Zukunftsmusik – Was hören wir morgen und wie?

Wie alt die Musik ist, weiß keiner so ganz genau. Ebenso nicht, wie sie tatsächlich entstand. Auch über ihre ursprüngliche Funktion lässt sich nur spekulieren. Fest steht nur, dass sie die Menschen wohl schon sehr lange begleitet, was erst vor kurzem durch den Fund einer 35.000 Jahre alten Knochenflöte eindrücklich belegt wurde.
Es war ein langer Weg von diesem Ur-Instrument bis zum Synthesizer, von einer wohl überschaubaren Anzahl an Melodien bis zur heutigen Ausdifferenzierung der Musik in unzählige Genres und Nischen. Sind mittlerweile alle Genres erfunden, alle Klangfarben entdeckt worden? Entwickelt sich die Musik noch weiter? Oder geht unser Musikleben dank all den Casting-“Talenten“ und einer seit Jahren kriselnden Plattenwirtschaft langsam aber sicher den Bach herunter? Wagen wir einen Blick in die Zukunft der Musik!

Sinn und Unsinn von Zukunftsprognosen

Natürlich ist es viel Spekulation und Spinnerei, die Zukunft wovon auch immer prognostizieren zu wollen. Zukunft ist kein bestelltes Paket, dessen Inhalt man schon Tage zuvor genau kennt. Dennoch existiert wissenschaftliche Zukunftsforschung und ist in Bereichen wie der Soziologie oder der Klimatologie durchaus nützlich. Zuverlässige Aussagen über die zukünftige Entwicklung einer Kunstform wie der Musik sind allerdings nur schwer möglich. Zu viele unberechenbare Faktoren spielen mit hinein – wie lassen sich kreative Einfälle denn auch prognostizieren?
1962 sagte die Plattenfirma Decca den Beatles eine dunkle Zukunft voraus, denn Gitarrenmusik sei am Aussterben. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Trotzdem kann man die Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte betrachten und Überlegungen anstellen, wo es mit der Musik in der Zukunft tendenziell hingehen könnte. Musik, das heißt hier: Genres und Instrumente genauso wie Konsumverhalten und Medien.

„Musik wie Wasser“

Wir alle sind Zeitzeugen eines einschneidenden Wandels in der Musikwirtschafts- und Medienlandschaft. Die digitale Revolution begann mit dem Aufkommen der CD und ist mit der schier endlosen Verüfgbarkeit von Musik im Internet noch lange nicht abgeschlossen. Musik gibt es heute kostenlos (und meist illegal) bei Online-Tauschbörsen. Die großen Plattenfirmen verfolgen Filesharer immer noch wie Verbrecher. Doch mit dem Medienwandel hat sich auch unser Konsumverhalten und ebenso der Musikmarkt verändert.

Die Autoren David Kusek und Gerd Leonhard behandeln in ihrem Buch „Die Zukunft der Musik“ die Lage der Musikwirtschaft und wie es mit ihr weitergehen kann. Ihre Grundidee für die Zukunft ist das Schlagwort „Musik wie Wasser“. Musik sollte wie fließendes Wasser in jedem Haushalt verfügbar sein und über eine monatliche Pauschale abgerechnet werden. So hat der Konsument zu einem fixen Tarif freien Zugriff auf quasi abonnierte Musik. Die kann als Stream aus dem Internet kommen oder als Datei auf seinen Rechner oder MP3-Player wandern. Durch das neue Bezahlsystem werden die Künstler gerecht entlohnt, was beim Filesharing nicht der Fall ist. Nach der Meinung der Autoren sind Musikhörer heutzutage durchaus bereit, für Musik zu zahlen. Nur die Angebote und Geschäftsmodalitäten müssten sich verändern, CDs sind für sie schlichtweg zu teuer und unflexibel. Außerdem muss sich die Musikindustrie davon verabschieden, hauptsächlich an CDs zu verdienen. Live-Events und Fanartikel werden dafür bedeutsamer, eine große Nachfrage danach besteht.
Streaming-Angebote wie last.fm, Grooveshark und Spotify zeigen auf, in welche Richtung die Verbreitung von Musik im Internet gehen kann. Audio-Streams sind das moderne Radio, ein potentielles neues Massenmedium. Ihnen könnte die Zukunft gehören.

KA.mpus hat mehrere Musikhörer (hauptsächlich Studenten zwischen 20 und 30) zu ihren Hörgewohnheiten und ihren Ansichten über Musik und deren Zukunft befragt. Fast alle Befragten kaufen sich noch CDs, mehr sogar als MP3/AAC. Ein Teilnehmer kritisierte den Qualitätsverlust bei MP3, manche Klangfetischisten greifen sogar noch zum Vinyl. Für Musik bezahlen will fast jeder, allerdings werden die CD-Preise und Urheberrechts-Regelungen kritisiert. Ein Pessimist will gar nichts kaufen, so lange sich die Musik nicht ändere.
Musik hören im Internet ist den Umfrageteilnehmern aber genauso vertraut wie das Kaufen von CDs. YouTube ist hierbei Quelle Nummer eins, auch Streaming-Angebote (Grooveshark, last.fm) wurden mehrfach genannt. Online-Radio ist beliebt, wobei hier fast jeder einen eigenen, geheimen Lieblingssender hat. Der kann dann auch schon mal aus den USA, Russland oder Ungarn kommen.

Future Sound Of Music

Wie klingt die Zukunft? Mögliche Antworten bietet – Überraschung! – die Vergangenheit.
Es ist ein Merkmal der Popmusik, dass sie sich in wiederkehrender Regelmäßigkeit an den Ideen ihrer eigenen Geschichte bedient. Ob es der Sound der 60er, 70er oder 80er ist – irgendwann wird er wieder angesagt, ob in der weit verbreiteten Chartmusik oder in irgendeiner Nischenkultur. Hits der 90er-Jahre werden schon jetzt auf speziellen Parties dafür gespielt. Vielleicht überschwappt uns bald eine Coverwelle aus Songs von Mr. President, No Mercy und Ace of Base. Und die 2000er sind ja auch schon wieder vorbei und voller Musik…

Post-Nu-Hyper-Future-Meta-Style

Können heute überhaupt noch neue Genres entstehen? Oder ist im Zeitalter von Pagan Metal, Freak Folk und Cosmic Disco nicht schon jede noch so kleine Stil-Nische ausgelotet worden?
Meistens taucht ein Genre nicht einfach so aus dem Nichts auf. In den meisten Fällen vereinen sich verschiedene Elemente aus bestehenden Stilen und werden dann zu etwas Neuem, was eine andere Qualität und Charakteristik hat als die „Muttergenres“. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Dubstep (Soundbeispiel hier), eine Stilrichtung, die sich in den 2000er-Jahren in Großbritannien entwickelt hat. Dubstep ist elektronische Musik, die Elemente aus Drum & Bass, Reggae, Dub und 2 Step vereint. Trotz dieser Einflüsse ist Dubstep tatsächlich eine neue Musikrichtung mit ihrer ganz eigenen Ästhetik und neuen, zuvor ungekannten Stilmerkmalen geworden.
Es wird wohl keinen hundertprozentig neuen Stil geben. Doch vielleicht wird sich ja eines Tages die Musik von Außerirdischen mit unserer vermischen…

Die Teilnehmer der KA.mpus-Umfrage sind sich in der Mehrheit einig, dass es wohl keinen genuin neuen Stil geben wird. Die Grundstimmung ist aber optimistisch, dass sich die Musik weiterentwickeln und neue, spannende Genres hervorbringen wird.
Die Antworten auf die Frage, welche Stile sich doch mal mischen (oder gar neu entstehen) sollten, fielen bunt gemischt aus. Rock mit Mainstream, Jazz mit malaysischer Volksmusik, Noise mit Pop – wenn es nach den Umfrage-Teilnehmern geht, dürfen alle Grenzen aufgesprengt werden. Bleibt abzuwarten, wie sich die Vorschläge Orgasmotronic und Volksschranz anhören könnten…

Laptops und iPhones als Instrumente

Technische Entwicklungen gehen oft Hand in Hand mit der Entstehung neuer Musikstile, wie z.B. die Entwicklung und Verbesserung der E-Gitarre für Rockmusik oder die Verbreitung von Synthesizern und Samplern für elektronische Stilrichtungen. Besonders im 20. Jahrhundert hat sich das Instrumentarium immens erweitert. Der Computer ist zum Masseninstrument geworden. Kids weltweit basteln Sounds am heimischen Rechner und Bands erweitern ihr Klangspektrum mit einem Laptop auf der Bühne.
Die Zukunft der Instrumente hat schon längst begonnen. (Elektronische) Musikinstrumente werden immer erschwinglicher, kleiner und transportabler. Für das iPhone und das iPad gibt es zahlreiche Apps, mit denen Musik gemacht werden kann. In der nahen Zukunft werden aus kleinen mobilen Krachmachern wohl ernstzunehmende Instrumente geworden sein, die sich live und im Studio flexibel einsetzen lassen.

Der Fortschritt der Technologie und des Instrumentenbaus ist für viele Umfrage-Teilnehmer essentiell für die Weiterentwicklung der Musik. Der Computer wird am meisten genannt, wenn nach dem innovativsten Instrument des 20./21. Jahrhunderts gefragt wird. Auch geschätzt in diesem Zusammenhang werden die E-Gitarre, das Saxophon und Außenseiter wie das Theremin. Dem Computer und der elektronischen Klangerzeugung wird eine weiterhin wichtige Rolle vorausgesagt. Ergänzend zum Fortschrittsglauben machen sich auch Leute dafür stark, dass die hergebrachten Instrumente weiter benutzt werden sollen. Das macht ja für Bach und Beethoven, aber auch für die Beatles durchaus Sinn.

Musikinformatik-Studenten an der Hochschule für Musik Karlsruhe entwickeln in ihrem Studium eigene elektronische Musikinstrumente, wie z.B. das Chirotron, ein musikalischer Handschuh von Matthias Schneiderbanger.

„Das Neue kommt von alleine“

Was ist eigentlich mit der Klassik und der zeitgenössischen Musik? Wie könnte die Zukunft denn für die Musik aussehen, die an den Musikhochschulen und Konservatorien dieser Welt gelehrt wird?
Markus Hechtle, Komponist aus Karlsruhe, findet es wichtig, sich über Musik Gedanken zu machen und sich um sie zu sorgen. Doch in einem Aufsatz lehnt auch er eine präzise Zukunftsprognose ab:
„Das Neue kommt von alleine, unaufhaltsam, aber eben auch unplanbar und unberechenbar. Mein Vertrauen in das Neue ist ungebrochen, ich muss mich nicht darum kümmern, muss es nicht beschwören oder gar züchten. Das Neue tritt ein, bricht herein und ist dann plötzlich da, wir begegnen ihm zufällig, es überrascht uns wahrscheinlich dort, wo wir es am wenigsten vermutet hätten.“

Spekulieren können und dürfen wir viel. Der Mensch darf sich gerne Gedanken über die Zukunft machen und sie nach seinen Vorstellungen mitgestalten, auch in der Musik. Doch sollte man die Worte Wilhelm Buschs im Hinterkopf behalten: „Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“

Friedemann Dupelius

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