Das Ruhrgebiet – unvereinbar und doch nicht Eins

Der "Ortseingang" von Essen-Altendorf

Wer im beschaulichen und wohlhabenden süddeutschen Raum groß geworden ist, kennt das Ruhrgebiet meist nur vom Hörensagen oder ist hin und wieder mit dem Auto durchgefahren. Das Gros dieser Leute würde sich, bei dem Versuch das Ruhrgebiet kennenzulernen, immer wieder fragen: In welcher Stadt bin ich jetzt gerade eigentlich? Ist das jetzt Essen, Bochum oder sogar Gelsenkirchen?

Und das ist auch nur verständlich, schließlich sind die Städte, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch Dörfer waren, seit den ca. 1870ern so stark gewachsen, dass sie zumindest optisch zu einer großen Stadt zusammengeschmolzen sind. Der Pott, wie er liebevoll genannt wird, ist mit seinen über 5 Millionen Einwohnern tatsächlich unter den fünf größten Ballungsgebieten europaweit. Zwar kann man die jeweiligen Stadtkerne sehr klar voneinander unterscheiden, aber in den Randgebieten gibt es immer wieder Unklarheiten. Das ist nicht weiter verwunderlich, ja eigentlich sogar unerheblich, aber eben nur eigentlich.

Die Andersartigkeit der Ruhrgebietsrivalität

Denn das Ruhrgebiet ist der einzige Ballungsraum in Deutschland mit mehreren vergleichbar großen und bedeutenden Zentren. Das führt zu einer verstärkten Rivalität unter den Städten, weil sie ständig achtgeben müssen, im Wettkampf um Modernität, Wirtschaftskraft und Population nicht von einer der anderen überholt zu werden. Dieses stete Wetteifern wiederum hat den Effekt, dass der Außenstehende, ganz besonders aber der Einheimische, sich abgrenzen möchte, genau bestimmen möchte wo er herkommt und wo er wohnt. Überall in Deutschland trifft man Menschen aus dem Ruhrgebiet an und obwohl es genügend Regionen gibt, in denen die urbane Struktur des Ruhrgebiets nicht im Detail bekannt ist, würde kaum ein „Ruhri“ es unterlassen, als Herkunft seine Stadt zu nennen. Hieran ist zwar ebenfalls nicht viel Besonderes zu finden, aber es geht ja noch weiter. Denn oftmals wird die Frage nicht mit der Nennung einer Stadt beantwortet, sondern man bekommt den Stadtteil gesagt. Wenn man zum Beispiel, wie es der Autor getan hat, im Fußballstadion von Schalke verschiedene Leute nach ihrer Herkunft fragt, so bekommt man Antworten wie folgende:

„Altendorf“. „Buer“. „Schalke“. „Wattenscheid“. „Dortmund“. „Duisburg“.

Nun meint man ja ziemlich sicher zu wissen, dass Duisburg und Dortmund Städte sind. Auch von Schalke und Wattenscheid denken das viele, auch wenn es nicht stimmt, weil Schalke nur ein Teil vom weitaus weniger bekannten Gelsenkirchen und Wattenscheid dasselbe in Bochum ist. Sollte man sich dessen aber nicht bewusst sein, so bleibt man erst recht völlig verstört zurück und wundert sich, warum man von diesen Städten (denn wer kennt schon alle Stadtteile eines Ballungsraums?) noch nie etwas gehört hat. Sich in diese Strukturen einzuarbeiten und größere oder ihre Eigenständigkeit besonders stark betonende Stadtteile räumlich einzuordnen, braucht Zeit und ist eine Menge Arbeit. Dass es den Menschen, die hier leben, aber wichtig ist, kann man an Gesprächen wie diesem, das der Autor auf der Straße aufgeschnappt hat, erkennen:

Alte Frau: „Weißt du, ich verstehe gar nicht, warum die Leute immer wieder darüber streiten, ob unsere Straße nun zu Steele gehört oder zu Kray. Ist doch ganz klar, dass wir in Kray wohnen.“

Junge Frau: „Naja, ist schon ziemlich nah dran an Steele. Aber eigentlich ist es trotzdem Kray.“

Alte Frau: „Ja natürlich ist das Kray. Ich bin da geboren, ich weiß ja wohl wo ich herkomme!“

Anmerkung: Kray und Steele sind zwei benachbarte Stadtteile von Essen und nicht unbedingt für ihre Verschiedenheit bekannt.

Schalke und Dortmund

Vereinszugehörigkeit ist identifikationsstiftend

Und auch im Fußball ist es sehr wichtig, zu wem man hält; ob nun zu Schalke, Bochum, Essen, Wattenscheid, Duisburg, Dortmund oder Oberhausen – wenn hierin verschiedene Sympathien bestehen,  ist das nicht selten ein Grund für handfeste Auseinandersetzungen oder zumindest ein paar lautstarke Beschimpfungen. Zwischen den großen Vereinen ist das nicht weiter verwunderlich, schließlich spielen sie meistens auf gleichem Niveau Fußball, sind also direkte Konkurrenten. Und welcher Fußballfan wünscht seinem direkten Konkurrenten viel Glück? Im Gegenteil, wenn ein Verein mit einem anderen im Konkurrenzkampf um die Meisterschaft oder einen bestimmten Platz in der Tabelle steht, dann ist die Rivalität natürlich enorm stark. Das ist jedoch, wie bereits erwähnt, nichts Besonderes. Denn auch Stuttgart und Karlsruhe oder Stuttgart und München stehen auf diese Art in Konkurrenz miteinander. Im Ruhrgebiet wird diese ‚normale‘ Rivalität – die vor allem eine Art der Selbst-Identifikation ist – nur durch die Nähe der Städte zueinander verstärkt.
Interessant wird es hingegen, wenn man sieht, dass sogar die Anhänger der Vereine, die in völlig verschiedenen Ligen spielen (beispielsweise Essen in der 4. Liga und Schalke in der 1. Liga), einander nicht ausstehen können. Und das, obwohl sie sportlich betrachtet keinerlei Gefahr füreinander darstellen und auch nicht, wie beispielsweise Bochum und Wattenscheid, in einem grundsätzlichen nichtsportlichen Konflikt miteinander stehen. Diese Art der Rivalität besteht aus rein räumlichen Gründen, und ist so auch in München (FC Bayern & 1860 München) oder in Stuttgart (VfB Stuttgart & Stuttgarter Kickers) zu finden. Aber die Intensität ist eine andere.

Wenn man sich nun fragt, woher diese intensive Rivalität im Ruhrgebiet kommt, dann lautet die wohl plausibelste Antwort: aus dem Bemühen der dort lebenden Menschen, sich zu identifizieren. Das Ruhrgebiet ist innerhalb von etwas mehr als 100 Jahren sehr schnell angewachsen zu einem riesigen Wohn- und Industrie-Mischgebiet, nur um am Ende zu implodieren und kaum mehr als ein riesiges Wohngebiet mit unfassbar viel Industriebrache zu sein. Man hat sich in dieser Zeit, als die Montanindustrie das Markenzeichen der Region war, stets über die Arbeit identifiziert, nicht über die Herkunft. Das war allerdings meistens auch nicht nötig, denn man lebte normalerweise in direkter Nachbarschaft zum Arbeitsplatz. Jetzt, da diese Möglichkeit der Identifikation weggebrochen ist, braucht es ein neues Kriterium; und dafür ist kaum etwas besser geeignet als die Herkunft, denn diese ändert sich – ähnlich wie in früheren Zeiten der Arbeitsplatz – ein Leben lang nicht.

Und trotzdem Ruhr2010

Wie lässt sich vor diesem Hintergrund erklären, dass die Vergabe der Kulturhauptstadt 2010 nicht an eine der Ruhrgebietsstädte erfolgte, sondern an die ganze Region?
Dieser Frage nachzugehen gestaltet sich mitunter als äußerst schwierig, denn wenn man mit Leuten ins Gespräch kommt und etwas von Ruhr2010 erwähnt, winken die meisten ab.
„Lass mich bloß in Ruhe damit, das ist doch nichts als großes Theater.“

Ruhr2010

Klar, für das eher einfache und vor allem grundsolide Ruhrgebietsgemüt ist das zu viel Trara. Erstaunlicherweise sind dennoch viele bereit, gewisse Gemeinsamkeiten und Zugehörigkeiten einzugestehen. „Ja natürlich sind die nicht so anders zu uns, wie die Bayern oder die Berliner.“
Sogar Abhängigkeiten werden, wenn auch nur sehr vorsichtig, akzeptiert. „In gewisser Weise muss man sich auch helfen. Wenn in Dortmund die Hütte steht, in Essen aber die Zeche, dann hat ja niemand was davon, wenn die nicht zusammenarbeiten.“ Sie nennen sich ja sogar selber „Ruhris“.
Es erscheint paradox: gegenüber Außenstehenden sind sie stolz auf ihr Ruhrgebiet, treten sie manchmal wie eine große Gemeinschaft auf, nur um im Einzelnen darauf hinzuweisen, dass sie eigentlich nicht aus dem Ruhrgebiet kommen, sondern aus dieser oder jener Stadt. Und trotz all ihrer Abneigung gegen Ruhr2010 als „von den Politikern“ gemachte Sache: zu der Aktion Still-Leben Ruhrschnellweg, bei der die A40, die Ost- und West-Ruhrgebiet miteinander verbindet, für einen Tag zur Fußgängerzone wurde, kamen drei Millionen Menschen und genossen dieses grenzübergreifende Gemeinschaftsgefühl.

Vermutlich kann man also tatsächlich festhalten, dass, so verständlich auch die Abgrenzung voneinander ist, und so sicher es Unterschiede zwischen den Städten und Stadtteilen gibt, das Ruhrgebiet in sich so stimmig und einzigartig ist, dass es keinen Sinn gemacht hätte, bei der Vergabe der Kulturhauptstadt 2010 nur eine Stadt auszuwählen.

So ungerne die Ruhris das hören: keine ihrer Städte hätte ohne die anderen zu dem werden können, was sie heute ist. Und sowohl den industriellen Erfolg als auch die Bewältigung des Zusammenbruchs hätte keine Stadt – geschweige denn Stadtteil – alleine zustande gebracht bzw. bewältigt. Sie mögen einander vielleicht nicht, aber sie brauchen einander. Um sich Kraft zu spenden, um sich auszuhelfen, um sich Identifikation zu geben.

Zeche Amalia in Essen

Florian Kohl

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