Mach’ et wie de’ Jünter, Paul!

Groß war der Traum einer ganzen Nation: Bei der seit Sonntag abgeschlossenen Fußball-Weltmeisterschaft (WM) in Südafrika hatte sich die junge deutsche Mannschaft um Bundestrainer Joachim Löw (50) angeschickt, den vierten WM-Titel einzuheimsen. Ein Unterfangen, das im Halbfinale gegen Spanien auf abrupte Art und Weise zerschlagen wurde. Da spendet der gegen Uruguay errungene dritte Platz nur bedingten Trost. Und während sich mancher Zuschauer nach vierwöchiger Dauerdröhnung den Vuvuzela-Tinitus aus den geplagten Ohren schüttelt, läuft in bundesweiten Haushalten die Ursachenforschung für das Scheitern der Mission auf Hochtouren. Die brennende Frage: Wer trägt die Schuld am verpassten Titel?

Die Antwort liefert ein zweijähriger Krake aus dem Oberhausener Sea-Life-Aquarium. Sein Name: Paul. Seine Berufung: Orakeln. Der Tintenfisch erlangte durch stets zutreffende Voraussagungen der deutschen Spielausgänge weltweite Berühmtheit. Und selbst ausländischen Zweiflern bewies Paul seine geballte Fußballkompetenz, indem er mit seinem Tipp für den Sieger des Finalspiels (Spanien) erneut richtig lag. Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero (49) beabsichtigte nach dem Finaleinzug gar, dem Weichtier eine Leibgarde zur Verfügung zu stellen – wohl aus Angst vor terroristischen Anschlägen extremistischer Fußball-Fans.

Bis zum Halbfinale gegen die Südwest-Europäer hatte „El Pulpo“ (spanisch für „Krake“) alle fünf Partien der deutschen Elf richtig getippt, um sich vor dem Duell gegen die Spanier auf die Seite der Iberer zu schlagen. Und angesichts der bis dato einhundertprozentigen Trefferquote schien das Ausscheiden der DFB-Elf damit unvermeidlich. Zwar beträgt die durschnittliche Lebenserwartung eines Tintenfischs drei Jahre, doch vereinzelte deutsche Fußball-Fans befürchten ein Überleben Pauls bis zur Europameisterschaft 2012 in Polen und Ukraine. Eine Horrorvorstellung für alle diejenigen, die Fußballspiele ohne Spannung nur schwer ertragen können.

Und bevor sich der hellseherische Oktopus durch zukünftige Voraussagungen deutscher Niederlagen selbst zur Zielscheibe eines ganzen Landes macht, kann der gut gemeinte Rat an ihn nur lauten: Mach‘ et wie de’ Jünter, Paul! Nutze die Chance, als inoffizieller Tipp-Weltmeister in den vorzeitigen Orakel-Ruhestand zu treten! Wenn Sie sich jetzt fragen: „Wer zum Geier ist Jünter?“, dann sei Ihnen gesagt: Gemeint ist Günter Netzer (65).

Der ehemalige Fußball-Profi erlebte am Samstag sein ganz persönliches Finale und kommentierte zum letzten Mal das Spiel einer deutschen Elf im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (ARD). Wie gewohnt stand ihm auch sein langjähriger Moderationspartner und seine schlechtere Hälfte Gerhard „Gerd“ Delling (51) zur Seite. Seit der WM 1998 in Frankreich analysierte das Gespann die Auftritte der Nationalelf im Ersten. Dabei übertrumpfte das gehässige Zusammenspiel der beiden Moderatoren so manches deutsches Kurzpasspiel vergangener Jahre. Verbale Sticheleien stellten nicht selten das neunzigminütige Geschehen auf dem Platz in den Hintergrund.

Nicht weniger erstaunlich als das bisweilige Show-Talent Netzers ist eine Gemeinsamkeit, die der einstige Diskotheken-Besitzer aus Mönchengladbach mit “Orakel-Krake” Paul teilt. Beide besitzen nämlich ein Repertoire an Gesichtsausdrücken, das in seiner Varietät und Vielfalt mit den Liedern Dieter Bohlens vergleichbar scheint. Eines jedoch hat der Fußball-Experte dem Tintenfisch voraus: Er hat den passenden Zeitpunkt für einen stilsicheren Abgang gefunden. Schließlich habe er auch immer „einen Horror vor Menschen gehabt, die man mit einem Lasso von der Bühne holen muss“. Nicht minder furchtsam scheinen Kraken zu sein, die zur allgemeinen deutschen Sicherheit per Fangnetz aus dem Aquarium gefischt werden müssen.

Amin Mir Falah

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