Farbe für den Beton! Aber bitte nicht an die Hauswand…

Nahezu die ganze Welt haben sie im Laufe von fünf Jahrzehnten erobert. Zwischen Vandalismus, Krikelkrakel und Kunst beziehen Graffiti sowie weitere Formen der Street Art den öffentlichen Raum und fügen sich mit Protest oder Wohlwollen in das Stadtbild der Einwohner. Und wenn wir nicht gerade an ihnen vorbeihuschen, gibt es auch in Karlsruhe so manches aus der Graffiti- beziehungsweise Street Art-Szene zu entdecken.

„Es gibt Städte, in denen weniger gesprüht wird und Städte, in denen deutlich mehr gesprüht wird“, berichtet Fredy Pfeiffer (50), Leiter der Zentralen Ermittlungsgruppe des Polizeipräsidiums Karlsruhe. In der Tat zählt die Stadt heute eher zu einer ruhigen Graffiti-Szene, wobei es auch wildere Zeiten gegeben hat. Seit etwa 1996 besteht die Ermittlungsgruppe Graffiti, welche 2001 aus acht Sachbearbeitern bestand, da ein umfangreiches Verfahren gegen eine Sprayercrew geleitet wurde. Heute hat diese Stelle allein Ralf Schmied (55) inne.

Der Ursprung des modernen Graffiti liegt in den USA der späten 1960er (New York, Philadelphia). Durch die Entwicklung neuer Techniken und Stilrichtungen wird heute meist von Street Art gesprochen. Bekannte Künstler aus diesem Metier sind u.a. Banksy, DAIM und Shepard Fairey.

Auch Stefan Kirsch (25) aus Sindelfingen, Student am KIT und selbst ehemaliger Sprayer, empfindet das Graffiti-Treiben in Karlsruhe gemäß der badischen Gemütlichkeit als recht überschaubar. Tags, die stilisierten Schriftkürzel eines Graffitisprühers, sind häufig an Gebäuden vorzufinden. Doch bei diesen „Unterschriften“ erkennt man kaum, wer die Sprühdose auch künstlerisch beherrscht. „Wenn Jugendliche herumschmieren, ist das ärgerlich für die Szene. Graffiti ist sowieso schon negativ besetzt“, meint Stefan. Ausschlaggebend hierfür ist die Illegalität, welche nun mal Bestandteil der Street Art–Kultur ist. Dahinter steckt der Ursprungsgedanke des Fame, Ansehen unter den Graffiti-Künstlern zu gewinnen, indem überall die Werke eines Sprayers oder einer Crew zu sehen sind: an öffentlichen Gebäuden, privatem Eigentum, Mauern oder an Zügen (die Königsklasse sozusagen).

Droopy auf Zugfahrt. Das Piece von intus wise aus Heidelberg machte Februar 2010 Halt im Karlsruher Hauptbahnhof.

Zehn Prozent aller angezeigten Graffiti betreffen laut Pfeiffer Verkehrsfahrzeuge und Haltestellen der Verkehrsbetriebe Karlsruhe sowie der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft. Besprühte Straßenbahnen bekommt der Durchschnittsbürger jedoch gar nicht mehr zu Gesicht. Denn diese werden so schnell wie möglich aus dem Verkehr herausgenommen, um der Motivation der Sprayer entgegenzuwirken. Aber was bleibt ist natürlich das Risiko, der Nervenkitzel und die Leidenschaft.

stencils rund um den Kirchplatz St. Stephan.

Sehr verbreitet in der Karlsruher Innenstadt sind einerseits die so genannten stencils oder pochoirs (englisch und französisch für Schablonengraffiti) sowie andererseits Sticker und Poster. Anhand dieser unterschiedlichen Stilrichtungen und Techniken ist die Street Art heute sehr vielfältig und stellt ein mögliches Medium für politische und künstlerische Konzepte dar.
Die wohl bekannteste Sticker- und Posterfigur in Karlsruhe dürfte seit 2006 das Bambi sein, jedoch trägt die Fußballeuphorie seit einiger Zeit auch vermehrt zu KSC-Motiven bei.

Im Jahr 2009 wurden 542 Sachbeschädigungen angezeigt.
Im Schnitt sind es meist 600 ±50, plus Dunkelziffer (⅓ Landkreis, ⅔ Stadt).

Ein Streifzug durch die Hall of Fame

Wenn die Blechlawine auf der Vogesenbrücke einem über den Kopf hinweg rollt, es lärmt und es mancherorts etwas unangenehm riecht, ist der einzige Sinn, der einen verführt länger an solchen Orten zu verweilen, das Sehen. So werden Fahrradfahrer, Läufer und Spaziergänger entlang der Alb zu Betrachtern verschiedenster Graffiti-Stile. Denn neben der Mauer am Messplatz sind unter jenen Brücken die free walls, auch Hall of Fame genannt, zu finden. Diese von der Stadt freigegebenen legalen Wände werden äußerst eifrig von Graffitimalern genutzt. Eva (44) und Karl (47) joggen unter der Woche an der Alb und nehmen regelmäßig Veränderungen wahr. „Ich sehe auch oft viele Jugendliche, die gerade am Werk sind“, so Eva.

Street Art – eine junge Männerdomäne?
80% der 17- Jährigen (± 2 Jahre) sind männlich.

Der generell beliebte Bubble-Style, der sich durch die runden Buchstabenformen auszeichnet, ist momentan unter den Pieces (buchstaben-orientiertes Bild) der Hall of Fame kaum vertreten. Vielmehr ist der 3D-Style und Wildstyle zu sehen, wobei letzterer durch seine komplexe und verschlungene Konstruktion nicht nur Schüler Fabio (22) ein Rätselraten aufgibt, sondern auch dem Graffiti- Experten Stefan hin und wieder zu abstrus ist. Besonders gut kommen bei Jung und Alt hingegen die Characters (Figuren) an, welche die Pieces ergänzen, aber auch bereits eine eigenständige Form bilden. „Die Bombenleger gefallen uns wirklich gut“, verraten Eva und Karl, und Rainer (39), ein ehemaliger Wiwi-Student der Uni Karlsruhe, erkennt in ihnen die Spione „Spy und Spy“ aus dem MAD-Magazin. Tatsächlich stammt eine Vielzahl der Characters aus Comics, Computerspielen und der Populärkultur, wie der Hund Droopy, Sonic der Igel oder Dexter.
Ein „bisschen“ Farbe auf den Beton zu bringen, empfinden die Karlsruher als angenehm und schön. „Die Stadt könnte ruhig mehr Wände freigeben. Grauen Beton gibt es, glaube ich, genug“, meint Rainer. Doch das illegale Sprühen, da sind sich Pfeiffer und Stefan einig, wird dadurch nicht verhindert. Zumindest sähen sich die Sprayer aber dann seltener zum Crossen (Übermalen) gezwungen. Denn so etwas kann durchaus als Beleidigung aufgefasst werden und letztendlich auch Feindseeligkeiten heraufbeschwören.

net fertig RNS10 - wird neben dem lilanen Schriftzug vermerkt, der einen 3D-Wildstyle crosst.

Ohne Moos nichts los?!

Laut Stefan benötigt man ungefähr zwanzig Dosen für ein großes, aufwendigeres Piece. Kein Wunder also, dass bei den vielen Farben und mindestens 3 Euro je Dose der Geldbeutel der Sprayer ziemlich ausgelastet sein dürfte. Daneben waren für Stefan aber das Abi sowie das folgende Studium Gründe sich aus der aktiven Graffiti-Szene zurückzuziehen. Genauso spielt aber die Volljährigkeit und damit der Abschied vom Jugendstrafgesetz eine Rolle, wenn man hauptsächlich illegal mit der Spraydose unterwegs ist. Und irgendwann ist man im Berufsleben, hat vielleicht Familie, einen Hund… Da müsste man schon Geld mit der Street Art verdienen können, wie einst Keith Haring oder Banksy. In Karlsruhe ist dies dem Graffitimaler Christian Krämer, alias Dome, gelungen. Mit seinen Phantasiewesen hat er zum Beispiel eine Fassade für die Volkswohnung in der Zähringerstraße gestaltet sowie Bar und Wände des Gotec-Cafés. Zudem arbeitet er an Leinwandbildern und war vor kurzem auf der Ausstellung „Zerfall und Zukunft“ in Gengenbach vertreten. Eine „akzeptable Kunst“, wie Michael Oess (Neue Kunst Gallery) die Spraykunst im Allgemeinen befindet, aber eben mit Einschränkungen. „Eine Wand zu besudeln ist keine Kunst. Man muss sich nicht kriminalisieren und sein Werk als heroische Tat begreifen. Jeder denkt schließlich er wäre besonders originell“, so Oess. Das System dahinter ist für den Galeristen interessant und so hat er unter anderem den „Bananensprayer“ Thomas Baumgärtel ausgestellt. Aber wie es mit der Kunst so ist, wird gespannt auf eine „Neuerfindung“ in der Street Art gewartet. Ansonsten könne man sie laut Oess nämlich „ad acta“ legen.

Kristina Kunz

Street Art Vokabular im Überblick

    Bubble-Style Engl. Blase, bezeichnet runde Buchstabenformen.

Character Bild einer Figur (Tier, Comic, Mensch usw.).

Crew Regionaler oder überregionaler Zusammenschluss von Graffiti-oder Street-Art-AkteurInnen.

Crossen Engl. durchkreuzen, Übermalen anderer Graffiti; gilt als Beleidigung.

Fame Ruhm bzw. guter Ruf innerhalb der Szene durch aussagekräftige Bilder, Mut, Kreativität, Stil, Quantität oder Bilder an gefährlichen Stellen.

Piece Murz für masterpiece, Ausdruck für buchstaben-orientiertes Bild.

Pochoir, stencil Franz./engl. für Schablonengraffiti.

Tag Signatur eines Graffitisprühers.

Wildstyle Bezeichnet eine äußerst komplexe Konstruktion ineinander verschlungener Buchstaben. Spielt mit der Ästhetik von Zacken, Pfeilen, Geraden usw.

Writer Graffitisprüher, der sich meist mit Schriftbildern und Buchstaben auseinandersetzt.

Mehr zum Thema?

Ganz, Nicholas: Graffiti World. Street Art aus fünf Kontinenten, Berlin 2005.

Klitzke, Katrin/Schmidt, Christian (Hrsg.): Street Art. Legenden zur Straße, Berlin 2009.

Reinecke, Julia: Street-Art. Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz, Bielefeld 2007.

oder

http://www.graffitieuropa.org/
http://ilovegraffiti.de/

Kleine Bildergalerie

An der Alb und am Messplatz:

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