Studieren im Krieg. Wenn Zukunft warten muss…

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…so der Titel einer Ausstellung der Organisation Studieren ohne Grenzen e.V.
Studieren ist für einen großen Teil der jungen Erwachsenen in Europa nichts Ungewöhnliches. Dinge wie Numerus clausus, Eignungstests und Ähnliches können zwar ein Hindernis sein das Wunschstudium aufzunehmen, aber davon einmal abgesehen gibt es in den meisten Fällen einen Weg. Natürlich machen beispielsweise Studiengebühren es auch hierzulande immer mehr Studenten schwerer ihr Studium zu finanzieren, aber oft findet sich auch hierfür eine Lösung.
Was aber, wenn es nicht so einfach ist ein Studium aufzunehmen? Wenn in der Heimat Krieg herrscht oder das Land sich gerade erst wieder im Aufbau befindet und an den Universitäten Zustände herrschen, die ein Studium fast unmöglich machen?


Der Verein Studieren ohne Grenzen fördert Studenten aus genau solchen Ländern, um einigen von ihnen auch das Privileg eines abgeschlossenen Studiums zu ermöglichen.
Im Jahr 2006 wurde Studieren ohne Grenzen von Tübinger und Konstanzer Studenten gegründet. Der Verein ist der deutsche Ableger der französischen Organisation Etudes sans frontières, die bereits seit 2003 besteht und neben dem Verein in Deutschland mittlerweile Tochterorganisationen in Belgien, Italien, Spanien, Kanada und Norwegen hat.

Ziel von Studieren ohne Grenzen ist es, jungen Menschen aus Tschetschenien und dem Kongo ein Studium zu ermöglichen, um so aktiv zum Wiederaufbau ihrer Heimat beizutragen. Deshalb zählen auch nicht nur die Noten der potenziellen Stipendiaten. Um bei der Stipendiumsvergabe berücksichtigt zu werden, müssen die Anwärter ein eigenes Projekt vorweisen, mit dem sie, nach Abschluss ihres Studiums, die Menschen in ihrer Heimat unterstützen wollen.
Studieren ohne Grenzen, kurz SoG, arbeitet auf zwei Wegen. Studenten aus Tschetschenien wird nach Abschluss eines Studiums vor Ort ein weiteres Studium an einer deutschen Universität ermöglicht, da speziell die Zustände an den tschetschenischen Hochschulen schlecht sind. Im Kongo wird den Stipendiaten ein Studium vor Ort ermöglicht.
Ein großer Teil der Arbeit von SoG läuft über Hochschulgruppen. Außer in Tübingen und Konstanz, wo SoG seinen Anfang nahm, gibt es mittlerweile Lokalgruppen in 11 weiteren deutschen Städten sowie in Österreich und der Schweiz. Weitere sind in Vorbereitung.
Zwei Studentinnen der Lokalgruppe Tübingen berichten über ihre Arbeit:

KA.mpus: Wie kamst Du zu SoG und wie lange bist Du schon dabei?
Desiree: Ich habe einen Flyer gesehen und habe mich dann einfach mal bei den Leuten gemeldet. Bin jetzt seit zwei Semestern dabei
Alina: Von SoG habe ich bei einer Flyeraktion vor der Tübinger Mensa erfahren. Ich habe mich sofort von den Zielen dieser Hochschulgruppe angesprochen gefühlt. Inzwischen bin ich seit fast zwei Jahren dabei.
KA.mpus: Wieso engagierst Du Dich bei SoG und wie gefällt es Dir bzw. was gefällt Dir besonders?
Desiree: Ich engagiere mich gerne dort, weil ich das Gefühl habe, dass man wirklich was verändern kann und sei es nur für ein paar wenige Leute. Gut gefällt mir, dass man immer Verantwortung übernehmen kann und auch soll, und wenn mal was nicht klappt, hat man trotzdem immer Rückhalt in der Gruppe.
Alina: Zunächst finde ich es gut, dass dieser Verein das Ziel verfolgt, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und versucht die Idee von Frieden über Bildung in die Welt zu tragen. Solange Bildung nur einer kleinen Elite vorbehalten bleibt, kann nicht von Gerechtigkeit die Rede sein. Bei SoG sieht man, dass die Arbeit Früchte trägt und man hat die Gewissheit, dass Spendengelder an ihrem Zielort ankommen. Dabei kann man sogar schon auf lokaler Ebene viel bewegen, indem man auf die Zielregionen aufmerksam macht, von ihnen erzählt und erklärt, welche Ungerechtigkeit dort den Leuten widerfährt und warum es sinnvoll ist dagegen anzukämpfen. Besonders gut gefällt mir, dass die Arbeit bei SoG den eigenen Horizont erweitert und dass einem bewusst wird, in welcher privilegierten Lage sich unsere Generation befindet.
KA.mpus: Was genau sind deine Aufgaben bei SoG?
Desiree: Momentan bin ich in der Networking-AG, wir kümmern uns um Kontakte mit anderen gemeinnützigen Organisationen in Tübingen. Davor habe ich die deutschlandweite Ausstellung „Studieren im Krieg. Wenn Zukunft warten muss“ mitgestaltet und in Berlin und Tübingen vor Ort mit aufgebaut.
Alina: Im Verein arbeite ich bei der Tschetschenien AG mit. Dort halten wir den Kontakt mit Studenten aus Grosny, unter denen jedes Jahr neue Stipendiaten ausgesucht werden. Auswahlkriterien sind Kenntnisse, Motivation, das vorgeschlagene Projekt und ein persönliches Gespräch (über Skype). Wir planen ihren Aufenthalt, den Studienplan und verfolgen die Entwicklung des von ihnen vorgeschlagenen Projekts. Ansonsten bin ich in der Mitgliederwerbung aktiv. Einmal im Jahr steht das Auswahlverfahren der Kongo AG an, bei dem sich regelmäßig über 100 kongolesische Studenten bewerben.
KA.mpus: Was motiviert Dich, um bei SoG aktiv mitzumachen?
Desiree: Man kann seinen Erfolg direkt wahrnehmen. Auch nach Rückschlägen wird man von den anderen aufgefangen und man setzt sich neue Ziele anstatt zu resignieren.
Alina: Es ist der Gedanke mit wenig Aufwand einen Multiplikatoreffekt zu erzeugen, der auf lange Sicht zu Frieden und Freiheit führen kann. Wenn ich mich an der Stelle der Stipendiaten sehe, wäre ich ebenso über solch eine Chance glücklich. Mich motiviert es, diesen Menschen diese Möglichkeit zu eröffnen und sie in ihrem Ehrgeiz zu unterstützen. Außerdem sind die SoG-Sitzungen immer wieder spannend. Somit fällt es einem viel leichter Zeit und Mühe zu investieren.
KA.mpus: Warum sollten andere Studenten sich für SoG engagieren oder eine Hochschulgruppe ( vielleicht speziell in Karlsruhe) gründen?
Desiree: Weil sich kaum jemand mit der Situation in Tschetschenien oder in anderen Kriegsländern auskennt und unter Studenten publik macht. Und weil einem die Arbeit bei SoG zeigt, wie wertvoll und sinnvoll ein Studium ist und man anderen Menschen tatsächlich helfen kann. Und zwar nicht nur mit Spenden, sondern mit der eigenen Arbeit und den eigenen Ideen. Man lernt zudem ungemein viel über die Organisation von Studentengruppen, Politik und über den Umgang mit ranghöheren Personen.
Alina: Die Arbeit bei SoG zeigt, dass es jenseits von unserer Vorstellung vom Unialltag andere Situationen gibt, in denen Menschen sich glücklich schätzen würden an der Uni sein zu können. Ein SoG-Ableger in Karlsruhe könnte interessant sein, da Karlsruhe als Uni mit technischem Schwerpunkt Studenten aus solchen Fachrichtungen fördern könnte.
KA.mpus: Was rätst Du anderen Studenten, die sich für SoG engagieren wollen?
Desiree: Sofort anfangen. Sich informieren wo und wann und wie. Und dann einfach loslegen. Hilfe bekommt man immer.
Alina: Zunächst einmal können sich diese Studenten im Internet erkundigen. Sollte es keinen lokalen SoG-Ableger geben, ist die Vereinsarbeit trotzdem nicht ausgeschlossen, da SoG sehr stark über E-Mails und eine vereinsinterne Internetplattform organisiert ist.

Der Erfolg der SoG-Arbeit kann sich durchaus sehen lassen. Derzeit studieren drei junge Tschetschenen in Konstanz und Tübingen. Im Kongo werden sogar 22 Studenten unterstützt, zudem wurde dort ein Computerraum eingerichtet, um jungen Menschen Zugang zum Internet und somit ein Recherche-Werkzeug zu ermöglichen.

Die Ausstellung „Studieren im Krieg. Wenn Zukunft warten muss“ wird im April in Heidelberg Station machen.

Weitere Infos erwünscht oder Lust bekommen selber aktiv zu werden?
Mehr Infos gibt’s auf http://www.studieren-ohne-grenzen.org

Ein Interview mit dem Initiator von SoG: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/dschungel/-/id=658850/did=5944386/pv=mplayer/vv=popup/nid=658850/14oealq/index.html

Teresa Karbiener

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