Konzertreview: Selah Sue auf dem Zeltival im Karlsruher Tollhaus


Der Gong zum Beginn des Konzerts ertönt, eine blonde junge Frau in einem hellgrauen kurzen Kleid und dunklen Jacket mit kurzen Ärmeln bewegt sich in Highheels sicher in Richtung Mikrophon, eine Westerngitarre umgehängt, dunkelblonde Haare zu einer Löwenmähne aufgetürmt, wild in alle Richtungen flammend. Sie lächelt, ich weiß nicht, ob ich es eher als selbstbewusst oder zurückhaltend-bescheiden interpretieren soll, es hat etwas von beidem. Ein Gitarrist und ein Bassist, den ausgefallenen Fender-Bass und die Telecaster in 70er-Jahre Röhrenamps gestöpselt, auch ein Schlagzeuger und ein Keyboarder kommen hinzu.
Selah Sue ist hier in Karlsruhe oder insgesamt beim deutschen Publikum noch völlig unbekannt, völlig zu unrecht, wie ich hoffentlich feststellen darf. Und dann beginnt das Konzert, ein großartiges Konzert hier auf der Zeltival-Bühne des Karlsruher Tollhauses.


Schon im ersten Song des Sets präsentieren sich Selah Sue und ihre Band etwas härter als ich erwartet hatte, ohne je zu verleugnen, Reggae, Soul und R & B tief verinnerlicht zu haben.
Die E.P. Black Part Love, die ich schon seit einiger Zeit kenne und schätze und wegen der ich auf Selah Sues Musik aufmerksam wurde, war noch um einiges stärker von deren Anfängen im Singer-Songwriter-Genre geprägt.
Keys im Fender-Rhodes-Sound, eine verzerrte Telecaster, ein äußerst druckvoller Bass, das Drum-Set mit einem präzisen, harten Snaresound, satten Tom-Toms und einer reduzierten dumpfen Bassdrum klingen in den Arrangements der Songs wesentlich wuchtiger als ich es erwartet hatte.
Durch ein insgesamt sehr sparsame, minimalistische Gesamtarrangements wird Selah Sues einzigartige Soulstimme aber nicht im mindesten „zugedeckt“, Akkustikgitarre und Gesang sind immer präsent und man kann es kaum glauben, dass man es bei dieser Künstlerin mit einer erst 21 Jahre jungen Sängerin in ihrem internationalen Debüt zu tun hat, so kraftvoll und besonders ist ihre Stimme.
Sicher könnte man vom Stimmtimbre und von der Intesität der Stimme Vergleiche ziehen z.B. zu Amy Winehouse, aber ohne von Drogen gezeichnet zu wirken, hat Selah Sue eine gehörige Portion „Dreck“ in der Stimme und wirkt in ihrer Erscheinung dabei jugendlich-unverblümt und erfrischend gelassen.
Die Rhythmik des Gesangs erinnert immer wieder an Reggae, im Pidgin des jamaikansichen Patois scheint sich Selah Sue sehr sicher zu fühlen.
Der dritte Song des Sets ist auch der erste, der sich auf Selah Sues EP wiederfindet, deren Titeltrack Black Part Love.
Selah Sue ist im Moment mit der Produktion ihres Debüt-Albums beschäftigt, das hier in Deutschland voraussichtlich im Januar erhältlich sein wird.
In der Ansage zu Black Part Love hier live auf dem Zeltival erläutert Selah Sue dem Publikum, dass das kommende Album, mit dessen Produktion sie im Moment beschäftigt ist, stärker von Hip-Hop, von Bass und Drumsounds geprägt sein wird als die E.P. es bisher vermuten ließ. Die tanzbaren Arrangements stehen ihrer Musik gut und wirken zu keinem Zeitpunkt plump.
Mit Fyah Fyah zeigt die junge Sängerin, was sie damit meint, verstärkt auf Hip-Hop-Anleihen zu setzen. Bass und Snaredrum sind deutlich präsenter, auch etwas reduzierter, eine minimalistische, groovende Variante des E.P.-Tracks. Während der Bassist vorübergehend an ein E-Drum-Pad wechselt, nimmt der Gitarrist den Bass zur Hand. Durch das E-Pad unterstützt, wirken vor allem die Tiefbässe druckvoller, das Publikum bewegt sich.
Im nächsten Song, Raggamuffin, nimmt sich Selah Sue an der Akustik-Gitarre alle Zeit der Welt für eine gediegene langsame Einleitung , ehe sie mit der Strophe zu singen beginnt:
“In New York they want me, and i´m gonna be there. Dem City´s callin´and i´m gonna be there. In Paris they want me, and i´m gonna be there!”
Es ist zwar sicher ein wenig Selbstironie dabei, denn Selah Sue weiß wohl sehr gut, dass sie es mit ihrem mutigen Debüt wohl sehr schwer haben wird wie alle Debütanten, denn eine Tour wie diese ist sicher anstrengend, aber man glaubt es ihr, dass man sie auch dort lieben würde in New York, nichts davon wirkt aufgesetzt, ihre Stimme ist kraftvoll, authentisch und hat einen hohen Wiedererkennungswert, und das wichtigste: sie wirkt ehrlich, sie geht in die Tiefe, sie berührt das Publikum.
Selah Sue hat außerdem sehr fähige Begleitmusiker für ihre Tour ausgewählt: Der E-Gitarrist z.B. überrascht mit einer bluesigen Impovisation und einer wunderschönen Kadenz am Ende von Raggamuffin jeden, der den Track bereits von der E.P. kennt.
Es folgt ein Titel, den die Ausnahmesängerin als einen der neuesten in ihrem Programm ankündigt. Flächige Keyboards und eine orientalisch anmutende Ostinato-Figur im Bass, Drums in einem sehr langsamen Tempo, ein reduzierter Beat und während der Hookline Sprechgesang, Selah Sues Musik hat sich verändert, aber das neue musikalische „Gewand“ steht ihrer Musik gut zu Gesicht.
Die Keys wechseln bald einen Offbeat, Delay-Effekte im Gesang kommen hinzu, kurz, man merkt, das die junge Sängerin aus Belgien als Produzenten ihres Albums mit dem erfolgreichen Reggae-Künstler Patrice offensichtlich die richtige Wahl getroffen hat.
Selah Sue sagt in der nächsten Ansage klar, dass sie beides ist, Singer-Songwriterin und Reggae-/Hip-Hop-Künstlerin. Und als solche ist sie natürlich angewiesen auf eine satte Rhythmusgruppe. Aber für die Ballade, die nun folgt, verlassen die Musiker Selah Sues die Bühne und überlassen es ihr, alleine zu überzeugen. Der Song beginnt mit sanftem Fingerpicking auf der Akkustikgitarre, hinzu kommt diese herausragende Stimme, die Selah Sue besitzt, eine Stimme, die mich innerlich tief bewegt und wohl nicht nur mich alleine, sie hat nichts oberflächliches oder poliert-belangloses an sich.
Ein einziges Spotlight leuchtet die Szene aus, Selah Sues Löwenmähne schimmert sanft im gebührenden Scheinwerfer, ein wenig Nebel kommt im Hintergrund hinzu, der Bühnenhintergrund bleibt schwarz. Das wichtige, das entscheidende, das merkt das Publikum, das ist bei allem Respekt nicht die sehr professionelle und junge Band, das entscheidende ist diese einzigartige Stimme dieser Musikerin.
Bei Mommy, ebenfalls eine Ballade und der Mutter Selah Sues gewidmet, wird der Bühnenhintergrund samtrot ausgeleuchtet, glasklare Fender-Rhodes-Flächen und eine behutsam-zurückhalte Akkustikgitarre tragen die Stimme der Künstlerin, atmosphärische Dichte erreicht auch die letzten Plätze des Zeltivals, die wenigsten sitzen, das Publikum wirkt sichtlich berührt.
Insgesamt lässt sich bemerken, dass einmal groovige Beats und Basslinien, dann wieder wunderschöne Balladen das Set bestimmen, klar definierte Rhythmen, in einer Art hypnotischen Minimalismus, bewusst reduziert.
Eine Bassdrum auf Zählzeit drei und ein Offbeat ist Reggae-Musik zu eigen, der Offbeat der Gitarre ebenfalls. Aber Salah Sues Band geht bewusst mit ihren Anleihen um: es bleibt nicht beim Reggae im nächsten Song, das dem Reggae eigene Prinzip des Riddim in Bass und Schlagzeug bleibt zwar den Song über zumeist bestehen, aber die Gitarrist verlässt irgendwann den Offbeat, um zu einem satten Blues-Orgel-Sound als Akkordgerüst ein Gitarrensolo in der besten Rocktradition der 60er/70er Jahre zu spielen. So vielseitige Musik lässt niemanden unbwegt herumstehen. Das Publikum tanzt, es wirkt so, als könne es gar nicht anders. Selah Sues Stimme lotet Grenzen aus, es wirkt so, als kenne Sie im Ausdruck gar keine Grenzen.
Das Vielseitige, die vielen verschiedenen Genres, aus denen sie sich üppig und gekonnt bedient, hat wie aus einer Art musikalischem Supermarkt, das kommt zu Geltung, gerade wegen der Überschreitung musikalischer Genregrenzen wirkt diese jungen Künstlerin authentisch, besonders und überzeugend. So überzeugend, dass sogar Moby, Pionier elektronischer Tanzmusik und eine feste musikalische Institution, bei einem Fernseh-Auftritt gerne einmal an Percussions für Selah Sue getrommelt hat.
Das Karlsruher Publikum zeigte indessen ganz deutlich seine Begeisterung für die junge, sympathische und fähige Künstlerin und ihre Band. Was sie mit ihrer Musik alles noch erreichen wird, werden wir noch erfahren, im Januar erscheint ihr Debütalbum voraussichtlich hier in Deutschland.
Ich bin jedenfalls sehr froh, hier gewesen zu sein auf dem Zeltival bei Selah Sue.

www.myspace.com/selahsuemusic

Kulturzentrum Tollhaus Karlsruhe
Schlachthausstraße 1
76131 Karlsruhe
www.tollhaus.de

Herzlichen Dank für die Konzertfotografie an
Géraldine Roux
von
Reinhardt Fotografie
Klinglesweg 1
75228 Ispringen
www.reinhardt-fotografie.de
Thimo N. Etzkorn

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2 Reaktionen zu “Konzertreview: Selah Sue auf dem Zeltival im Karlsruher Tollhaus”

  1. Musik Vlog

    Soldiers Of Jah Army-SOJA-911…

    Musik ist Liebe und immer einen Trackback wert!…

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