Schuften bis der (nächste) Arzt kommt

Kommunale Krankenhäuser gehören zu den wenigen öffentlichen Einrichtungen, die nie in Stillstand geraten. Auch an diesem verregneten Dienstagmorgen üben sich die angstellten Chirurgen und Chirurginnen des Kreiskrankenhauses Schwetzingen in ihrer alltäglichen Routine.

Um 7:15 Uhr wird zur Besprechung gerufen. Der leitende Oberarzt führt durch die Geschehnisse der Ambulanz in der abgelaufenen Nacht. Schauplatz hierfür ist einer kleiner, kahler, fast schon steril wirkender Raum, dessen Insassen es sich auf schaumstoff-gepolsterten Holzstühlen mehr oder weniger bequem gemacht haben. Unter ihnen befinden sich auch drei Medizinstudenten, die ihrer Studienpflicht nachgehen und ihr praktisches Jahr absolvieren.

Nach knapp einstündiger Besprechung wird die für heute anstehende Arbeit eingeteilt. Drei Assistenzärzte der Chirurgie klappern in den nächsten Stunden knapp 50 Betten ab. Darunter auch Marie (28), die sich im zweiten Jahr ihrer ärztlichen Berufstätigkeit befindet. In Begleitung der Krankenschwester wird den Patienten der allmorgendliche Besuch abgestattet. Selbstverständlich darf das obligatorische „Wie geht es Ihnen heute?“ dabei nicht fehlen. Und auch wenn der ein oder andere Patient Unmut über seine wochenlange Stationierung kundtut, ist die Arbeit am heutigen Dienstag von ungewohnter Leichtigkeit. Da bleibt zwischenzeitlich sogar mal Zeit für eine kleine Kaffeepause. Täuschen lassen sollte man sich hierdurch jedoch nicht. „Das ist ein verhältnismäßig ruhiger Arbeitstag”, bestätigt Marie.

Ganz im Gegensatz zum Bereitschaftsdienst, der sich oftmals über die ganze Nacht streckt. „Das ist dann schon ein regelrechter Knochenjob“, diagnostiziert Marie ihre Tätigkeit ein wenig schmunzelnd. Vergütet wird das nächtliche Schuften mit einem Nachtzuschlag von 1,28 € pro Stunde. Eine Vergütung, über die sich Rudolf Henke, der erste Vorsitzende des Marburger Bunds (die größte Ärztevereinigung Europas), vor wenigen Wochen erst amüsierte. „Von 1,28 € kann man sich nicht mal ein Frankfurter Würstchen kaufen“, stellte er während der Demonstration von tausenden Frankfurter Ärzten im Juni höhnisch fest.

Bundesweite Ärztestreiks ziehen sich bereits seit einigen Jahren hin wie ein Kaugummi. Immer wieder rufen Ärzte zu Demonstrationen und Protestaktionen auf, um auf die aus ihrer Sicht inakzeptablen Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Allen voran junge Assistenzärzte beklagen unzumutbare Arbeitszeiten, die zwar das Überstunden-, nicht jedoch das Bankkonto füllen. Schichten von bis zu 16 Stunden an regulären Arbeitstagen, Ruf-, Wochenend- sowie 24-Stunden-Dienste zehren dabei nicht nur an der Physis. Gerade Berufsanfänger weisen, wie auch in anderen Branchen, bei fortwährender Belastung oftmals psychische Ermüdung auf. Zustände, die auch die Ärzte des hiesigen Städtischen Klinikums Karlsruhe im Mai zum Streik bewegt hatten.

Nicht zuletzt resultiert aus jener Unzufriedenheit eine stets anwachsende Anzahl derer Ärzte und Ärztinnen, die die Bereitschaft signalisieren, ins Ausland zu gehen. Besonders beliebte Ziele sind hierbei Skandinavien (Norwegen und Schweden), aber auch die benachbarten Staaten Österreich und Schweiz. Nach neuesten Schätzungen haben allein im abgelaufenen Jahr 2009 fast 3000 Mediziner Deutschland ihren beruflichen Rücken gekehrt.

Für Marie sei eine Auswanderung ins Ausland momentan zwar keine Option, Verständnis für abwanderungswillige Kollegen zeigt sie dennoch allemal. „Ich kann es absolut nachvollziehen, als deutscher Mediziner ins Ausland zu gehen. Arbeitszeiten und Bezahlung sind in Ländern wie Schweden oder der Schweiz weitaus erträglicher als hier [in Deutschland].“ Da sollten beim Bund und bei der Kommune doch die Alarmglocken läuten, schließlich bedarf es auch in Zukunft junger Ärzte, die mitten aus dem nächtlichen Schlaf gerissen werden, um die Gesundheit verletzer Patienten wiederherzustellen. Für 1,28 € – sprich: einem halben Frankfurter Würstchen.

Amin Mir Falah

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