Sybilla und ihr Favorite

300 Jahre Porzellanschloss

Rastatt-Förch: Schlosspark Favorite, Schloss 2006

Nachdenklich zieht Sybilla ihre Kreise durch den von ihr so liebevoll angelegten Garten. Sie macht ein paar Minuten Halt an der Schirm-Magnolie, die zur Mittagszeit wohltuenden Schatten spendet und lässt den Blick über ihr Anwesen schweifen: Prachtvolle Alleenbäume säumen den weitläufigen Kiesweg, die romantische Eremitage lädt zum Verweilen ein, Schwäne umrunden den Teich, in dem sich ihr glanzvolles Besitztum inmitten dieser grünen Oase widerspiegelt. Ihr Favorite, wie sie es zu nennen pflegt. Für sie Rückzugsort und gleichsam Schauplatz ihrer einzigartigen Sammelleidenschaft: dem Porzellan.
Anmutig steigt sie ein letztes Mal die Stufen zur Eingangspforte ihres Lustschlosses empor, wendet noch einmal den Blick zurück und öffnet dann die Tür: „Hier meine Damen und Herren betreten Sie nun die einstigen Prunkräume der Markgräfin Sybilla Augusta. Folgen Sie mir auf einer Zeitreise zurück ins 18. Jahrhundert!“, beginnt die kostümierte Schlossführerin und nimmt ihr Publikum alsdann mit in die zauberhafte Welt der Sybilla Augusta.


Sybilla
So oder so ähnlich muss wohl das Leben der einstigen Markgräfin von Baden- Baden (1675-1733) ausgesehen haben. Als Witwe des berühmten „Türkenlouis“ ließ sie drei Jahre nach dessen Tod 1710 das Rastatter Schloss Favorite errichten. Dieses bedeutende Richtfest jährt sich nun zum 300sten Male. Ein nicht weniger bedeutendes Ereignis fällt mit diesem Jubiläum zusammen: 1710 erteilte Kurfürst August der Starke von Sachsen das Patent zur Gründung der weltberühmten Meißener Porzellanmanufaktur. Das an dieser Stelle Verblüffende: Beide Ereignisse haben mehr gemeinsam als man auf den ersten Blick vermutet, stammte die einstige Markgräfin doch aus einer reichen böhmischen Familie und galt als junges Mädchen im Alter von nicht ganz 15 Jahren als eine der attraktivsten Heiratskandidatinnen in Europa. Obwohl sie 1690 den 20 Jahre älteren Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden („Türkenlouis“) heiratete, blieb zu Lebzeiten eine enge Verbundenheit zum sächsischen Herrscher bestehen. Beide waren passionierte Sammler. Kein Wunder also, dass die allseits beliebte und hübsche Sybilla Augusta eine der ersten Kundinnen der neu gegründeten Porzellanmanufaktur wurde. 1710 erwirbt sie auf einer Messe sieben der allerersten Stücke. Ihre Sammlung galt schon bei den Zeitgenossen als eine der bedeutendsten ihrer Art. Neben asiatischem und europäischem Porzellan erwarb sie auch Fayencen und Steinzeug, Elfenbeinstatuetten, Alabaster und Lackarbeiten sowie zahlreiche andere Kunstkammerstücke. Fortan kannte ihre Sammelleidenschaft nahezu keine Grenzen. Bis heute umfasst die Porzellansammlung der Markgräfin – zwischen 1707 und 1727 alleinige Regentin der Markgrafschaft Baden-Baden – unglaubliche 160 Chinoiserien.
1995 konnte das Land Baden-Württemberg bei einer Versteigerung des Markgrafen von Baden-Baden 100 Meißener Porzellane aus den ersten 20 Jahren der Manufaktur erwerben, darunter auch dreizehn Objekte aus „Schwartz Porcelain“, welches Sybilla Augusta ursprünglich für Schloss Favorite anschaffen ließ.

Schwartz Unter dem Begriff „Schwartz Porcelain“ versteht man Porzellane und Fayencen mit schwarzen Glasuren und reichem Lack- oder Golddekor. Kurfürst August der Starke war ein leidenschaftlicher Sammler dieses speziellen asiatischen Porzellans, welches als eine Modeerscheinung in den Fürstenhäusern der damaligen Zeit galt.

Dieses Jubiläum nehmen sich die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg 2010 nun zum Anlass, das in Fachkreisen bereits weltberühmte Porzellan der Sybilla Augusta auch dem breiten Publikum zugänglich zu machen. Mit der Ausstellung „Meißener Porzellan der Frühzeit“ öffnet das Favorite vom 24. April bis zum 12. September im Erdgeschoss seine Pforten für die Präsentation dieser raren Kleinode. Zu bewundern sind unter anderem das kostbare Jaspisporzellan, aber auch der Ausstellungsort selbst ist schon eine Reise wert: Die prächtige Schauküche der Markgräfin mit Nebenräumen, wie dem „Florentiner Kabinett“, welches eine unglaubliche Fülle von 758 Bildtafeln präsentiert, die sämtliche Wände überziehen. Auch das Spiegelkabinett oder die „Sala terrena“ mit ihrem märchenhaften Charme, den über 2000 blauen Kacheln – ganz in der Tradition der Delfter Manufakturen – und dem grottenartigen Ambiente des Kuppelbaus sind nur einige der überwältigenden Beispiele dieser märchenhaften, barocken Sommerresidenz.

Sala Terrena

Die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, kurz SSG, sind eine seit 1987 bestehende, nicht rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts.
Ihr Auftrag ist es, das historische Erbe des Landes einem möglichst breiten Publikum zugänglich und vor allem bewusst zu machen. Dazu gehören rund 59 landeseigene Schlösser, Klöster, Gärten, Burgen und Ruinen, die konservatorisch betreut werden, davon 45 auch in der Vermarktung. Das Heidelberger Schloss und das seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Kloster Maulbronn wie auch der imposante Schlossgarten Schwetzingen und das Schloss Ludwigsburg sind nur einige der hochkarätigen Kulturdenkmäler des Landes.
Zentrale der am 1. Januar 2009 neugegründeten Institution ist Bruchsal. Von hier aus werden alle 11 Ortsverwaltungen betreut. Insgesamt gehören rund 130 Mitarbeiter und 230 Saisonkräfte zum Team der SSG.
Hier geht es zur Homepage.

Veranstaltungen und Ereignisse

In der Zeit zwischen April und September finden zahlreiche Veranstaltungen auf Schloss Favorite statt, bei denen für jeden Geschmack etwas geboten ist. Das Eröffnungswochenende am 24. und 25. April versprach bereits ein buntes Programm für Groß und Klein, vor allem Porzellanliebhaber kamen am ersten Eröffnungstag mit der Begutachtung ihrer Schätze durch renommierte Keramik-Fachleute voll und ganz auf ihre Kosten.
Neben der Kunsthandwerks- und Gartenmesse vom 7. bis 9. Mai stehen nun die Porzellantage vom 27. bis 30. Mai an. Hierzu sind viele spannende Ferienaktionen für Groß und Klein rund um das Thema Porzellan geplant. Das Barockfest am 7. und 8. August lädt dann zu einem Fest ganz nach Sybilla Augustas Manier ein. Bei musikalischen Klängen und einem vielseitigen gastronomischen Angebot lässt sich die festliche Atmosphäre im sommerlichen Schlossgarten genießen! Doch auch rund um das Jahr verteilt finden Führungen und Sonderführungen statt, die den Besuchern die Welt der einstigen Regentin und frommen Christin näher bringen. Wie wäre es zum Beispiel mit dem neuesten Klatsch und Tratsch? Eine Dame aus der Barockzeit weiß ihn sicher gerne zu berichten. Und was hat man vor 300 Jahren eigentlich gegessen und getrunken? Wie wurden die Kinder unterrichtet?

Sybilla_Porzellan

An dieser Stelle meldet sich nun wieder Sybilla zu Wort. Sie selbst erinnert sich noch, wie sie in der höfischen Etikette, Konversation und in den Künsten unterrichtet wurde. Sie genoss eine strenge, katholische Erziehung und lernte schon früh von ihrem Großvater das Lesen und Schreiben und die französische Sprache.
„Heutzutage sieht das allerdings ganz anders aus. Es hat sich ohnehin viel verändert in den 300 Jahren. Viele Menschen ernähren sich ungesund, das gemeinsame familiäre (Abend-)Essen hat meist keinen hohen Stellenwert mehr und die Erziehung der Kinder wie auch deren Schulbildung ist schlichtweg eine ganz andere wie früher…“

„Doch das Leben in der heutigen Zeit hat auch eine ganze Menge Vorteile“, murmelt die Schlossführerin nach Dienstschluss leise zu sich hin, schnürt ihr viel zu enges Korsett auf und nimmt schmunzelnd ihre kratzende weiße Perücke vom Kopf.

Weitere Informationen zu Schloss Favorite und den Veranstaltungen rund um das 300-jährige Jubiläum finden sich hier.
Sabrina Keller

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