschüttet. Dieses hat eine entzündungshemmende Wirkung und soll bei möglichen Verletzungen helfen.

Da aber in der Gesellschaft oftmals erwartet wird, dass Wut und Ärger hinuntergeschluckt werden, kann die überschüssige Energie nicht genutzt werden. Das Cortisol wird dennoch weiter ausgeschüttet. Das wiederum hat zur Folge, dass der Organismus nicht auf einen ‘normalen’ Betrieb zurück gehen kann – schließlich erwartet er immer noch eine Verletzungsgefahr. Durch einen permanent erhöhten Cortisolwert kann das Immunsystem geschwächt werden. Forscher vermuten sogar, dass Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck und Arterienverkalkung sich unter diesen Umständen vermehrt ausbreiten.

Fällt der Wert des Cortisols nun schlagartig ab, sinkt er also unter normal, so können Angst, Depressionen und ein nachlassendes Gedächtnis im Alter die Folgen sein. Neben der Eigenschaft Entzündungen zu lindern, hemmt Cortisol den Hippocampus, der enorm wichtig ist für die Überführung von Gedächtnisinhalten in das Langzeitgedächtnis. Die Forschung diskutiert deshalb auch über einen Zusammenhang zwischen Stress und Alzheimer.

Stress, wie äußert sich das?

Aus medizinischer Sicht wirkt sich der Druck des Alltags in erster Linie auf den Körper aus. Gestresste Menschen klagen oftmals über Erschöpfung, Müdigkeit, Kopfschmerzen und vieles mehr. Dass die Seele ebenfalls darunter leidet scheint nachvollziehbar.

Sowohl Tim als auch Marie kennen diese Beschwerden. Anfangs denkt sich die 26-jährige nichts dabei, als sie Nacht für Nacht nicht einschlafen kann. Marie: “Morgens war ich unglaublich müde, antriebslos und wollte nicht aufstehen. Am Abend konnte ich nicht einschlafen. Mein ganzer Rythmus hatte sich verschoben.” Selbst der Versuch, sich strikt an Schlafenszeiten zu halten, scheiterte. Zum gleichen Zeitpunkt stellt die junge Frau fest, dass sie generell lustlos ist. Zu den Gefühlszuständen kommen körperliche ‘Symptome’. Die Haare fallen ihr verstärkt aus, sie nimmt stetig an Gewicht zu – trotz Sport.

Bei Tim hingegen zeigt sich der Stress nicht körperlich. “Jedenfalls ist mir nichts aufgefallen. Vielleicht lassen sich meine Kopfschmerzen damit begründen”, meint der 25-jährige. In seinem Verhalten zeigte sich der Stress. “Ich habe dann mehr geraucht und verstärkt Alkohol getrunken.” Er habe außerdem festgestellt, dass seine Ängste größer wurden. Die Angst zu versagen war und ist enorm groß.

Herz-Kreislauf-Probleme können eine weitere Auswirkung von Stress sein. Arbeitsmediziner schätzen, dass ca. 10.000 der Herzinfarkte durch weniger Stress vermieden werden könnten, das entspricht etwa 10 Prozent aller Fälle.

Aber wie kann ein Student denn unter Stress leiden? Sicherlich sind manche Studiengänge arbeitsintensiv als andere, aber die ausführlichen Semesterferien sind doch Ausgleich genug. Doch an dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Stress individuell ist. Was für den Einen eine Überforderung ist, schafft der Andere mit Leichtigkeit.

Hilfe von außen

Marie beschließt irgendwann zu ihrem Hausarzt zu gehen. Neben einer medizinischen Untersuchung nimmt dieser sich Zeit, der jungen Frau zuzuhören. Die Diagnose: Die junge Frau zeigt Züge des sogenannten Burn-out-Syndroms. Eine psychologische Beratung hinzuzuziehen, hält der Mediziner für sinnvoll. Zunächst versucht Marie das Problem alleine zu lösen, entschließt sich dann aber doch eine Termin bei der Beratungsstelle zu vereinbaren.

Erfahrungen mit psychologischer Hilfe hat Tim bereits gemacht. “Ich bräuchte jetzt eigentlich auch wieder Hilfe von jemand anderem, aber den passenden Therapeuten zu finden ist schwierig. Außerdem sind die Wartezeiten ziemlich lange”, weiß er. Drei Monate verbrachte er in stationärer Behandlung. Der junge Mann berichtet: “Das war wie ein Schonraum. Da war kein Druck von außen, kein Stress. Man konnte sich einfach fallen lassen.” Das Gefühl der Angst, dass die Anderen einen nicht ernst nehmen würde, habe nicht existiert. “Die waren auch gestresst und da fiel es leichter sich zu öffnen”, ergänzt Tim.

Beide berichten KA.mpus davon, dass es ihnen viel geholfen hat ihre Situation anzuerkennen. “Das ist wohl das Wichtigste”, meint Marie und Tim ergänzt: “Von anderen mit gleichen Problemen zu wissen, zu sehen, dass man nicht alleine ist und das zu akzeptieren, nimmt einem die Angst und die Hemmungen.” Es ist also völlig in Ordnung gestresst zu sein, man sollte lediglich darauf achten, dass es nicht zu viel wird und sein ideales Maß Stress finden.

Weitere Informationen und erste Hilfe gibt es bei der Studienberatung oder bei der Beratungsstelle der Stadt Karlsruhe.
Wer sich zusätzlich noch mit dem Thema befassen will, dem seien die Karlsruher Stresstage 2010 ans Herz gelegt.

(*Namen von der Redaktion geändert)

Anna-Meta Langenfeld

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