Künstlerportrait: Volker Stoll


„Bilder sind Fenster in eine andere Welt“, sagt Volker Stoll. Sein Schaffensdrang als Maler in einer nicht enden wollenden Serie von Passagen wurde durch eine Grenzerfahrung ausgelöst, der Konfrontation mit dem sicher scheinenden Tod. Beim Schwimmen an der französischen Mittelmeerküste wurden Stoll und sein Sohn von einer Strömung erfasst und von ihr weit aufs Meer hinaus gezogen. Seinen Sohn im Griff, kämpfte er stundenlang gegen die Wellen und die Strömung. Die Lage schien aussichtslos, Stoll schwamm bis zur völligen Entkräftung, machte sich keine Hoffnung mehr, dass Ufer lebend zu erreichen. Er war kurz davor, aufzugeben, als er an die Grenze der ungünstigen Strömungsverhältnisse gelangt war und rettete sich und seinen Sohn mit letzer Kraft ans Ufer.

Volker Stoll interessierte sich schon lange vor diesem Erlebnis für die Malerei, „solange er denken kann“, so der Künstler. Gezeichnet und gemalt hat er schon vom Kindesalter an, doch hat er sich später zunächst für andere Ziele entschieden. Aufgewachsen in einer sehr musikalischen Familie, der Vater arbeitete als Akkordeonstimmer im Trossinger Traditionsunternehmen Hohner, die Mutter als Musiklehrerin, erhielt der Musiker Stoll mit siebzehn Jahren den ersten Bundespreis bei Jugend musiziert an seinem Instrument, der Bassposaune. Es lag daher sehr nahe, seine musikalische Begabung weiter zu fördern, und so studierte er Posaune an der Musikhochschule Trossingen bei einem der weltweit renommiertesten Vituosen an diesem Instrument, Prof. Branimir Slokar. Nach einem Engement an der Oper Florenz 1989 ist Volker Stoll seit 1992 Posaunist in der Baden-Badener Philharmonie. Konzertreisen mit der Philharmonie führten ihn unter anderem nach Dubai, Katar und China.

Ein New Yorker Galerist hatte großes Interesse an seinen Bildern, Stoll folgte seiner Einladung nach Manhattan und musste leider feststellen, dass man ihm einige schwer zumutbare Bedingungen stellte. Er solle seine Bilder in weitaus größeren Formaten malen, da sie sich so in den USA besser vermarkten ließen. Sein Beruf als Posaunist der Philharmonie Baden-Baden ermöglicht ihm, sich als Maler in seiner Kunst nicht prostituieren zu müssen, wie er es ein wenig bissig nennt, wenn sich Maler in ihrem Schaffen vollkommen der Nachfrage des Marktes unterordnen.

Nach der Grenzerfahrung im Mittelmeer und dem Verlust des Vaters, der an Krebs gestorben war, dauerte es noch etwa zwei Jahre bis zur Explosion in Stolls Schaffen als Maler. Er beschäftigte sich in dieser Zeit intensiv mit Farben, experimentierte lange und gründlich, um die Wirkung zu erzielen, die er bereits vor seinem inneren Auge sah, wie er es beschreibt. „Aber diese zwei Jahre habe ich, glaube ich, gebraucht. Und dann hat es geknallt“, beschreibt der Maler das Reifen seiner Ideen nach der auslösenden Situation.

Es geht ihm darum, den Betrachter der Bilder seinen Grenzgang spüren zu lassen, den speziellen Moment kurz vor dem Tod, den ihm in der vollkommenen physischen Erschöpfung begegnet war. Die Verzweiflung weicht einem grundlegenden Optimismus, die Bilder entwickeln eine Sogwirkung ähnlich dem Sog in Richtung Land am Rand der Strömungverhältnisse, die den Künstler und seinen Sohn im Mittelmeer überleben ließ. Runde und ovale Fenster in leuchenden Farben wirken wie Tunnel in eine andere, wärmere Welt. Seit einiger Zeit treten zu den ovalen und kreisenförmigen Passagen dynamisch wirkende geschwungene Formen mit drei Spitzen hinzu, seither ein immer wiederkehrendes Leitmotiv in Stolls Bildern.

Stolls abstrakte expressionistische Bilder entstehen vor allem nachts, oft hört er Bruckner oder Rachmaninow, während er malt, Musik und Kunst, Klangfarben und Farben sind für ihn schwer zu trennen.
„Mein Traum war immer, in einer Galerie zu wohnen“, sagt Volker Stoll bei unserem Treffen in in der Nähe des Festspielhauses in Baden-Baden. Im Privaten hat er sich diesen Traum bereits erfüllt. Er besitzt einige originale Werke berühmter Künstler, dazu zählen Radierungen und Drucke von Pablo Picasso, Salvador Dalí und Marc Chagall, den er besonders verehrt. Um sich moderne und zeitgenössische Kunst von Weltrang stundenlang ansehen zu können, hat es der Kunstbegeisterte von seinem Arbeitsplatz auch nicht sehr weit in das Museum Frieder Burda.

Zu Besuch hier in Volker Stolls Atelier ist es die Farbgebung selbst, die mich an seinen eigenen Bildern am meisten fasziniert. Sie wirken intensiv, unmittelbar und direkt. Vielleicht besteht hier eine gewisse Parallele zu seinem Instrument im Philharmonie-Orchester: Die Posaune kann große Lautstärken erreichen, ohne ihren majestätischen, feierlichen Klang zu verlieren, doch auch gemäß ihrer biblischen Konnotation dunkel und bedrohlich wirken. Die zartesten Klänge in einem philharmonischen Orchester sind allerdings meistens anderen Registern vorbehalten.

Sein Atelier in der Langen Straße in Baden-Baden hat der Künstler ganz bewusst ausgewählt, denn er möchte ideale konservatorische Bedingungen für seine Bilder. Von Kaltlicht angestrahlt, entfalten vor allem die Blautöne der Bilder eine Wirkung, die sich mit Reproduktionen in Form von Fotografien nur leidlich wiedergeben lassen. Der Bachschlosskeller in Bühl, den er bereits einige Zeit zuvor als Atelier genutzt hat, ist zwar ein herrlicher historischer Gewölbekeller und ein idealer Raum, um die Bilder in Ausstellungen zusammen mit kammermusikalischen Darbietungen zu präsentieren. Auf Dauer ist die Luftfeuchtigkeit dort aber nicht geeignet, um die Bilder zu erhalten. Trotzdem wird es wohl auch im Bachschlosskeller, flankiert von Regalen voll von edlen Weinen, weiterhin Ausstellungen geben.

Das Interesse privater Sammler und Galeristen an seinen Bildern nimmt in letzter Zeit deutlich zu, wovon Volker Stoll zunächst einmal einfach nur positiv überrascht bleibt. Einen Partner für den Verkauf seiner Bilder hat Stoll auch im Baden-Badener Aquensis-Verlag gefunden. Nach einer Vernissage Ende September steigt die Nachfrage nach seinen Bildern weiter. In Planung ist unter anderem eine Galerie in Südafrika, einige Bilder sind bereits mit South African Airways in Johannesburg angekommen.

Weitere Informationen: www.volkerstoll.com
Thimo N. Etzkorn

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