Nicht nur documenta

Nächster Halt: Kassel-Wilhelmshöhe. Für die meisten Bahnfahrer ist das ein kurzer Zwischenstopp im Niemandsland, auf der Fahrt von Frankfurt nach Berlin oder von Hamburg nach Stuttgart. Kassel, das liegt halt irgendwie auf der ICE-Strecke. Aus dem Zug sieht man dank der Architektur und Lage des Bahnhofs so gut wie nichts von der Stadt. Und auch sonst fällt den meisten Menschen außer „documenta” oder „hässliche Innenstadt“ nicht viel zur nordhessischen „Metropole“ ein. Doch was findet man eigentlich vor, wenn man es wagt, aus dem Zug auszusteigen und die unbekannte, vielleicht im Voraus verurteilte Stadt zu erkunden?

Kassel ist eine Stadt, die sich vielen erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließt. Wie das bei den meisten Klischees so ist – es steckt Wahrheit drin, aber vieles ist überzeichnet oder schlichtweg falsch. Nicht zu leugnen ist: Kassel wurde während des Zweiten Weltkriegs schwer getroffen. Nahezu die gesamte historische Innenstadt wurde durch Luftangriffe der Alliierten zerstört. Heute findet man im Stadtzentrum hauptsächlich schnell aufgerichtete Nachkriegsbauten im Stil der 50er-Jahre vor.

Wer aber daraus auf die ganze Stadt schließt, liegt daneben. Andere Stadtteile von Kassel sind von den Luftangriffen unversehrt geblieben. Hübsche Gründerzeitbauten prägen beispielsweise das Straßenbild des Vorderen Westens, ein eher studentisches Kasseler Viertel. Mit der Fulda- und der Karlsaue liegen in Kassel außerdem direkt an der Grenze zur Innenstadt zwei zusammenhängende, riesige Grünflächen. Dort lässt es sich wunderbar Radfahren, spazieren, picknicken und sogar baden.
Im Westen Kassels befindet sich der Bergpark Wilhelmshöhe – der größte von Menschenhand gestaltete Bergpark Europas. Auf dessen Gipfel thront die Statue des Herkules, die vor ca. 300 Jahren errichtet wurde und heute das Wahrzeichen der Stadt ist.

Auf der Höhe des Herkules hat man einen wunderbaren Blick über die ganze Stadt.

Die berühmtesten Söhne der Stadt Kassel sind die Gebrüder Grimm, die zahlreiche ihrer Märchen hier aufgeschrieben haben.

Die weltweit renommierte Kunst-Ausstellung documenta findet alle fünf Jahre für jeweils 100 Tage in Kassel statt (u.a. in der Kunsthalle Fridericianum, s. Foto) und ist zweifelsohne das größte Aushängeschild Kassels. Zur documenta-Zeit verwandelt sich die Stadt merklich und wird zu einer international beachteten und von Gästen aus aller Herren Länder besuchten Kunst- und Kulturmetropole. Mit dem Ende der documenta verfliegt dieser Zauber allerdings schnell. Dabei hat Kassel, gemessen an seiner Einwohnerzahl (ca. 194.000) eine hohe Dichte an Museen vorzuweisen. Neben „normalen“ Kunst-Museen existieren dort auch Skurrilitäten wie das Museum für Sepulkralkultur oder das Tapetenmuseum.

Wer sucht, der findet – vielleicht nicht alles, aber in Kassel kann man sich durchaus ein interessantes Programm aus Kultur, Sport und noch viel mehr zusammenstellen.
Klassische Musik und Theater werden im Staatstheater geboten. Die jährlich im Herbst stattfindenden Kasseler Musiktage haben sich der Klassik und moderner Komposition verschrieben. Jazz-, Rock- und Indie-Konzerte finden unter anderem im Kulturzentrum Schlachthof statt. Wer sich ins Nachtleben stürzen möchte, findet viele Bars und Kneipen im Vorderen Westen. In der Nähe des Hauptbahnhofs sind die kultige Lolita Bar und der abwechslungsreiche Musik-Club A.R.M. beheimatet.
Fußballfans kommen im Auestadion bei den Kickern des KSV Hessen Kassel auf ihre Kosten und direkt nebenan in der Eissporthalle spielen die Kassel Huskies erstklassiges Eishockey.

Eine regionale Spezialität, die man mal probiert haben sollte, ist Ahle Wurscht – also „alte“ (= lange gereifte) Wurst, für die jeder nordhessische Metzger sein eigenes Geheim-Rezept hat.

Weit um Kassel herum gibt es keine anderen große Städte. Was man für provinziell und nachteilig halten könnte, hat eine wunderbare Kehrseite: Die nordhessische Landschaft ist weit, abwechslungsreich und naturbelassen. Zwischen Hügeln und Bächen, Wiesen und Feldern liegen viele kleine, malerische Dörfer, die oft mit historischer Fachwerkarchitektur aufwarten.

Kassel ist eine alte, eigenwillige und interessante Stadt. Wenn man sich offen und neugierig dorthin begibt, lohnt sich der Besuch – auch zu documenta-freien Zeiten.

Foto-Credits:
Herkules: Hendrik Thole, Lizenz: Creative Commons
Kassel-Panorama: Jan Schröder, Lizenz: Creative Commons
Kunsthalle Fridericianum: Malte Ruhnke, Lizenz: Creative Commons

Friedemann Dupelius

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