Was Bildung mehr braucht als Geld

Wissen ist die erste Ressource, die sich durch Gebrauch vermehrt, titelte einmal das Magazin brand eins (11/2009). Lässt sich daraus nicht viel lernen?


Im ewigen Streit um das Geld und seinen Verwandten, Privatisierung, Sponsoren und Studiengebühren, scheint die wichtigste Ressource der Bildung verkannt zu werden: Ideen und ihre Träger. Natürlich braucht Bildung Geld, doch statt der zunehmenden Verschulung des Wissens und ihrer Konzentration in Exzellenzinitiativen, sollte vielmehr ihr Austausch, in Form von Erfahrungen und Ideen, gefördert werden. Dafür braucht es neben freier Zeit vor allem die Offenheit, kluge Köpfe aus der Gesellschaft in die Universität zu holen und zwar nicht nur sporadische Aushängeschilder populärer Wissenschaftler, sondern Bürger aller Art. Ob Künstler, Schriftsteller, politisch Engagierte oder Unternehmer, sie können die besten Mentoren sein, denn Biographien verlaufen anders als Studienpläne.

Studenten brauchen Gesellschaft, und die Gesellschaft braucht sie!

Bildung kann nicht von der Gesellschaft abgeschottet in ihrem eigenen Saft kochen; mit der Erkenntnis, das Bildung alle betrifft und ein lebenslanger Prozess ist, sollte das doch langsam ernst genommen werden. Und wenn, wie so oft argumentiert wird, es keine Räumlichkeiten gibt, die zu einer abendlichen Diskussion einladen, dann tun es Kneipen oder leer stehende Kirchen mindestens genauso gut! Mit der Öffnung der Hochschulen zur Gesellschaft und dem Engagement für einen Austausch kann allen ein großer Gefallen getan werden – und alle können sich daran beteiligen – oder ist die Bildungskultur zu einer hohlen Phrase verkommen?

Doch sollten die starren Strukturen der Bildungslandschaft nicht erst dann in Frage gestellt werden, wenn sich in der zunehmenden globalen Konkurrenz das Potenzial im Braindrain verflüchtigt oder es auf dem Land keine Ärzte mehr gibt. Wenn Gesundheitsminister Rösler erkennt, dass der Arztberuf kein Einser-Abi-Zeugnis erfordert, zeigt es doch im Allgemeinen die Sinnlosigkeit mit welcher Mauern in Gesellschaft und Wissenschaft errichtet worden sind, nur um das eigene Revier abzugrenzen. Vor der auch in Karlsruhe so beliebten Betonung internationaler Orientierung, sollte doch die eigene Zusammenarbeit vorausgesetzt werden – und das geschieht durch gesellschaftlichen Austausch, denn geteiltes Wissen ist oft doppeltes Wissen. Die Politik sollte statt der Vision des flexiblen Arbeitnehmers, lieber um den Ertrag unseres wichtigsten Rohstoffs, des Wissens und Knowhows, in Angriff nehmen. Dazu muss ein funktionierender Übergang zwischen den Bildungsinstitutionen und den Phasen des Lernens zu den Phasen des Arbeitens ermöglicht werden, um Wissen schaffen, nutzen und vermehren zu können. Oder hat den Raum der Bildungskultur schon eine Technokratie eingenommen, die nur das Nötigste zur Verhinderung eines gesellschaftlichen Kollaps in Betracht zieht, der mit stagnierender Wirtschaft und unterbesetzten Berufszweigen entsteht? Klar ist: Erstens, Wissen ist Macht, also immer auch von politischem Interesse, und zweitens fordert die zum Liberalismus tendierende Weltpolitik die Verantwortung der Zivilgesellschaften – und gerade in Deutschland besteht dabei noch Nachholbedarf. Dazu sind die Ideen aller gefragt – und um diese bitten nicht nur die Hochschulgruppen!

Was die Uni betrifft, so stellen Mentoren aus der Gesellschaft eine Alternative zu überfüllten Vorlesungen und verschulten Seminaren dar, die ernsthaft in Betracht gezogen werden sollte, denn unabhängig von ideellen Ansprüchen der Bildung, stehen seit jeher gute Leiter und Begleiter in jeder Karriere. Oder lernt man das wichtigste für den Beruf etwa nicht im Job?

Was die Geisteswissenschaft und ihre alten Ideale betrifft, muss hier mit ebenso kritischen Worten geschlossen werden; Ohne eine Diskussionskultur mit breiter Beteiligung ist ihre marktwirtschaftliche Unterbewertung kein Wunder. Von ihr könnten alle viel mehr haben wenn sie aus der Nische käme, in die sie zurückgedrängt wurde. Dazu muss sie sich jedoch auch von ihrer Rolle des skeptischen Betrachters entfernen, an die sie sich gewöhnt hat, denn ohne eigene Impulse wird die Wissenschaft weiterhin bequem ihr eigenes, desoziales Süppchen kochen und ihre Abhängigkeit von Politik und Wirtschaft festigen.

Joel Szonn

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