Ich bin ein Müsli, Du Gurke!

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Essen ist Kulturhauptstadt, das wissen wir. Wissenshungrige KA.mpus-Leser wissen noch mehr darüber. Essen ist aber nicht nur Kulturhauptstadt 2010, sondern in erster Linie nur Kultur, gekoppelt mit Genuss und Lebensgefühl. Explizit über diese wissen zahlreiche Studenten aber leider viel zu wenig.

Vor einer Weile wurde ich in der Mensa zwangsläufig Zeuge eines bizarren Gesprächs. Meine 5 Tischgenossen unterhielten sich – wie es sich in Deutschland zu Tische geziemt – über Essen. Alle fünf aßen sie eines dieser panierten Pressfleischschnitzel mit Pommes. Die Speise wurde hochgelobt, einer aber meinte zu wissen, wo es noch bessere Schnitzel gibt. Im “Oxford” nämlich. “Nein in der ‘Kippe” kam prompt das Kontra.

Und da sind wir auch schon beim Problem angelangt. Das Thema ist schon fast ausgelutscht. Wir leben in einer Welt des Fastfoods und erleiden derzeit eine globale Verfettung. Aber wieso kann sich keiner mehr richtig ernähren? „Der Mensch ist was er isst.“ Den Spruch kennt jeder, aber stimmt das? Geh ich als Bœuf Stroganow ins Bett und als Müsli zur Arbeit? Nein, so kann das nicht gemeint sein. Und doch behaupte ich, die Botschaft stimmt.

Rechtsgelehrte im alten Rom teilten die Welt in zwei Dinge:
- die Sache (res) und
- die Person (persona).

Während damals einzig Männer als Personen galten und Frauen sowie Kinder, Schwachsinnige und Tiere zur Kategorie der Sachen zählten, sind wir heute glücklicherweise anderer Auffassung. Selbstverständlich sind heute beide Vertreter der Geschlechter, sowie die Imbezilen auch, als Personen zu behandeln – dies soll definitiv keinem abgesprochen werden; der unveräußerlichen Menschenwürde sei Dank! Was eine Person aber auch auszeichnet, und dies war schon in der Antike der Fall, ist der Umstand, dass eine Person selbstverantwortlich handelt. Einer Gurke kann kaum so etwas wie Autarkie zugesprochen werden. Ergo ich bin nicht im eigentlichen Sinne was ich esse. Aber wie selbstverantwortlich bin ich, wenn mir meine Hauptnahrungsmittel von anderen aufgetischt werden? Als Kind kocht Mutter und als Student kocht wer?

451px-Arcimboldo_VegetablesEventuell kocht die Mensa und am Wochenende die oben erwähnten Billiglokale oder ein Fertiggericht muss hinhalten. Maggi und Co. verzeichnen reißende Absätze – nicht umsonst feiert die Konservendose ihr 200-jähriges Jubiläum. Tausende Studenten, die Zukunft unserer Nation, allesamt Personen, manch einer davon sogar mit Persönlichkeit, können Großkonzerne bilanzieren, Raketen bauen und Hochhäuser planen. Aber seltsamer Weise scheint es dabei als advanced challenge, Spaghetti al dente zu kochen. Und warum? Nicht weil gesundes Essen, ohne Geschmacksverstärker, etwa zu teuer wäre. Nein, sie wissen es oft nicht besser oder sie können schlicht nicht kochen. Wie oft war ich schon von Kommilitonen zum Essen eingeladen oder habe meinen Mitbewohnern beim Kochen zugeschaut. Meist geht der kulinarische Horizont dabei nicht über den eines Kindes. Aufläufe aller Art, am liebsten mit Maccheroni oder Hackfleisch, werden zubereitet. Die günstige Teflonpfanne muss für alles herhalten, egal ob Spiegelei oder Minutensteak. Die guten Bürgermaultaschen werden gebraten, bis auch das letzte Tröpfchen Flüssigkeit entschwunden ist, usw. Das ist traurig und entspricht nicht dem ansonsten hochgesteckten Anspruch der Studenten an, beispielsweise, den Ruf ihrer Universität, ihre Dozenten oder ihre Noten.

Es ist nicht schwierig gutes und köstliches Essen zuzubereiten. Es ist auch nicht teuer. Jeder kann das. Kochen hat mit Leidenschaft zu tun. Es zeugt von Kultiviertheit und Lebensgefühl. In dieser männerlastigen Stadt Karlsruhe kann ein bisschen Leidenschaft nicht schaden – es erhöht zudem die Chancen auf dem Heiratsmarkt. Essen soll nicht nur 2010 für Kultur stehen, es sollte dies für den Rest unseres Daseins. Die Zukunft unserer und anderer Nationen darf nicht zulassen, dass wir diesen bereits eingeschlagenen Weg weitergehen. Derselbe Anspruch, den man an seine Noten stellt, sollte man auch in die Küche transferieren.

Mein Plädoyer:

496px-Giuseppe_Arcimboldo_-_Autumn,_1573Damen und Herren Wissenschaftler, verbannt den “Curry King” aus euren Küchen und gebt euch nicht der Illusion hin, auch nur irgendetwas gespart zu haben, wenn der Wurstsalat mit Pommes nur 2,90 € kostet. Zeigt, dass ihr Personen im eigentlichen Sinne seid. Öffnet der Leidenschaft die Türen sooft es geht – und nicht vergessen: eine Teflonpfanne hat ihre Daseinsberechtigung, aber man brät kein Steak darin.

Auch Giuseppe Arcimboldo (1526 – 1593) hat im Menschen die Naturverbundenheit, aber vor allem die -abhängigkeit gesehen. Seine gemalten Menschen bestehen ausschließlich aus “natürlichen” Bestandteilen der Natur. Diese lässt sich nicht in Formen pressen, genauso wenig wie ein gutes Schnitzel.
Gerade zur Spargelzeit hier das passende Rezept:
(Je nach Personenanzahl)
mind. 1 Bund grüner Spargel
Pfeffer, Salz, Zitrone, Olivenöl, Parmesankäse (bitte am Stück)
Zubereitung:
Spargel großzügig am unteren Ende abschneiden (bei dicken Exemplaren eventuell unteres Drittel schälen), 5-7 Minuten in Salzwasser kochen. Abtropfen lassen, Öl, Zitronensaft (2:1), Salz und Pfeffer darüber geben, gut mischen und zum Schluss den Käse darüberreiben. Wahlweise mit frischen Tomaten oder geräuchertem Schinken servieren. Zubereitungszeit: 10 Minuten / Kosten: 3-4 €, sofern die Grundlagen vorhanden sind
Mojique Vincent Herrmann

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