Das Social-Network-Schwein oder: Wie es lernte, den Viehtransporter zu lieben

Das Internet ist eine Erfolgsgeschichte. Mit jedem weiteren Tag erleben wir neue Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren völlig unvorstellbar waren. Die Killerapplikation des Internets scheint heute das ‘Social Networking’ zu sein.

Und da war’s passiert: Drei kleine Schweinchen blockierten einen Autobahntunnel. Die Klappe eines Viehtransporters hatte sich während der Fahrt geöffnet und die drei besagten Ferkel wagten den Sprung in die Freiheit. Glück im Unglück sagt sich mancher: Was wär nur los gewesen, wäre es viel mehr Schweinchen zu bunt geworden und sie beherzt und wagemutig den Sprung in ein anderes Leben gewagt hätten.

Das Motiv der Flüchtenden bleibt allerdings rätselhaft. Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, sie hätten gewusst, wohin die Reise geht – wenngleich dies wohl die beste Erklärung wäre. An einen reinen Fluchtinstinkt mag aber auch niemand glauben wollen. Da bleibt wohl nur anzunehmen, dass es die anderen waren; denn – das wissen wir – die Hölle, das sind die Anderen.

Die anderen finden wir heute in den diversen sozialen Netzwerken. Wer sich mit ihnen verbinden will (und das wollen wir alle) ist hier goldrichtig. Wir können hier Netzwerke bilden oder Freundschaften schließen – sogar virtueller Körperkontakt ist möglich: das berühmt-berüchtigte ‘poking’. Wer ausposaunen mag, was ihn gerade umtreibt, der ist herzlich dazu eingeladen. Da wird gechattet, gesharet, geretweetet. “Dabei sein ist alles”, sagt schon die Sportbinsenweisheit, die hier erstmals in der Menschheitsgeschichte stimmt, ist doch eine Freundschaft ohne Facebook- oder StudiVZ-Bestätigung bestenfalls noch die Hälfte wert – Tendenz fallend.

So mag es denn manchen ‘Networkern’ zu bunt werden: Datenschutzbedenken werden größer und der gläserne Mensch erscheint (natürlich durchsichtig) am Horizont. Und wer da Stunden – von den geshareten Banalitäten der anderen gequält – im Netz verbringt, mag auf den Gedanken kommen, dass es da draußen doch noch mehr Realität geben müsse (gibt’s aber nicht, lehrt uns Platons Höhlengleichnis).

“Tschüss, ich tret aus!” muss trotzdem so Mancher in seinem ‘Activity-Stream’ mal lesen. Da hat es dann jemand den Schweinchen gleich getan: Mit einem beherzten Klick ist der Account gelöscht (im Idealfall) und zahllose Freundschaften entwertet.

Den Schweinchen war das egal: Ihr Sprung war das “Macht’s gut, ihr Schweine!” der sozialen Netzwerke. So möchte man denn auch meinen, es handele sich um einen großen Verlust – hier für den Transportbesitzer, dort für den Betreiber der Plattform. Immerhin müssen sich manche Betreiber wüste Beschimpfungen – meist von Nicht-Mitgliedern – anhören. Dass aber den vielen guten Gründen zum Trotz nur selten ein überzeugter Networker in die Freiheit springt, überrascht beim zweiten Hinsehen kaum:

Am Ende erging es den drei Schweinchen nämlich so: Der Fahrer hatte gar nichts von dem Ausbruch gemerkt, zwei Schweinchen wurden überfahren und vom dritten weiß kaum einer, wo es geblieben ist.

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Hans-Georg Kluge

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