Buchrezension: Teheran Revolutionsstraße

Der 39-jährige Fattah ist Chefleiter einer Teheraner Klinik. Dort flickt er als Operateur die Jungfernhäutchen junger Frauen zusammen, die ihre Unschuld vorehelich verloren und die Ehren ihrer Familien damit beschmutzt haben. Als eines Tages die 17-jährige Schahrsad auf dem Operationstisch liegt, ahnt er noch nicht, dass er sich später Hals über Kopf in das hübsche Mädchen verlieben würde. Entschlossen dazu, bei Schahrsads Familie um eine Heirat mit ihr zu werben, spitzt Fattah die Handlung auf dramatische Art und Weise zu, denn er ist nicht die einzige Person, die um Schahrsads Gunst kämpft…

Der Protagonist als Spiegelbild einer Gesellschaft

Der 54-jährige Autor des Romans, Amir Hassan Cheheltan, porträtiert mit dem Protagonisten Fattah das Spiegeldbild einer zwielichtigen iranischen Gesellschaft, die selbst Jahre nach der Islamischen Revolution nach einer festen Identität sucht. Fattah ist dabei nicht nur Hymen-Operateur; er ist auch Geheimdienstagent und strenger Verfechter der Islamischen Revolution, für die er auf den Straßen Teherans gekämpft hat. Als Geheimdienstler schreckt er vor nichts zurück. Im Auftrag der Regierung tötet er, meist an der Seite seiner Kollegen Asis und Keramat, erbarmungs- und schonungslos Gegner der Regierung.

Obgleich sich Fattah nach außen hin als strenggläubiger Muslim und hartgesottener Befürworter der theokratischen Regierung präsentiert, gewährt der Erzähler immer wieder Einblicke in die zwielichtige Gestalt des Klinikchefs. Dabei wird Fattah vom Leser nicht nur als regelmäßiger Trinker entlarvt. Auch seine sexuellen Sehnsüchte und Bedürfnisse blicken unverhohlen auf. Ausschlaggebend hierfür ist allen voran seine Patientin Schahrsad, deren hübsche Gesichtszüge schmerzende Erinnerungen in Fattah hervorrufen. Er erkennt in dem hübschen Mädchen die Gestalt Googooshs wieder, einer iranischen Popsängerin, die während seiner Jugendzeit immerfort seine Sinne geraubt hatte.

Doch Fattah ist nicht der einzige, der sich in Schahrsad verliebt. Mustafa, ein junger Wärter des berüchtigten Gefängnisses Evin, ist Schahrsads großen dunklen Augen ebenso erlegen. Als Mustafa daraufhin Schahrsads Familie um ihren Segen bittet, scheint eine Vermählung der beiden nur noch eine Frage der Zeit zu sein – bis Fattah auftaucht, und ebenfalls um eine Hochzeit mit Schahrsad wirbt. Die Zwickmühle, in der sich das Mädchen und ihre Familie befinden, ist der Ausgangspunkt einer weiteren Handlung, die schnurstracks auf die Katastrophe zusteuert…

Historische Aufklärung

Cheheltan reduziert den Plot seines Romans nicht nur auf die bloßen Handlungen seiner Figuren; er richtet den Fokus des Lesers ebenso auf die poröse iranische Gesellschaft, die in den post-revolutionären Jahren nach Identität und Stabilität sucht. Dabei beleuchtet Cheheltan auch die historischen Ereignisse vor und nach der Revolution, die er durch die Lebensläufe seiner Figuren auf geschickte Art und Weise erzählt. Er betreibt damit fast schon eine Art geschichtliche Aufklärung.

Teheran Revolutionsstraße ist gewiss keine Lektüre, die sich für das schnelle Lesen nebenbei empfiehlt. Obwohl die Übersetzerin, Susanne Baghestani, durch gezielte Fußnoten den Versuch unternimmt, dem Leser historische Personen und Ereignisse sowie kulturelle Aspekte verständlich zu machen, sollte man sich beim Lesen des Romans ausreichend Zeit nehmen und auch nicht davor zurückschrecken, das ein oder andere Geschehnis im Netz nachzulesen. Für Kenner oder Interessierte an der iranischen Kultur und Gesellschaft zählt das Werk hingegen fast schon zur Pflichtlektüre.

Amir Hassan Cheheltan: Teheran Revolutionsstraße.
P. Kirchheim Verlag, November 2009.
208 Seiten, gebunden, 22,00 €
(ISBN) 978-3-87410-111-0

Amin Mir Falah

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