Lebst du schon oder fährst du noch?

Eine Frage die sich der gemeine Berufspendler schon lange stellt. Montag bis Freitag steht er mit Seinesgleichen am Bahnsteig und wartet bis der Zug kommt. Oder auch nicht. Denn nach Jahren des Bahnfahrens weiß er: Auch die Anzeigetafel lügt.

Täglich mit der Deutschen Bahn zur Arbeit oder an die Uni zu fahren ist alles andere als langweilig. Die Aufregung gibt es – ausnahmsweise gratis – zum Ticket dazu. Sei es der allmorgendliche Nervenkitzel und die Frage, ob man es trotz zweitem Kaffee noch rechtzeitig zum Bahnhof schafft. Oder die ernüchternde Erkenntnis, dass man heute vielleicht wieder nicht pünktlich zum Meeting kommt, obwohl man schon zwei Züge früher gefahren ist. Quasi aus Gründen höherer Gewalt. Spätestens wenn der Zug auf der Strecke steht, geht der Spaß richtig los. Während Mitreisende lautstark ihre Geschäftstermine umlegen und Sitznachbarn über die letzte schwere Depression dank ihrer Kinder Jaqueline und Kevin informieren, stellt sich einem unweigerlich die Frage: Warum ist man nicht mit dem Auto gefahren? Ein kurzer Gedanke an die Benzinpreise und es fällt einem schlagartig wieder ein. Mittlerweile duzen sich Hinz und Kunz schon, man teile ja ohnehin das gleiche tragische Schicksal. Dann das scheinbar erlösende Knacken des Lautsprechers und eine männliche Stimme die sagt: „Sehr geehrte Fahrgäste, auf Grund einer Betriebsstörung wird sich unsere Weiterfahrt um wenige Minuten verzögern.“ Nachdem Kevins Mutti versucht hat, sich in der Bahn kostenlos von allen Mitreisenden therapieren zu lassen und man auf offener Strecke den Zug wechseln musste, kommt man doch noch so pünktlich an die Uni, dass es für die letzte Viertelstunde und die Unterschrift auf der Anwesenheitsliste gereicht hat. Und gleichzeitig wird jeden Tag die Erkenntnis gestärkt: Wer mit der Bahn fährt hat was erlebt!

Kristin Weinstock

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Eine Reaktion zu “Lebst du schon oder fährst du noch?”

  1. obra

    Ja, das ist interessant!

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